Entlang der Küste

Wir lassen Danzig hinter uns fahren weiter entlang der Küste, immer Richtung Westen durch einen ständigen Mix aus Rummelplatz mit vielen Menschen, ruhigen Abschnitten mit Mini-Dörfern, Waldgebieten und Seen. Es ist eine ziemliche Wundertüte, weil wir nicht wissen, was hinter der nächsten Kurve kommen wird. Mit den Straßenbelägen ist es ähnlich: es gibt glatten Asphalt, Sand, Schotter, Waldwege und Huckelpisten. Wahlweise mit Längs- und Querrillen.

Je weiter wir nach Westen kommen, um so besser ist der Weg markiert und ausgebaut. Zwischendurch können wir kilometerlang auf gepflasterten Wegen fahren. Auch die Dichte an Radfahrern nimmt zu. Es kommen uns sehr viele Leute entgegen, die die richtige Wahl getroffen haben: sie fahren von West nach Ost, also mit Rückenwind. Wir nicht und folglicn müssen wir uns immer wieder ordentlich in den Wind stemmen, um vorwärts zu kommen.

Störche haben uns seit Beginn der Reise begleitet. Vor drei Wochen saßen die Kleinen noch ziemlich versteckt, nun sind sie groß und stehen gut sichtbar in den Nestern und üben ihre Flügel. Mal sehen, wann es losgeht und ob wir sie beim Abflug sehen werden.

Wir durchqueren den Slowinski-Nationalpark, eine Wohltat, denn es ist heiß und unter den Bäumen ist die Luft angenehm kühl. Es lässt sich gut aushalten, auch die Tatsache, dass wir komplett die Route verlieren, einmal im Kreis fahren und der Weg kaum als solcher zu bezeichnen ist, wirft uns nicht aus der Bahn. Als wir endlich wieder die richtige Sand-Route gefunden haben queren etwas vor uns zwei Wölfe den Weg. Wir nehmen zumindest an, dass es Wölfe sind, denn alle anderen Tiere, die es hier in diesem Park gibt, passen nicht ins Bild. Ganz sicher sind wir uns nicht, aber aufregend finden wir es jedenfalls. Bei der Recherche, ob es tatsächlich Wölfe gewesen sein können, finden wir unter anderen auch diesen interessanten Artikel.

https://polenjournal.de/kultur-lifestyle/4509-ein-wolfsrudel-spaziert-durch-polnische-wanderduenen?highlight=WyJ3XHUwMGY2bGZlIl0=

Nach der Wolfssichtung und dem Kreisfahren landen wir auf einem abgelegenen Campingplatz. Dort stehen Wagen und Zelte der Freiwilligen Feuerwehr Berlin. Es ist ein Ferienaustausch mit den Kindern der hiesigen Feuerwehr. Wir kommen mit den Betreuern ins Gespräch, dürfen uns über die Reste des Abendessens hermachen und finden Würstchen mit Kartoffelsalat ganz großartig! Zum Dank spielen wir noch ein paar von unseren Liedern und auch, wenn wir nicht alle polnisch oder deutsch können, klappt die Verständigung bestens und wir verbringen einen schönen Abend. Außerdem erfahren wir, wie das Zeichen für den Bevölkerungsschutz aussieht. Das kannten wir bislang nicht, nun sind wir ein wenig schlauer.

https://roter-kreis.de/Zivilschutzzeichen

Und so radeln wir immer weiter an der Küste entlang bis zur polnisch-deutschen Grenze. Ab da nehmen wir den Zug, bzw. viele Züge und fahren nach Bünde, zu Kathrins Eltern und dann nach Dortmund. Gerade noch passend, dass wir Bilge sehen können. Eine liebe Freundin aus der Türkei, die für drei Wochen bei uns in Dortmund war. Jona hat sie gut versorgt und nun können wir sie noch kurz sehen und verabschieden.

Danzig und Dreistadt

Auf dem Weg nach Danzig kommen wir erst durch Felder und viel Wald, dann wird es zusehends voller, hier sind lauter kleine Ortschaften, die vom Tourismus leben. Ein Lädchen mit Sonnencreme und Schwimmreifen reiht sich an das nächste, dazwischen Fischbuden, Radverleih, Minikirmes mit Hüpfburgpark und Eiswagen. Ab und an auch eine Schleuse oder ein bisschen Petrochemie. Es sieht immer mehr nach Stadt aus, es gibt Radwege und der Autoverkehr nimmt zu. Wir biegen rechts ab durch ein Tor und sind in einer anderen Welt. Mitten im Menschengewimmel auf einer Straße gesäumt von hanseatischen Gieblen und Fassaden. Völlig irre dieser Wechsel. So muss das wohl auch im Mittelalter gewesen sein, wenn man durch das Stadttor kam.

