Pompei

Wir haben Sizilien verlassen. Nicht ohne eine kleine Portion Wehmut, wo wir doch so viele wunderschöne und bewegende Erlebnisse auf dieser Insel haben durften. Von der Insel sind wir eben hin und weg. Aber bevor wir so richtig begreifen was los ist, sind wir schon unterwegs zu neuen Ufern. In Messina kaufen wir ein Zugticket nach Salerno, der Zug fährt stündlich und – oh Wunder – unsere Räder mitzunehmen ist überhaupt kein Problem. Also geht es rauf auf die Fähre, rüber zum Festland und rein in den Zug. Und Zack, schon sind wir am Abend in Salerno angekommen.

Von dort radeln wir nach Pompei und schauen uns in der alten Stadt um. Es hat einen skurrilen Reiz, in dieser „toten“ Stadt umherzustreifen. Die Straßen sind da, die Hausmauern stehen, aber ohne Dächer. Die Stadt wirkt eher verlassen als ausgelöscht. Im Hintergrund ist der Vesuv zu sehen und gibt sich majestätisch, ungerührt und unschuldig.

Die Straßen sind spannend und wir sind sehr froh, dass wir hier nicht mit den Rädern hindurch müssen. Tiefe Rillen haben die Karren in den Stein hineingefurcht. Die Straßen liegen tiefer, wahrscheinlich, damit der ganze Unrat, der von den Häusern dorthinein gekippt wurde, auch Platz hatte. Damit man dann trockenen Fußes die Seite wechseln konnte, gab es Trittsteine, ein wenig wie monumentale Vorläufer des Zebrastreifens. Die Karren, die hier durchfuhren, mussten eine „Normbreite“ haben, sonst gab es kein durchkommen beim Zebrastreifen.

Die meisten Gebäude existieren nur noch durch die bröckeligen Mauern und lassen so den Grundriss erkennen. In einigen Villen, können wir aber noch Wandbilder und Mosaiken bestaunen. Das lässt erahnen was für eine Pracht in manchen Villen geherrscht haben muss. Alles so schön bunt hier!

Warum im Süden von Italien das Streetfood so beliebt ist und jede Region ihre eigenen Delikatessen hervorbringt, erklärt sich hier in Pompei: Streetfood hat eine uralte Tradition. In Pompei findet sich an jeder Ecke eine ausgegrabene „Garküche“. Leider sind die Töpfe und Tiegel leer….

Eine große Attraktion ist das Bordell von Pompei. In der Hochsaison stauen sich die Besucher angeblich sehr weit, um in dieses antike Freudenhaus hinzuschauen. Was wir zu sehen bekommen ist im ersten Moment ernüchternd: fünf Minikämmerchen mit einer steinernen Liege, die hoffentlich ordentlich gepolstert und mit Kissen ausgelegt war. Über den Türen sind Fresken, auf denen die angebotenen Dienste dargestellt sind. Pompei stand als Stadt unter dem Schutz der Göttin Venus, der Göttin der Liebe. Sexualität und das Ausleben derselben wurde als natürlich betrachtet. Die katholische Kirche mit ihrer Schamhaftigkeit und der Tabuisierung gab es noch nicht. Penisse sind als Symbol der Fruchtbarkeit und des Glücks im gesamten Stadtbild zu finden. Zum Beispiel bei einem Bäcker, der so auf sein gutes Brot aufmerksam machte. Allerdings ist es mit der Freizügigkeit nicht so leicht, denn die Frauen, die im Bordell arbeiteten waren Sklavinnen… Manches hat sich noch immer nicht geändert.

Wir laufen einen halben Tag durch dieses ausgebuddelte Museum, danach sind wir fix und fertig. Gut, dass es bis Napoli nicht mehr weit ist.

Sizilien 5

Wir sind wieder auf dem Rad. Unser Italienischkurs ist zu Ende und wir machen uns auf, die Insel fertig zu umrunden: Zack, es regnet! Wir radeln unter einem dicken „schlechtes Wetter- Tief“ mit ordentlich Regen, Wolken und Wind. Wir wollen uns nicht beklagen, denn der Wind kommt von hinten und schiebt uns ordentlich an. Sehr schnell legen wir die ersten 50 km zurück. Hinter Siracusa ist es nicht sehr schön, denn hier hat sich die petrochemische Industrie angesiedelt. Wir kommen durch unwirklich anmutenden Szenerien, bis wir an einer Trattoria halt machen. Wir haben Hunger und stellen die Räder vor der Tür ab. Da kommt der Besitzer heraus und meint, wir sollten die Räder mit reinnehmen, hier würden sie geklaut werden…. Kein Problem, die nassen Räder werden vor dem Klauen bewahrt, indem wir sie in die Trattoria hineinschieben. Hat der Chef so bestimmt und wer will sich einem sizilianischen Padrone widersetzen?

