Donau: Serbien

Nachdem wir die vier radelnden Kroaten getroffen und so schön mit ihnen Kaffee getrunken haben, fahren wir über die Donau nach Serbien. Als erstes müssen wir an einer Müllkippe vorbei. Das ist kein schöner Auftakt für ein neues Land. Es stinkt eklig, der Müll liegt offen rum, Wind weht ihn über den Weg und in die Donauwiesen hinein, alles ist verdreckt. Mitten in all dem stinkenden Zeug steht eine Kuh mit einer langen Leine an einem Baum festgebunden und grast. Der dazugehörige Hof ist direkt neben der Kippe. Es wirkt unsagbar trostlos und traurig.

Das Müllproblem ist allgegenwärtig. Überall und immer finden wir Müll! Gibt es hier keine Wertstoffhöfe und keine Müllabfuhr? Oder ist es den Menschen hier egal wie es um sie herum aussieht? Wir sind fassungslos. Selbst in den entlegensten Ecken liegen Berge an Müll, alles wird hier irgendwo hingeschmissen. Eigentlich ist das Land schön, oder könnte schön sein, aber der Eindruck der sich bei uns festsetzt ist der von Dreck und Gestank!

Unser Weg führt weiter, nun geht es ein Stück an der Hauptstraße entlang, mit den bekannten Schwierigkeiten von Autos, die sehr schnell an uns vorbeiziehen und dabei zu wenig Abstand lassen. Insgesamt sehr unerfreulich und wir finden Serbien bislang doof. Wir treffen ein radelndes Pärchen, die ihre Räder über den Grasstreifen neben der Straße schieben (eher wuchten und zerren) da ihnen die gefährlichen Autos an die Nerven gehen. Wir unterhalten uns über die unsagbaren Verhältnisse hier und hoffen auf bessere Wege, wenn erst einmal die Hauptstraße verlassen werden kann.

Zum Glück ist es so! Der Radweg verlässt die Hauptstraße und führt entlang der Donau, oben auf dem Damm mit einer tollen Sicht auf den Fluß und die Berge (ja, es gibt Berge). So zeigt sich das Land viel schöner (wenn man es schafft den ewigen Müll zu ignorieren). Wir nähern uns Novi Sad, der Stadt, die wir genauer anschauen wollen. Der Radweg ist voll mit Menschen, die hier spazieren gehen, oder zum Angeln fahren, Freunde treffen…. Schön lebendig ist das.

Was uns ebenfalls stört sind die vielen Hunde, die hier herum laufen. Wir haben einiges darüber gelesen und von anderen Radlern gehört. Im Balkan rennen viele herrenlose Hunde herum und es kann sein, dass sie Radelwaden zum Hineinbeißen schön finden. Die meisten Hunde, denen wir begegnen, liegen relativ entspannt da oder begnügen sich mit Bellen, aber was bedeutet das schon? Ein Hund läuft 10 km mit uns mit, mal hinter uns, mal vor uns und mal mit augenscheinlichem Interesse an unseren Beinen. Wie wir uns verhalten müssen, wissen wir nicht genau.

Wir kommen in Novi Sad an. Novi Sad ist Kulturhauptstadt 2021, bzw. wegen Corona auch noch im nächsten Jahr 2022. Außerdem ist es die Partnerstadt von Dortmund. Das hatten wir alles gar nicht auf dem Schirm! Viel ist renoviert worden und sieht gut aus, ein nettes Flair und freundliche Menschen überall. Bei der Burg treffen wir Julia und Kimon wieder, die beiden Radler, die ihre Räder entlang der Hauptstraße geschoben haben. Wir feiern, dass wir alle heil und gesund hier angekommen sind im Café.

In Belgrad, der Stadt, die als nächstes auf unserer Route liegt ist es wie schon gehabt: Die Wege sind für Radfahrer eine Katastrophe und überall ist Müll unser Begleiter! Keine Stadt war bislang so hässlich, dreckig und abweisend wie Belgrad. Dabei gäben Lage und Landschaft durchaus was her.

Wir sind mit unserer Radtour im Norden von Europa gestartet und haben dort sehr viele Eindrücke zum Winterkrieg bekommen. Im Baltikum ging es damit weiter und die Erinnerung an Kriege und Besatzungen ist allgegenwärtig und prägt die Identität der Menschen. Hier im Balkan ist es nicht anders und wir haben den Eindruck, dass uns unsere Tour entlang einer Strecke von Krieg und Trauma führt. Immer wieder kommen wir an Mahnmalen vorbei. Es liest sich schaurig, wenn eine lange Liste mit Namen dort steht und alle aufgeführten Menschen im gleichen Jahr gestorben sind. Ob nun 1945 oder 1991 macht da keinen Unterschied!

In Belgrad ist Kathrins Opa in Kriegsgefangenschaft gestorben. Wir legen zum Gedenken Blumen nieder. Weil es das Grab nicht mehr gibt – dort ist jetzt eine Autobahn – suchen wir einen passenden Ort an der Burg, mit Blick über die Stadt. Natürlich sind auch unsere Familien durch die Weltkriege berührt worden und das wirkt immer noch nach. Uns wird hier sehr deutlich wie viel bescheuerten und gruseligen Einfluss Kriege auf das Leben der Menschen, auch noch Generationen später, haben.

Was uns in Serbien gut gefällt sind die Menschen. Wir treffen immer wieder viele hilfsbereite und freundliche Menschen die toll finden, wie wir reisen. Autos hupen und uns wird der Daumen hoch gezeigt, in einem Café bekommen wir Kaffee und Cockta (hiesige Cola) auf Kosten des Hauses, nachdem der Chef uns ausgiebig ausgefragt hat; in Belgrad dürfen wir bis zum Abend in unserer Unterkunft bleiben, der Vermieter schreibt: „… stay as long as you need, I like your style of living, maybe I’m even a little bit jealous …”.

3 Kommentare zu „Donau: Serbien

  1. Was für ein Wechselbad der Gefühle! Ekel vor Müll, Angst vor Rasern und Hunden, Trauer über die Kriegsopfer, Freude über die Schönheit der Donau, das heile Ankommen und die Begegnung mit netten Menschen. Gute Weiterreise Ihr zwei!

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  2. Das Müllproblem haben wir 1981, im damaligen Jugoslawien, ausgiebig und genau SO erlebt ! Besonders gruselig war’s nach der ersten Kurve raus aus dem Dorf, raus aus der Stadt, – und wenn wir abends einen Schlafplatz suchten, dann mussten wir höllisch aufpassen! Damals hätten wir uns nicht vorstellen können, dass sich solcherart Probleme über Jahrzehnte halten.
    Wundert es uns dann, wie Kriege Generationen übergreifend in uns allen ihre Wirkung zeigen?

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