Die nächsten zwei Tage verbringen wir mit der Erkundung von Danzig. Eine tolle Stadt mit vielen spannenden Ecken und einer sehr wilden Geschichte. Immer wieder andere Herrscher, dazwischen Unabhängigkeit, als wichtige Hansestadt auch viel Multikulti. Hier war ein wichtiger Standort bei der Unabhängigkeit Polens von der Sowjetunion im Zuge der Solidarność-Bewegung. Wir erkunden Danzig gemeinsam mit Thomas, den wir bei der Stadtführung kennen gelernt haben. Eigentlich will er immer zu seinem Zeltplatz, aber dann ist es noch so nett zusammen.

Bei der Stadtführung erfahren wir auch vom gerade stattfindenden Carillon-Festival. Das sind die Glockenspieler, die an Kirchtürmen diese Spiele betätigen. Das lassen wir uns nicht entgehen und sitzen so am Abend in einem kleinen Platz auf dem eine Leinwand aufgebaut ist. So sind die Glocken nicht nur zu hören, sondern man kann auch sehen wie gespielt wird. Als das beendet ist finden wir Drei noch eine Bar, in der nur ein Getränk verkauft wird, ein Kirsch-Schnaps…. Jetzt muss Thomas sich aber beeilen, sonst ist sein letzter Bus weg. Wir haben die Räder und rollen zu unserem Nachtlager.

Nach zwei Tagen ist das Wetter nicht mehr ganz so heiß und wir können wieder auf die Räder, ohne einen Sonnenstich zu riskieren. Es geht direkt an die Küste, man braucht nur den Menschenströmen zu folgen, denn am Wochenende und in den Ferien zieht es die Menschen an den Strand. Alles ist hier voll mit Menschen, Buden, Schwimmtieren, Eisständen, s.o.. Okay, der Radweg ist super ausgebaut, wir könnten darauf entlangbrausen, mit hunderten von anderen Menschen wird es dann aber etwas langsamer. Nahtlos geht es von Danzig über in die Kurstadt Sopot und dann nach Gdynia, die drei Orte formen die sogenannte Dreistadt, eine Gebiet mit über einer Million Einwohnern. Gefühlt sind gerade alle am Strand oder auf den Weg dorthin. Kathrin mault ordentlich rum und meint, wenn das so weitergehe sitze sie in zwei Tagen im Zug auf dem Weg nach Hause. Kaum gesagt, leert es sich und der Wald wird wieder sichtbar. Dafür muss das Rad jetzt die Treppe hoch… .

Auf nach Polen

Es geht durch Litauen Richtung Polen. Es ist eine landwirtschaftliche Region und so kommen wir an vielen großen Höfen vorbei. Felder und Wiesen bestimmen das Bild. Das Wetter ist sehr fahrradfreundlich und so gleiten wir entspannt durch das Land. Schon fast an der Grenze zu einem Idylle-Überfluss.

Am frühen Morgen radelt mit uns ein Soldat über die Straße. Zum Nato-Gipfel in Vilnius wird er es nicht mehr rechtzeitig schaffen.

Und dann sind wir in Polen. Der Grenzübergang ist unspektakulär. Kontrollen gibt es ein paar auf der Gegenseite, bei der Einreise nach Litauen, aber das ist wohl dem NATO-Gipfel geschuldet und keine dauerhafte Einrichtung. Wie an anderen innereuropäischen Einrichtungen rotten die Übergänge etwas vor sich hin.

Wir sind nicht wirklich gut vorbereitet auf diese Route und fahren mit unseren üblichen Navigationsmitteln mehr oder weniger ins Blaue. Da stellen wir fest, dass es in Polen einen Radweg gibt: Green Velo. Er führt von Elblag (im Norden) entlang der russischen, litauischen und belarussischen Grenze in den Süden des Landes. Den nördlichen Teil dieses Weges können wir fahren, der Weg ist gut ausgeschildert und verläuft immer wieder auf alten Bahntrassen (keine großen Steigungen). Gut beschildert heißt aber nicht unbedingt gut ausgebaut, denn es ist viel Schotterpiste mit Querrillen dabei und an einer Stelle müssen wir zwei große Erdhügel meistern und dann über eine alte Brücke …. Schieben ist hier die bessere Option!