Unser nächstes Ziel ist Catania, die Stadt aus Lava am Fuße des Ätna und die zweitgrößte Stadt Siziliens. Nachdem sie vor 400 Jahren erst durch einen Vulkanausbruch und dann durch ein Erdeben zerstört wurde, hat man sie neu aufgebaut und am Reißbrett geplant. Schnurgerade und rechtwinklig angelegte Straßen ziehen Linien, an deren Ende man das Meer sehen kann, oder den Ätna sehen könnte. Den Berg bekommen wir nicht zu sehen, denn er ist konstant hinter Wolken verborgen, denn noch immer regnet es. Die Straßen, die mit Lavagestein gepflastert sind, wirken so noch schwärzer. Auf dem Markt stehen Grillstände, an denen Artischocken gegrillt/geräuchert/angebrannt werden… ganz genau lässt sich das nicht definieren. Neugierig probieren wir dieses saisonale Street-Food: Sensationell lecker! Von zwei Sizilianern werden wir noch darüber informiert, dass derzeit die Artischockenzeit ist, bald wird sie zu Ende gehen. Es gibt unendlich viele Rezepte, aber am Besten ist die erste Ernte, darin sind sich die Beiden einig. Es scheint ein ähnlich wichtiges kulinarisches Thema zu sein wie bei uns der Spargel. Nachdem wir die Stadt von oben nach unten und rechts nach links durchlaufen haben, ruhen wir uns in unserem Apartment aus und werden mit wunderbarer Musik belohnt. Die Vermieterfamilie besteht aus lauter professionellen Musikern und es wird geprobt: Ein Streich-Trio hält uns für 2 Stunden im Haus. Wie schön, Livemusik zu hören, es wird viel gelacht und zwischendurch werden einzelne Passagen auseinandergenommen, wie das so ist bei einer Probe.

Hinter Catania ist die Küste durch die schwarze Lava geformt. Bei Sonne und etwas Wind gibt es tolle Farbspiele mit dem blauen Himmel, der weißen Gischt und den schwarzen Felsen. Das sieht sehr toll aus und macht überhaupt keine Lust, dort hin zu gehen, denn die Steine sind scharfkantig und sehen bei näherer Betrachtung etwas garstig aus. Aber von weiter weg ist es prima.

Wir sind jetzt einmal rund um die Insel gefahren. Bei Giardini-Naxos schließen wir den Kreis, den wir im letzten November begonnen haben. Im November war es ruhig und still, jetzt ist viel mehr los. Noch immer sind wenig Touristen unterwegs, aber allerorten wird jetzt gesägt, gehämmert, geschweißt und geputzt, um die Saison zu eröffnen. Für unseren Vermieter sind wir aber soviel Sensation, dass er am nächsten Morgen fragt, ob er ein Foto von uns mit den Rädern machen dürfte. Gerne!

Sizilien 4

Wir gehen weiter zur Schule in Siracusa. Da die Wettervorhersagen nicht so warm aussehen, hängen wir noch eine Woche Italienischkurs dran. Es macht sehr viel Spaß, wenn einem die Lerninhalte fertig präsentiert werden. Normalerweise sind wir es, die diese Lernpäckchen packen und unseren SchülerInnen anbieten. Jetzt sind wir es, die das Angebot freudigst annehmen. Eleonora, unsere Lehrerin in Siracusa, lässt uns geduldig nach Worten suchen und mit der Grammatik ringen. Wir alle in der Klasse brauchen Minuten, um zwischen den „ääähs“ und „Mhmms“ und „öhs“ einen Satz zu formulieren, aber ganz langsam wird es flüssiger.

Nach der Schule gibt es zur Belohnung Mittagessen am Meer. Oder einfach auch nur weil wir Hunger haben und die Sonne scheint. Oder wir gehen mit Schulfreunden aus.

Wir erkunden die Gegend und landen immer wieder vor irgendwelchen Kriegsdenkmälern. Gerade jetzt, wo der Ukrainekrieg tobt, erscheinen diese Mahnmale noch obskurer. Nicht nur, dass ein Krieg so unfassbar dumm ist und so viel Schreckliches bewirkt, nachher müssen dann solche Mahnmale errichtet werden, damit man all die Schrecken nicht vergisst. Nur dumm!

