Donau: Slowakei

Das erste, was wir von der Slowakei gesehen haben, war die Hauptstadt. Nun radeln wir weiter die Donau entlang und sind gespannt auf das eigentliche Land. Es geht vielversprechend los. Wir sausen durch wunderbare Landschaften. Sehr flach, entlang der Donau stehen in den Auen wahnsinnig dicke, hohe und raumgreifende Bäume. Dicht an dicht stehen diese Baumriesen hier und sehen sehr alt und sehr würdig aus, so als hätten sie schon viel gesehen und erlebt. Sie wirken so, als wäre ihnen das Gewusel der Welt egal, sie wachsen einfach in alle Richtungen vor sich hin. Das beeindruckt uns.

Die Bäume beeindrucken uns und die Tierwelt. Wir haben auf der gesamten Tour schon so viele Tiere gesehen. In der Slowakei läuft uns Rotwild über den Weg und Federvieh! Das ist von uns Radfahrern ziemlich unbeeindruckt und macht nur widerwillig den Weg frei. Andere wiederum suchen schnell das Weite wenn wir uns nähern und lassen sich nicht so gut mit dem Foto einfangen.

Nachdem wir in Österreich so wunderschön über die frisch geteerten und idiotensicher ausgeschilderten Wege gerauscht sind, sieht das hier etwas anders aus. Die Schilder sind sehr viel kleiner, dafür aber mit Fotos bestückt. Man muss nicht einmal lesen können.

Allerdings lässt die Qualität der Straße nach. Es gibt einen wilden Mix von wunderbar geteert bis hin zu Rumpelkiesel. Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir nicht unvermittelt in Schlaglöchern stecken bleiben. Unsere Räder werden jedenfalls einem ordentlichen Materialtest unterzogen und wir dem ein oder anderem Reaktionstest.

Was wir von der Slowakei so sehen ist bunt gemischt. Auf der einen Seite sind da Neubaugebiete mit kleinen Häusern und Gärten, frisch gestrichen und im Aufbau. Auf der anderen Seite gibt es Müll, Vandalismus und kaputte Sachen. Müll liegt hier überall herum, kaputte Dinge bleiben kaputt, werden nicht weggeräumt, oder abgesperrt. Wir finden Gebäude, die offensichtlich schon lange leer stehen so stark sind sie bereits eingewachsen. Für uns ist das ein bisschen Abenteuer da herum zu streifen und Fotos zu machen, aber ein trauriger Eindruck bleibt.

Wir landen in einer Kneipe, der Wirt versorgt uns mit Tee und Kofola, der slowakischen Cola-Antwort. Uns schmeckt sie gut und wir nehmen gleich eine Flasche mit. Der Wirt setzt sich zu uns und fragt nach dem Woher und Wohin. Er ist Österreicher, der seit 15 Jahren hier in der Slowakei an der Grenze zu Ungarn lebt und zeichnet ein sehr düsteres Bild: im Grenzgebiet Slowakei-Ungarn leben viele Menschen mit ungarischen Wurzeln (Magyaren), die sich zu Ungarn gehörig fühlen. Ihre ungarische „Heimat“ haben sie durch die Grenzziehung nach dem ersten Weltkrieg (!) verloren. Eine funktionierende Integration habe in vielen Bereichen nicht stattgefunden, die Arbeitslosenquote sei hoch und die Regierung und Brüssel seien daran Schuld. Sein Hauptverdienst, erzählt der Wirt, liegt im Verkauf von Alkohol an die Dorfbewohner und in der Tat ist Sonntags um 13 Uhr ein verrauchter Nebenraum mit Leuten gefüllt, die nicht mehr nüchtern sind und vom Bier bereits zu Gin oder Vodka übergehen. Die desillusionierten, populistischen Sprüche sind nicht schön und ziemlich menschenverachtend. Wir fahren überaus bedrückt und irritiert weiter. So düster haben wir das nicht wahrgenommen und wollen es auch nicht für bare Münze nehmen.

Wir beginnen nun zu begreifen, was uns vorher durcheinander gebracht hat: Wenigstens „Guten Tag“ und „Danke“ eignen wir uns in jeder Sprache an, um eine rudimentäre Höflichkeit und guten Willen zu zeigen. In einigen Läden werden wir mit unseren slowakischen Bemühungen schräg angeschaut, oder, wenn wir nachfragen, werden uns die ungarischen Worte genannt. Was uns noch mehr verunsichert! Wir wissen gar nicht mehr was wir sagen sollen, um nicht völlig ignorant und unsensibel zu wirken. Deutsch und Englisch wird nicht viel gesprochen, Slowakisch und Ungarisch sind Minenfelder für uns. Sehr kompliziert!

Da wir uns die ganze Zeit durch das Grenzgebiet fahren, haben wir den Eindruck, die Slowakei außerhalb Bratislavas noch nicht wirklich kennengelernt zu haben.

4 Kommentare zu „Donau: Slowakei

  1. Das ist ja ein tiefbeeindruckendes Zeitdokument über die späten Folgen von Machtstrukturen, die vor Jahrhunderten installiert, aber nie im Sinne der beteiligten Menschen aufgearbeitet und korrigiert wurden. Leider gibt es in Europa noch viele davon. Ihr habt wohl ein Verständnis für die augenblickliche Situation und das Gefühl, aktuell daran nichts verbessern zu können.
    Kommt gut weiter!

    Gefällt 1 Person

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