Weiter geht‘s

Wir sind nicht mehr im Sabbatjahr. Seid einem Jahr sind wir zu Hause und leben wieder normal und geregelt an einem Fleck. Aber wie so viele andere Menschen auch juckt es uns wieder zu verreisen und so nutzen wir die Ferien um an unserem Langzeitziel „Iron curtain trail“ weiterzumachen. Für vier Wochen werden wir uns auf die Räder schwingen und ein Stück der Route weiterradeln.

Von Dortmund geht es mit dem Zug und der Fähre nach Liepaja (Lettland), dort wo wir vor zwei Jahren vor der Kälte geflohen sind. Jetzt ist es angenehm warm. Als wir ankommen, ist es zwar mitten in der Nacht aber wir können an einer Strandbar unsere Ankunft in Lettland feiern. Am Zeltplatz feiern die Mücken ebenfalls unsere Ankunft. Okay, die finden es auch gut, dass es warm ist….

Dann geht es so richtig los und wir steigen uns am nächsten Morgen auf die Räder. Es muss sich erst wieder ein wenig Routine einstellen: wo war nochmal die Isomatte verstaut? Wo steckt das Küchenmesser, ist die Gaskartusche da? Lauter Kleinigkeiten, die uns ein unserem Fahrradjahr so vertraut geworden sind müssen trotzdem aus dem Gedächtnis gekramt und neu belebt werden. Zum Beispiel auch, dass es in Lettland „Karums“ gibt: Kleine Quarkklötze mit Schoko umhüllt. Kathrin schwebt im Quarkhimmel und kann bei Sonnenschein sogar auf die ein oder andere Zimtschnecke verzichten.

Der Iron curtain trail geht immer entlang der Ostseeküste von Lettland nach Litauen und die russische Enklave Kaliningrad entlang bis nach Polen und Deutschland. Nach Litauen fahren wir und auch die Kurische Nehrung südwärts bis zur kleinen Ortschaft Nida, dann aber ist Schluss, weil Russland beginnt. Ein Visum wollen wir bei den derzeitigen politischen Umständen gar nicht erst beantragen. Darum müssen wir um Kaliningrad herumradeln, wie um eine Insel. Na, dann mal los.

Kaunas und Riga

Helmuts und Andris (beide haben wir auf unsere langen Reise in Riga kennengelernt) wollen wir gerne wieder treffen. Wir fragen an, wann und wie das möglich ist: wir sollen nach Riga kommen! Denn dort findet derzeit das Sängerfest statt. Das geschieht nur alle fünf Jahre und dann ist die Hälfte der Bevölkerung mit Singen und Tanzen beschäftigt, die andere Hälfte arbeitet, so die Aussage von den beiden. (Die Bevölkerung des ganzen Landes ist gemeint, nicht die der Stadt). Also auf nach Riga und hinein ins Gesangsfestivalgetümmel. Mit den Rädern ist uns das allerdings zu weit und auch zu weit ab von unserer Route. Also geht es erst nach Kaunas. Und von dort mit dem Bus nach Riga und wieder zurück.

Kaunas überrascht uns. Wir haben keine großen Erwartungen an die Stadt und landen dann in einer hübschen, mittelalterlich geprägten Szenerie, die aber auch mit modernen Dingen aufwarten will und kann. Besonders gut gefällt uns die StreetArt, die gefühlt an jeder Ecke zu finden ist.

Einen Tag haben wir uns Zeit für Kaunas genommen, um die Stadt zu erkunden, aber auch um einen Platz für unsere Räder zu finden, die wir nicht im Bus mitnehmen können und wollen. Schon vor einigen Tagen haben wir über diverse Apps und Informationsdienste versucht, etwas zu finden, allerdings bislang ohne Erfolg. Wir versuchen es mal bei der Gepäckaufbewahrung am Busbahnhof und siehe da: überhaupt kein Problem. Selbstverständlich können wir die Räder mit den restlichen Taschen abgeben und natürlich können sie mehr als 24 Stunden da bleiben und natürlich gibt es Platz dafür. Warum wir denn so komische Dinge fragen? Nun, in anderen Ländern ist das nicht immer so einfach. Hier aber schon und so bleiben unsere Räder hier und warten auf uns, während wir uns drei Tage in Riga rumtreiben.