Nicht nur Kriegsdenkmäler finden wir, sondern – wie überall auf Sizilien – jede Menge griechischer und römischer Reste. Siracusa hat gleich zwei alte Theater, eins von den Griechen und eins von den Römern. An jeder Straßenecke findet sich ein Tempel, eine Ruine, ein altes Bad. Es ist unglaublich. Immerhin wurde auch einiges recycelt, oder umgenutzt. Beim Dom läßt sich sehr gut erkennen, dass der Tempel einfach umgebaut, bzw. erweitert wurde. Als wir im archäologischen Museum sind und uns einige der griechischen und römischen Ausgrabungsgegenstände anschauen wollen, sind in den ersten zwei Sälen erst mal nur Funde aus der Stein-, Bronze- und Eisenzeit zu finden. Oh nein, denken wir, das war ja auch noch alles hier… . Zudem hat Archimedes hier gelebt und gewirkt, Damokles musste in Syracusa unter einem Schwert, welches über seinem Kopf hing, sitzen und viele andere Geschichten, etwa von Dionysos, dem Tyrannen, zu dem Damon schlich, begegnen uns hier.

Siracusa ist eine uralte Stadt, die zum einen aus einer kleinen Insel mit dem Namen Ortigia besteht und sich dann auf dem Festland fortsetzt. In den griechischen Zeiten war dies die mächtigste und bevölkerungsreichste Stadt überhaupt, hier muss das Leben getobt haben und hätte es schon einen Papst gegeben, so hätte er sicherlich hier gesteppt! Wir können uns das nur schwer vorstellen, denn jetzt, im Winter und Frühling, ist die Stadt ruhig und ziemlich verschlafen, im Sommer muss das anders sein, alles was wir von den Menschen hier hören, ist, dass in den Sommermonaten die Bars und Kneipen rund um die Uhr geöffnet haben, die Menschen sich in den kleinen Straßen und Gassen nur durchschieben können und die kleine Insel fast überläuft. Aber nicht nur das, Syaracus ist voll mit Kultur und Kneipen, Bars, Museen, Kirchen (ist ja klar), Strand und wunderschönen Ausblicken. Spannend finden wir auch, das es ein Süßwasserquelle auf der kleinen Insel gibt, direkt an der Küste und auf Höhe des Meeresspiegels. Dank dieser Quelle war die Stadt während der Kriege und Belagerungen autark und wasserunabhängig.

Was uns immer wieder aus den Socken haut, ist die Offenherzigkeit und Freundlichkeit der Sizilianer! Egal wo und wie und wann, es gibt immer (!) Leute, die uns freundlich zuwinken, auf uns im Straßenverkehr Rücksicht nehmen, einfach ohne Grund nett grüßen oder uns fragen, ob sie helfen können, wenn wir mit fragendem Blick in die Gegend schauen. Wir werden zum Beispiel aufgefordert, die klitschnassen Fahrräder mit ins Restaurant zu bringen, damit sie nicht noch nasser werden. Schnell ist man in ein Gespräch verwickelt, tauscht ein paar freundliche Worte und die meisten Menschen, denen wir begegnen, sehen zufrieden und entspannt aus.

NACHTRAG: Wir müssen an dieser Stelle noch richtigstellen, dass der Tyrann in Syracusa Dionysios hieß und nicht wie von uns weiter oben behauptet Dionysos. Dionysos ist der Gott des Weines, dem wir beim Verfassen dieses Beitrags schon ein wenig gehuldigt hatten. Schiller spricht in seiner Ballade “Die Bürgschaft” von “Dionys”, was daran liegt, dass er mehr dichterische Freiheiten hat. Dank an Jona, der uns auf diesen faux-pas hinwies!

Sizilien 3

Der Frühling auf Sizilien ist gelb. Alles ist hier in gelbe Farbe getaucht. Immer noch, oder schon wieder, wachsen Zitronen. Wir kommen an riesigen Plantagen vorbei, wo sich die Äste biegen, weil so viele Zitronen daran hängen. Am liebsten würden wir alle vier Meter anhalten, über den Zaun klettern und „ernten“. Machen wir nicht, aber allein die Vorstellung ist schön. Im nächsten Obstladen decken wir uns reichlich mit Zitronen ein. Unter den Bäumen wachsen Raps und andere gelbe Blumen. Die Sonne scheint. Alles ist gelb, selbst der Strand und die Häuser scheinen gelb. Die Farbe für den Frühling auf Sizilien: gelb!

Wir haben uns schon reichlich über den Müll und den Dreck in der Landschaft ausgelassen. Wer nun denkt, dass hier ein dreckiges Volk leben würde, irrt gewaltig. Innerhalb der eigenen vier Wände wird geputzt, gewienert, gewischt und gebohnert, dass es eine Art hat. In den Häusern ist der Boden gefliest und wird in der Regel einmal am Tag gewischt. Mindestens einmal, wir bekommen durchaus den Eindruck, dass es auch drei- oder viermal am Tag sein darf. In den Wohnungen riecht es stets frisch bis antiseptisch und die Abteilung mit den Raumbeduftern im Supermarkt ist, neben Seife und Putzmitteln, die Größte. Die engen Gassen in den historischen Altstädten riechen immer nach frischer Wäsche, da draußen die Wäsche trocknet und somit das ganze Viertel beduftet. Sobald der Müll das Haus dann jedoch verlässt, scheint er ein Fall für die Öffentlichkeit zu werden, deshalb liegt er eben auch überall herum, aber, wie gesagt, hinter den Haustüren ist alles sauber und klinisch rein.