In Riga angekommen, fühlen wir uns ein bisschen wie zu Hause und stromern durch die Stadt und entdecken bekannte Dinge. Kathrin trifft Kollegin Marion aus Bochum, die ebenfalls in Riga ist.

Das Sängerfest mit Helmuts und Andris ist ein Traum. Alle 5 Jahre kommen für 10 Tage Letten aus dem ganzen Land und der ganzen Welt nach Riga, um zu singen, zu tanzen und zu feiern. Bei Helmuts können wir wohnen, er singt im Riesenchor mit und ist die ganze Zeit unterwegs, um zu proben, Andris macht den Fremdenführer, empfiehlt, wo wir hingehen sollen, liefert Hintergrundinformationen und kommt mit zum Konzert, für das uns Helmuts Karten besorgt hat. Es ist am Mittwochabend, ein emotional nicht so bedeutsames Konzert, wie das Abschlusskonzert am Sonntag. Daher gibt es auch noch Karten. Die Karten für das Konzert am Sonntag sind schon lange weg und werden ebenso heiß gehandelt wie bei uns die Karten für ein Pokalendspiel in Berlin. Aber die Atmosphäre ist gleich gut und besonders versichern uns die Beiden.

Schon auf der Hinfahrt zum Konzert,in der vollgestopften Bahn, wird gesungen. Viele Menschen tragen die farbenfrohen Trachten und haben dicke Blütenkränze auf dem Kopf. Dann beginnt das Konzert in dem eigens dafür gebauten Platz für 17.000 Sänger:innen. Bei jedem Lied wird der Dirigent:in gewechselt und jeweils mit großem Applaus (von den 17.000 Sänger:innen und dem Publikum) verabschiedet und willkommen geheißen. Die Dirigent:innen stehen auf einem Gerüst gut 8m hoch, damit sie gut gesehen werden. Wir fragen uns, wie das geht, dass eine Person so viele Menschen dirigiert, aber es klappt tadellos! Es werden alte und neue Lieder gesungen, Andris, der uns zu dem Konzert begleitet, kennt fast alle Texte. Die Stimmung ist festlich und zufrieden, es wird nicht herumgerannt, laut geredet, gegessen oder getrunken und das, obwohl die Atmosphäre an Picknick erinnert. Wir sind hin und weg. So eine besondere Stimmung mit so vielen Menschen haben wir noch nicht erlebt.

Von Andris und Helmuts erfahren wir, dass viele Menschen kurz vor dem Fest noch extra in einen Chor oder eine Tanzgruppe eintreten. Helmuts ist extra in den Juristenchor eingetreten, damit er mitsingen kann. Aus allen Ländern reisen Lett:innen an um z. B. als „Lettischer Chor aus Belgien“ mitzumachen. Wo schon mal alle da sind, werden dann auch noch Konferenzen und Wirtschaftstreffen abgehalten. Ganz schön praktisch.

Ziemlich glücklich, dass wir das miterleben durften, fahren wir wieder zu unseren Rädern nach Kaunas und von dort weiter Richtung Polen.

Litauen 1

Nach Lettland landen wir in Litauen. Zunächst unterscheiden sich die beiden Länder nicht so sehr in unseren Augen. Wir können beide Sprachen nicht. Im Litauischen gibt es an manchen Buchstaben noch lustige Haken und Krakel, die uns nichts sagen und die es unmöglich machen, eine klangliche Vorstellung von einem geschriebenen Wort zu bekommen. Mit Englisch kommt man hier aber auch sehr weit. Die Landschaft ist weit und flach.

Nun geht uns um Kaliningrad herum ins Landesinnere. Abseits des Ostseestrandes sind Zeltplätze nur vereinzelt zu finden. Wir versuchen, mit Karten und diversen digitalen Helferlein einen Ort für die Nacht zu entdecken. So führt uns die Campingplatzsuche nach Smalininkai. Auf dem Weg dorthin werden wir von einem heftigen Gewitter eingeholt. Es schüttet auf uns herunter, die Straße ist sofort unter Wasser und es blitzt und donnert gleichzeitig. Weiterradeln ist hier nicht angesagt. Wir stellen uns zunächst neben die Straße in die Nähe der Bäume, um nicht auf der Straße vom Blitz getroffen zu werden. Blitze und Donner wechseln sich ohne Pause ab. Dann beginnt es auch noch zu hageln, kirschgroße Hagelgeschosse sausen auf uns nieder. Es ist wirklich gut, dass wir die Helme aufhaben, das würde sonst sehr weh tun! Kurz zuvor sind wir doch an einer Picknickhütte vorbeigefahren? Schnell zurück und dort Zuflucht suchen. Wir stellen uns in der Hütte unter, auch die Räder können mit rein und wir trocknen uns notdürftig. Jetzt gibt es erst mal Tee, bis das Unwetter vorbei ist.