Wir sind für eine Woche in Siracusa an der Ostküste und machen einen weiteren Italienischkurs. Die Schule ist in einem alten Gebäude untergebracht und das Ambiente hier ist ein ganz anderes als in der Schule in Palermo. In Palermo waren viele Menschen in den Kursen, die als Migranten eine bestimmte Anzahl von Kursstunden nachweisen mussten. Dabei waren die Initiative und die Lust auf das Lernen sehr unterschiedlich ausgeprägt. In Siracusa treffen wir auf viele junge Menschen, die die Schule besuchen, weil sie Lust auf die Sprache haben. Entsprechend ist die Atmosphäre und es gibt viele Begleitangebote. Wir buchen einen Kurs: Kochen mit Mama Amalia. Mit drei anderen Menschen bereiten wir unter Mama Amalias Anleitung Pasta, Polpette con cipolle und Carciofi zu. (Nudeln, Fleischbällchen mit Zwiebeln und Artischocken) Es ist ein wunderbares Kocherlebnis, wir reden in allen Sprachen durcheinander, Mama Amalia bewahrt immer die Ruhe und am Ende schmeckt es großartig. Mit vollem Bauch rollen wir zurück in unsere Unterkunft. Den Nachtisch haben wir schon nicht mehr geschafft… .

Sizilien 2

Wir radeln so vor uns hin und lassen uns von unserem Freund “Bosch” leiten. Von Bosch haben wir schon berichtet und es ist kein bisschen besser geworden (https://hinundweg.blog/2021/11/20/tage-mit-bosch/). Noch immer bekommen wir Routenvorschläge, die anscheinend davon ausgehen, dass wir Amphibienräder mit Flugmöglichkeiten haben. Immer wieder landen wir vor versperrten Toren, durchgezogenen Leitplanken, Erdrutschen, Flüssen ohne Brücke und anderen Hindernissen. Wir halten Bosch zugute, dass selbst die hiesige Polizei mit den Komplikationen hier nicht immer vertraut ist: Als wir an einer Straßensperre rasten, die errichtet wurde, da die dahinterstehende Brücke eingestürzt ist, kommt eine Polizeistreife, schaut verdutzt und wendet. Die wussten offenbar auch nicht, dass es hier nicht mehr weitergeht, oder sie benutzen auch Bosch als Navigationssystem.

Nicht immer läuft alles glatt und lustig. Seit einigen Tagen sind wir nicht gut miteinander und streitlustig, wir giften uns an, obwohl wir das beide doof finden. Als es dann (endlich) richtig knallt, stellen wir fest, dass uns beide die vielen kaputten Dingen, die wir hier sehen, sehr zu schaffen machen. Leer stehende Häuser, meistens in fortgeschrittenen Stadien des Verfalls, Müll an allen Ecken und Enden, nirgendwo ein Fleckchen, das davon verschont wäre. Je schöner die Landschaft, desto mehr Müll landet dort, man mag nirgends rasten oder verweilen. Die Straßen sind oft nur eine Zusammenstellung von Löchern unterschiedlicher Größen. Das alles schlägt uns gehörig aufs Gemüt. Mit dem Ergebnis, dass wir miteinander rumschimpfen. Schön blöd! Nachdem wir das für uns sortiert haben, geht es wieder besser und wir schimpfen lieber gemeinsam auf den Müll, die schlechten Straßen und Bosch, der uns immer mal wieder in die Irre führt.

Hinter der Stadt Trapani gibt es eine weitläufige Salinenlandschaft. Lange lebten hier die Menschen vom Meersalz, inzwischen ist diese Form der Salzgewinnung nicht mehr rentabel und ein Großteil der Salinen und dazugehörigen Gebäude liegt brach. Einige Leute lassen die Tradition allerdings nicht ganz untergehen oder neu aufleben und so gibt es noch ein paar Salzberge.

Wir haben noch mehr kaputte Tempel besucht: Im „Tal der Tempel“, welches ironischerweise auf einem Berg liegt. Hier sind jede Menge Tempelreste und die Ruinen der dazugehörigen Stadt zu sehen. Auch die alte Stadtmauer lässt sich gut erkennen. Wir finden es trotz allem ein wenig bizarr, dass wir auf der einen Seite die ganzen kaputten Gebäude so schlimm finden, dann aber Eintrittsgeld bezahlen, wenn die kaputten Sachen 2500 Jahre alt sind. Ein Teil der Tempel liegt auch hier als Folge von Krieg herum. Vom Feind zerstört und liegengelassen… .

Michael hat in einem Kommentar angemerkt, dass wir uns gar nicht zu den kullinarischen Köstlichkeiten äußern, die das Land zu bieten hat. Das stimmt, wir sind, was das angeht etwas einseitig unterwegs. Wir lieben die Dolci: süße Teilchen und Törtchen, die wir mit einem Café (Espresso) unterwegs aufnehmen. Am Abend haben wir selten Lust noch auszugehen und begnügen uns mit Gemüse an Pasta oder Couscous, (selbstgekocht) oder wir essen Pizza. In dieser Hinsicht werden wir dem Land und dem, was es zu bieten hat, tatsächlich nicht gerecht!

Sizilien 1

Russland fällt in die Ukraine ein und es ist Krieg. Erst vor wenigen Monaten sind wir durch Kroatien und Serbien geradelt, wo der Krieg 30 Jahre her ist und noch allgegenwärtig. Denkmäler mit den Daten der 1991 gefallenen Menschen, Einschusslöcher in den Häusern, Ruinen und noch immer kaputte Städte. Von den schwierigen Erlebnissen der Menschen ganz zu schweigen, die Flucht und Bedrohung erlebt haben. All das geht grade in einem Teil der Welt wieder von vorne los. Wir sind bedrückt und uns fehlen die Worte.

Wir sind wieder „on the road”. Wir können ein wenig mehr Italienisch, sind aber noch weit entfernt von flüssiger Konversation. Flüssig ist einzig der Kaffee, wenn wir ihn bestellen. Der Frühling legt hier langsam los und wir wollen ihn auf den Rädern mitbekommen, also los.

Es geht an die Westküste und nachdem wir die Randbezirke von Palermo hinter uns gelassen haben, kommen wir ans Meer! Es liegt da im Sonnenschein und haut uns mit seinen Farben um. Das wollen wir in einer Bar beim Espresso genießen. Wie das so ist: das Meer ist auf der einen Seite, dann kommt eine Häuserzeile und dann kommen die ganzen Bars und vom Meer ist vor lauter Häusern nix zu sehen. Nun ja. So landen wir in einer typischen Bar der Stadt mit den alten Männern, die hier ihren täglichen Kaffee trinken und dabei alle ihrer Kollegen und Freunde treffen. Wir kommen ins Gespräch mit einem Mann, der mit einer Frau aus Deutschland verheiratet war. Sie ist seit vier Jahren tot und noch immer werden seine Augen beim Klang der deutschen Sprache feucht. Wir haben ein anrührendes Gespräch mit ihm. Er berichtet von seinen Reisen und Freundschaften in Deutschland und immer wieder blitzt hindurch, wie sehr er seine Frau liebt. Wir radeln ergriffen, beglückt und ebenfalls mit feuchten Augen weiter.

Der Frühling ist da! Zack! Überall knallen uns die Farben entgegen, obwohl ein wilder Wind weht fühlt es sich nach Frühling an und riecht überall so. Dicke Rosmarinbüsche leuchten blau, Felder voll mit kleinen Blüten, gelbe Margeritten, wilde Geranien und jede Menge anderer Blumen, die wir nicht benennen können. Ein wilder Farbenrausch!

Überall steht und liegt antikes Zeugs rum. Wir fahren nach Segeste, einer antiken Tempelanlage, die sehr malerisch in der Landschaft thront. Uns gefällt am allerbesten, dass es eine antike Bauruine ist. Dieser Tempel wurde nie fertiggestellt, aber die Bauruine hat bestand. Gleich nebenan, noch ein wenig den Berg hinauf, findet sich ein Theater. Die Aussicht ist so grandios, dass eine Aufführung hier nur stören würde. Warum wurde hier oben ein Theater gebaut, fragen wir uns?

In Selinunte ist ebenfalls viel Tempel zu sehen. Hier wurde entdeckt, dass die Tempel eine bunte Angelegenheit waren und keineswegs nur weiß. Friese und weitere Ornamente waren damals bunt angemalt und müssen so schon fast wie Popart ausgesehen haben. Schade, dass wir diesen Eindruck nur erahnen können. In Selinunte liegen so viele Tempelbauteile herum, dass es den Anschein hat, ein Riesenkind hätte seine Bauklötze ausgeschüttet, damit gespielt und nicht wieder weggeräumt. Wir können uns nicht vorstellen, mit welchen Vorrichtungen diese riesigen Bauklötze aufeinander geschichtet wurden, um daraus einen Tempel zu errichten.

Fundstücke Palermo

Wir wundern uns, warum auf der Via Maqueda, der Hauptflanierstraße, so viel Konfetti herumliegt und viele Kinder bis spät in die Nacht verkleidet mit ihren Eltern herumlaufen. Wir erfahren, dass gerade die Karnevalswoche ist und da die Umzüge nicht stattfinden können (Corona), werden die Kostüme halt beim abendlichen Spaziergang gezeigt.