Endlich hört das Gewitter auf und das Wetter tut so, als sei nie etwas gewesen, die Sonne scheint und wir machen uns auf den Weg zum Campingplatz. Unterwegs kommen wir an einem Baum vorbei, in den der Blitz kurz zuvor eingeschlagen hat. Auf der Straße liegen im Umkreis von 20 Metern Rindenstücke und Holzbrocken. Der Stamm hat eine dicke Schneise, die von oben nach unten führt. Wir sind sehr froh, dass wir nicht in der Nähe waren, als das passierte!

Und dann sind wir endlich am Campingplatz. Naja, die App sagt wir wären da, es sieht allerdings nicht so aus. Hier ist ein Museum für alte Dinge. Auf dem Gelände stehen alte Trekker, Autos, Mähmaschinen. Aber es gibt eine Nummer, die man anrufen kann. Dort bittet man uns 10 Minuten zu warten, dann käme jemand „to deal with the problem“. Es kommt ein freundlicher Herr, der uns gerne das ganze Museum zeigt: noch mehr gesammelte Gegenstände von Körben, über Nähmaschinen, Motorräder, Bücher, Webstühle, Bügeleisen, Telefone, Abhöranlagen (wir sind im Grenzgebiet zu Russland), Pabstbilder und und und. Wir erfahren, dass der eigentliche Museumsbesitzer und Initiator dieser unglaublichen Sammlung vor drei Monaten gestorben ist und dass Justino sich nun alleine um Alles kümmert. Wir bewundern und staunen gebührend. Dann bietet er uns an, auf dem Gelände zu übernachten. Wir bekommen Honig (er ist Imker), frische Erbsen (aus seinem Garten) und einen Platz in einem Schuppen angeboten, um dort zu schlafen. Strom legt er uns auch noch schnell, damit das E-bike geladen werden kann und Wasser gibt es aus dem Ziehbrunnen. Toilette? Das Gelände ist groß… Und so sind wir schließlich Nachts allein im Museum. Alles bleibt ruhig und friedlich und am nächsten Morgen können wir uns mit einer Polka aus dem Münsterland von Justino verabschieden, was er sofort filmt. Wir machen uns auf den Weg, er macht sich auf zu seinen Bienenfamilien.

https://m.facebook.com/100091060066601/videos/muziej%C5%B3-aplank%C4%97-muzikant%C5%B3-%C5%A1eima-i%C5%A1-vokietijos-sve%C4%8Diai-d%C4%97kingi-u%C5%BE-%C5%A1ilt%C4%85-pri%C4%97mim%C4%85-/173434302228785/?_rdr

Daten und Fakten

Tage unterwegs: 302 Tage

Zurückgelegte Kilometer: 14.021 km

Erstrampelte Höhenmeter: 63.780 m

17 Länder: Norwegen, Finnland, Estland, Lettland, Deutschland, Österreich, Slowakei, Kroatien, Ungarn, Serbien, Montenegro, Italien, Frankreich, Irland, Wales, England, Niederlande

10 Hauptstädte: Helsinki, Tallinn, Riga, Wien, Bratislava, Budapest, Belgrad, Rom, Dublin, Den Haag (Regierungssitz)

Verbrauchte Kalorien: 739.037 ZSEs (Zimtschneckeneinheiten)

25 UNESCO Weltkulturerbestätten: Altstadt Tallinn, Altstadt Riga, Wachau und Kloster Melk, Historische Altstadt Wien, Budapest, Dubrovnik, Region Kotor, die Trulli von Alberobello, arabisch-normannischen Kirchen von Cefalu, Palermo und Monreale, Ätna, Tempel des Agrigent, Syracusa, Nuragen auf Sardinien, Noto, Pompei, Historische Altstadt Neapel, Rom, Val d‘Orcia (Toskana), Siena, Pisa, Arles, Avignon, Lyon, Tal des Burgund, Loire-Tal