Bei unseren täglichen Rundgängen durch die Stadt entdecken wir an allen Ecken und Enden Streetart ….

Roberta, unsere hilfsbereite Fremdenführerin, hat sich in die Ukulele verliebt. Kurzentschlossen kauft sie eine und Ben gibt ihr eine Einführungsstunde. Innerhalb von 20 Minuten spielt sie bereits zwei Lieder! Sie möchte auf ihren Führungen mit den Touristen auch singen. Coole Idee!

Giampiero, der sizilianische Vollblutmusiker kommt noch einmal vorbei und versorgt uns mit weiterem Übungsmaterial.

Palermo liegt zwar am Meer, aber so richtig spürt man das in der Stadt nicht. Aber es gibt den Strand von Mondello, dessen Erwähnung allen Palermitanern ein seeliges Lächeln ins Gesicht zaubert. Wir fahren die 10km dort hin und treffen uns mit Agnes und Johann, ebenfalls lernwillige Italienischenthusiasten, zum Picknick. Wie das so ist mit dem Wetter, spielt es nicht immer mit. Der Tag ist grau und windig, aber wir setzen uns tapfer mit Jacken in den Sand und haben ein wunderbares Picknick mit Oliven, Wein, Panettone und besten Gesprächen. Von unserem Picknick gibt es leider kein Foto, aber eins, wie der Strand einen Tag später im Sonnenschein aussieht….

Kurz bevor wir unsere Taschen packen und aus unserem Miet-Apartment verschwinden (am Sonntag), tönt Musik aus dem Lautsprecher der Kirche über die Nachbarschaft. Ein Mädchenchor wird vom Band gespielt und beschallt das ganze Viertel für einige Zeit. Auch als die Glocken zum Gottesdienst läuten wird weitergesungen.

Palermo 4

Wenn wir nicht gerade italienisch lernen, versuchen wir die Stadt und die Umgebung weiter zu erkunden, was gar nicht so leicht ist, denn die Tage sind kurz, wenn wir erst die Schulbank drücken und dann noch die Hausaufgaben machen, meist in der Bar. Abends sind wir dann ziemlich erledigt, aber voll mit Eindrücken und Erlebnissen.

Kaffeepause vor dem Teatro Massimo

Wir laufen ziellos herum und schauen welche Ecken wir entdecken, und was es alles Spannendes gibt. So stoßen wir bei einem unserer Streifzüge auf den Palazzo Butera. Dies ist ein Palazzo, der uns von außen erst einmal nicht aufgefallen ist. Wie auch, ist hier doch alles voll mit irgendwelchen Häusern an denen eine Plakette hängt auf der dann „Palazzo so und so“ steht. Zusätzlich gibt es aber noch ein Plakat mit dem Hinweis auf eine Kunstausstellung und deshalb gehen wir hinein. Zum Glück, denn wir finden dort sehr spannende Kunst und ein fantastisch restauriertes Gebäude. Die Räume sind nicht komplett wieder so hergestellt, wie sie einmal ausgesehen haben mögen, sondern man hat das, was zu retten war, gerettet und was sehr kaputt war in einer wunderbar kreativen Art derart umgestaltet, dass man über die tollen Details nur staunen kann und oft auch Einblicke in die Originalkonstruktionen des Palazzos erhält. So findet man in einem Saal nur noch den äußeren Bereich der Decke mit Fresken bemalt, der restliche Teil gibt den Ausblick auf die Deckenkonstruktion frei. Eine Etage höher kann das Ganze auch von oben betrachtet werden. Außerdem gibt es moderne Fresken und grafische Malereien an neugestalteten Decken direkt neben klassisch restaurierten Räumen. Das alles, zusammen mit der Vielzahl an Kunstgegenständen der unterschiedlichsten Epochen, die hier ausgestellt sind, gibt einen sehr spannenden Mix aus verschiedenen Bau- und Kunststilen. Die gezeigte Kunst ist aus der Sammlung von Francesca und Massimo Valsecchi, die diesen Palazzo auch in der jetzigen Form restauriert haben. Wir werden durch die Dachkonstruktion auf eine kleine Aussichtsplattform oben auf dem Dach geleitet, von wo aus wir den Hafen, das Meer und den Hausberg Palermos, den Monte Pellegrino, im Sonnenschein bewundern können. Wir halten uns stundenlang hier auf und sind am Ende übervoll mit Eindrücken.