10 Fährfahrten (hier zählen wir die langen Fahrten über Nacht, kleine Fahrten über Flüsse und Meerengen zählen hier nicht mit): Travemünde – Helsinki, Liepaja – Travemünde, Dubrovnik – Bari, Palermo – Genua, Genua – Palermo, Neapel – Cagliari, Olbia – Civitavecchia, Roscoff – Cork, Dublin – Holyhead, Kingston upon Hull – Rotterdam

18 Zugstrecken: Dortmund – Bünde, Bünde – Lübeck, Helsinki – Rovaniemi, Rovaniemi – Kirkenes (Bus), Lübeck – Göttingen, Göttingen – Würzburg, Würzburg – Regensburg, Baja – Budapet, Budapest – Baja, Belgrad – Bar, Catanzaro – Reggio Calabria, Genua – Dortmund, Dortmund – Genua, Messina – Salerno, Cagliari – Iglesias, Pisa – Ventimiglia, Ventimiglia – Marseille, Lyon – Macon

Platte Reifen: 0

Krank: 1x Corona in Liverpool (Ben und Kathrin)

Ankommen

Nachdem uns Bine Schlaps in Holland verlassen hat, um wieder nach Bremen zu fahren, treten wir die letzen Etappen an. Es geht zurück nach Deutschland, entlang des Rheins und der Lippe, vorbei an inzwischen reifen Kornfeldern und durch kleine Wälder. Alles fühlt sich merkwürdig vertraut an. Hier können wir alles (!) verstehen, wir kennen die Attitüden und die Atmosphäre. Ganz ohne Überraschungen geht es aber nicht: Wir wollen mit der Fähre über den Rhein setzen und stellen fest, dass das 2,50€ pro Person kostet. Dumm nur, dass wir unser gesamtes Geld gestern auf dem Campingplatz gelassen haben, um die Übernachtung zu bezahlen. Kris schildert unsere Not dem freundlichen Büdchenbesitzer und prompt bekommen wir die Überfahrt spendiert. Für alle Vier! Hurra und Dankbarkeit, Glück und Überraschung: es geht weiter!

In Recklinghausen wohnen Bens Eltern, bei denen wir uns mit einem Kaffee für die allerletzte Etappe und das Ankommen zu Hause stärken dürfen. Wir kennen den Weg und die Umgebung. So ist das Ruhrgebiet. Felder, Straßen, Wohnsiedlungen und zwischendurch unverhoffte Ausblicke und Ansichten.

Und dann sind wir zu Hause. Unsere Jungs empfangen uns. Sie wissen mit unseren Marotten und Eigenarten umzugehen, bereiten uns einen herzlichen Empfang und halten es aus, dass wir nicht so richtig wissen wie wir mit uns umgehen sollen. Es ist ein glückliches und wehmütiges Gefühlschaos. Unsere Räder haben jetzt nicht mehr so viel Gepäck zu schleppen, wir packen die Taschen aus und staunen, was wir alles dabei hatten.

Jetzt beginnt das nächste Abenteuer: zurück in den Alltag. Ben sieht dem Prozess eher gelassen entgegen, Kathrin ist ungeduldig und weiß sich selbst nicht einzuschätzen. Aber auch das wird werden. Wir haben viele Menschen, die uns freudig empfangen und begrüßen.

Danke an euch alle, unsere LeserInnen! Das Wissen, dass ihr lesend uns begleitet, hat uns gut getan, die Kommentare auf den verschiedenen Kanälen haben uns bereichert und beflügelt. Es hat sehr viel Spaß gemacht, für euch zu fotografieren und zu schreiben. Ihr habt beträchtlich zu unserer Reise beigetragen! Takk, Kiitos, Aitäh, Paldies, Vd’aka, Hvala, Kösz, Хвала, Grazie, Merci, Thank you, Dankuwell, Danke!

Niederlande

Wir landen in Rotterdam. Zumindest steht das auf dem Ticket, genau genommen landen wir aber 32 km vor Rotterdam in Europoort und fahren dann die Strecke an nicht endenden Hafenanlagen vorbei in die eigentliche Stadt. Dazu müssen wir laut Navi über die Maas, es ist aber weit und breit keine Brücke in Sicht. Und nun? Es gibt einen Tunnel, nur für Radfahrer und Fußgänger. Dazu kann man mit Fahrstuhl oder Rolltreppe hinunterfahren, unter der Maas hindurch radeln und auf der anderen Seite wieder hoch. Autos und Motorroller oder Mofas dürfen hier nicht fahren und so stinkt es auch nicht nach Abgasen.

In Rotterdam fahren wir zum vereinbarten Treffpunkt. Dort warten bereits Kris und Jörg auf uns und empfangen uns mit Luftschlangen und Luftballons. Sie wollen mit uns gemeinsam die Strecke nach Hause radeln. Was für ein Freude und ein Glück. Mit so lieber Begleitung ist das Ende unseres Jahres und das nach Hause fahren viel leichter. Wir fühlen uns aufgehoben und verstanden, denn es ist schwer, das Nomadenleben auf dem Rad zu beenden. Auch wenn wir es jetzt nicht verlängern wollen würden und uns auf zu Hause freuen.

Bevor wir aber tatsächlich in Dortmund landen, schauen wir uns Den Haag, Delft, Gouda und lauter andere kleine Städte in den Niederlanden an. Die Grachten in den Orten, mit dem gemächlichem Wasser, die vielen Backsteinbauten und Kirchen lassen uns staunen. Alles strahlt eine angenehme Ruhe und Entspannung aus. Und immer bimmelt oder glockt eine Turmuhr. Einfach nur die Stundenzahl, oder oft auch mit vollem Einsatz diverser Glocken und Glockenspiele. Zwischen den einzelnen Orten ist viel Fläche, über die wir hinwegbrausen. Flach, von Gräben und Grachten durchzogen und immer wieder (klar) Windmühlen. Wo viele Windmühlen sind, da ist auch viel Wind. Er schiebt uns Richtung zu Hause als würde er drängeln und sagen: „Nun macht schon, ist alles nur halb so wild…“

Bine Schlaps stößt auch noch zu unsere kleinen Gruppe, ebenfalls eine liebe Urlaubsfreundin. Sie kommt extra aus Bremen angefahren und bringt im Auto ein Faltrad mit. So können wir zu fünft im Park Hoge Veluwe umhersausen und uns Museum und Skulpturenpark ansehen. Mit viel Körpereinsatz nähern wir uns der Kunst an.

England 3

Für England braucht man keinen Reiseführer mitzunehmen, die Menschen hier sind so mitteilsam, dass man alle Informationen bekommt, ob man will oder nicht. Egal wo wir stehen oder sitzen, immer werden wir angesprochen und ausgefragt, was wir tun und wie es uns in England gefällt. Dann werden wir mit einer Flut von Informationen überhäuft und manches davon ist wirklich informativ!

Endlich wieder eine Zimtschnecke. Obwohl wir uns hier mit Scones auch sehr gut versorgen können. It’s teatime my dear.

Wir fahren auf dem Trans-Pennine Trail quer durchs Land von Liverpool im Westen nach Kingston upon Hull im Osten. Wunderbare Landschaften, viele Felder für Kühe und Schafe, mit Hecken und Mauern abgetrennt, und immer wieder uralte Bäume. Wir sind völlig geplättet von der Macht und Fülle dieser uralten Baumriesen. Und dann sind da wieder die Kanäle, kleinen Flüsse, Seen: es ist eine großartige Landschaft, ist es nicht?

Ein Herrenhaus sehen wir uns an und bestaunen, wie vor über hundert Jahren so ein Anwesen organisiert war. Und nicht nur damals wurden hier wunderliche Dinge getan: wir beobachten eine Gruppe von Menschen in weißer Kleidung, die erst Kricket spielt (nicht das Spiel im Sportstadion, sondern das auf dem Rasen, bei dem mittels eines Hammers ein Ball durch ein Tor bugsiert wird) und dann auf dem Rasen einen Tee nimmt. (Englischer Tee wird nicht getrunken, sondern genommen.) All das auf dem großartigen Gartenareal, das zu Bordsworth-Hall dazu gehört.

In York und Beverly schauen wir uns die Minster an (Kirchen). Beide sind im gleichen Stil erbaut und lassen uns staunen ob der Vielfalt und des Detailreichtums. In York machen wir eine Free-Walking-Tour mit. Unser Guide ist Brite durch und durch und so lachen wir und kringelig bei all den interessanten Geschichten, die mit einer ordentlichen Prise britischen Humors vorgetragen werden.

Und dann ist auch schon unsere Zeit in England vorbei und wir fahren mit der Fähre von Hull nach Rotterdam. Nicht mehr lange und wir werden wieder zu Hause sein.