Sizilien hat eine große Tradition im Spielen von Puppentheater. Folgerichtig gibt es hier ein Museum, welches einem der Theater angegliedert ist und wo verschiedene Puppen aus aller Welt und insbesondere aus Sizilien bestaunt werden können. Im Rahmen eines Klassenausflugs (Wandertag!) sind wir dorthin gegangen. Unsere Schule bietet einmal in der Woche eine soziale und kulturelle Aktivität an und so sind wir mit einigen anderen Sprachschülern hier gelandet. Erst lassen wir uns von den Figuren beeindrucken, dann versuchen wir uns in einem wilden Sprachgemisch in der nächstgelegenen Bar zu unterhalten. Da der Italienisch-Kenntnisstand sehr unterschiedlich ist, muss auch immer wieder Englisch herhalten, dieses babylonische Sprachgewirr macht uns total viel Spaß.

Palermo ist voll von Kunst und Geschichte. Ganz besonders hervorgehoben wird allerorten die normannisch-arabisch-byzantinische Kultur, der Sizilien und insbesondere Palermo, prächtige Kirchen und Gebäude zu verdanken hat. (Und wer sich jetzt wundert was die Normannen und die Byzantiner hier gemacht haben und obendrein noch die Araber, kann erahnen, warum auf Sizilien so viel Kultur herumliegt, dass man es kaum fassen kann.) Um 1200 herum wurden hier diverse Kirchen, Kathedralen und Paläste errichtet, die einen klaren byzantinischen Einfluss zeigen mit üppigen, goldenen Mosaiken und Verzierungen, kleinen runden Kuppeln und ausgeklügelten Belüftungs- und Wassersystemen. Aller Orten stoßen wir auf diese Gebäude in Palermo. Eine besondere Kathedrale liegt etwas außerhalb der Stadt, in Monreale. Wir schwingen uns auf die Räder und keuchen einen Berg hinauf, den es zu bezwingen gilt. Dann finden wir uns in einem biblischen Comic wieder. Der ganze Innenraum der Kathedrale von Monreale ist mit goldenen Mosaiken ausgekleidet, die Geschichten der Bibel zeigen. Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus, überall gibt es eine Geschichte zu sehen und wieder ein neues Muster zu finden. Die Kathedrale ist in nur vier (4!) Jahren Bauzeit entstanden und ist die größte auf ganz Sizilien. Unvorstellbar was hier geschuftet wurde! Auch auf das Dach können wir steigen und haben von dort einen weiten Ausblick auf die Bucht und Palermo. Wunderschön, leider muss man für solche Aussichten immer die Berge hochstrampeln….

Palermo 3

Was machen wir überhaupt in Palermo und Sizilien? Natürlich wollen wir mit den Rädern die Insel weiter erkunden. Wo wir schon einmal hier sind, haben wir gedacht, können wir auch die Schulbank drücken und etwas italienisch lernen. Und so sitzen wir jetzt Tag für Tag im Klassenzimmer und lassen uns mit Vokabeln und Grammatik vollstopfen. Am Nachmittag sitzen wir dann im Café oder auf der Terrasse und versuchen den Wust an Informationen in unserem Hirn in eine Struktur zu bekommen. Ohne Schule können wir anscheinend nicht ein ganzes Jahr lang auskommen, auch wenn wir grad „auf der anderen Seite“ sitzen. Unsere Lehrerin Chiara liebt Grammatik und kann sie gut erklären. Am allerschönsten ist allerdings, dass es ihr gelingt Grammatik mit den Händen zu verdeutlichen. Wir fragen uns, wozu wir da noch die Wörter brauchen? Nein, nun müssen wir auch noch die Gesten büffleln.

Es gibt überall hilfreiche und mitfiebernde Menschen, die uns mit all ihrem Wissen unterstützen. Am Tag bevor wir von Dortmund aus wieder aufbrechen, kommt Irmtraud und versorgt uns mit Informationen über Sizilien. Wir bekommen eine gezeichnete Kartenskizze, auf der alles ist, was Irmtraud in ihrer Zeit auf der Insel begeistert hat. Dazu erzählt sie uns ihre Geschichten und persönlichen Eindrücke und sie singt uns ein sizilianisches Lied vor: „Vitti na crozza“. Kaum sind wir auf der Insel angelangt, üben wir es. Weitere Informationen über die Insel erhalten wir von einem Pärchen, das in einem Café neben uns sitzt und unsere Räder sieht. Sie sind selbst begeisterte Radfahrer und lieben ihre Heimatinsel. Schon bald haben wir eine Karte mit all ihren Empfehlungen und Tipps für gute Radtouren.

Eine Person, die unseren Aufenthalt in Palermo ebenfalls besonders bereichert, ist Roberta. Roberta war im Dezember unsere Guide bei einer “free walking tour”, einer Stadtführung. Sie ist ein fröhlicher und unkomplizierter Mensch und wir sind in Kontakt geblieben. Dank Robertas Vermittlung begegnen wir Giampiero, einem sizilianischen Vollblutmusiker – vielleicht ist er auch musikalischer Vollblutsizilianer, das können wir nicht auseinanderhalten – jedenfalls kommt Giampiero zu uns und zeigt uns wie das Tamburello und die Friscalettu gespielt werden. Abends können wir ihn noch in einem Konzert bewundern, wo wir als „die deutschen Freunde“ vorgestellt werden. Und so üben wir nun nicht nur Vokabeln, sondern auch noch Tamburello und Friscalettu.

Roberta und Kathrin im Dezember

Neben all dem Lernen versuchen wir auch etwas von den vielen Schätzen zu besichtigen, die Palermo zu bieten hat. Das sind sehr, sehr, sehr viele. Eine der Sehenswürdigkeiten ist der Markt. Genau genommen gibt es sehr viele Märkte und in den Straßen stehen immer wieder irgendwo Gemüsestände, Bauern fahren ihre Ernte durch die Straßen und legen Obst und Gemüse in Körbe, die dann vom Balkon aus hochgezogen werden. Das Geld liegt im Korb. Man kennt sich… Es gibt einige Hauptmärkte und der Markt „Ballero“ liegt für uns nur um die Ecke. Mit Lust erledigen wir unsere täglichen Einkäufe dort, um das Treiben zu beobachten. Der Markt ist bunt und laut und schrill. Obst und Gemüse türmen sich und werden im Lauf des Tages immer wieder neu gestapelt und mit Wasser begossen, damit sie frisch aussehen. Artischocken werden hier in rauen Mengen verkauft, zuvor werden sie von den langen Stielen und Blättern befreit mit denen sie geerntet wurden. Am Nachmittag liegt darum unter den Tischen der Stände ein Blättergemetzel. Neben Obst und Gemüse gibt es Fisch und Fleisch, Stände mit Zigarettenfiltern, Streetfood, Heiligenbildchen, Schuhen, Kleidung, Gummibändern, Zuckerwerk, Gewürzen und allem, was man sonst noch brauchen kann. Es wird geschrien, gebrüllt und gestenreich die eigene Ware angepriesen. Es kann auch passieren, das der Radiogottesdienst verfolgt wird und zwischen dem Verkaufsgespräch das Ave María mitgebetet wird. Der Markt schlängelt sich durch diverse Gassen und ist voll mit Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, oder auf Motorrollern, Fahrrädern und Scootern ihren Weg suchen. Eine großartige Fülle an Eindrücken für Ohren, Augen und Nase. Manche Ecken stinken intensiv nach Müll, dann wieder riecht es nach Zitrusfrüchten, Fisch oder Gewürzen. Wir kaufen immer nur wenig ein, damit wir am nächsten Tag wiederkommen können. Diese geringen Mengen (2 Pilze oder 3 kleine Peperoni) liegen für viele der Händler unter ihrer Würde. Entweder wir werden nicht bedient, oder wir bekommen mit einem mitleidigem Blick das Gewünschte geschenkt. Immer ist es lecker!

Palermo 2

Es geht weiter: Kathrin ist gesund und munter aus Kanada zurückgekommen und Ben frisch und zufrieden aus Borkum. In Dortmund haben wir uns getroffen, schnell unsere Sachen gepackt, die Räder gesattelt und uns auf den Weg gemacht. Zusammen fahren wir nach Sizilien, um dort den Frühling zu erleben, ein wenig italienisch zu lernen, und die Insel zu umradeln.

Nachts (!) um 4:00 Uhr machen wir uns in Dortmund auf den Weg zum Bahnhof …. und es geht wieder los mit dem Abenteuer Bahn und Rad: aufgrund der Umbauarbeiten am Bahnhof müssen wir unsere Räder absatteln und alles die Treppe hochtragen, aber wir erwischen den Zug. Im Zug erfahren wir dann, dass wir in Frankfurt mit Verspätung ankommen werden, Grund dafür ist eine Baustelle. Unser Anschlusszug ist damit weg. Einfach in den nächsten Zug können wir nicht steigen, denn wir brauchen einen reservierten Radstellplatz. Das System der Bahn ist im internationalen Zugverkehr mit den Rädern überfordert. Nach vielem Hin und Her am Schalter mit einem sehr freundlichen aber zunehmend verzweifelten Bahnbeamten, Unterstützung durch drei weitere KollegInnen und vielen Kommentaren zu dem unfähigen Buchungssystem in einem angeblich zusammenwachsenden Europa, kommt es zu folgender „Lösung“: wir müssen eine komplett neue Fahrkarte kaufen, die Räder alleine umbuchen geht nicht. Angeblich sollen wir das Geld zurück bekommen. (Nur soviel dazu: wir stehen in regem Mail-Verkehr mit der Bahn und es gestaltet sich sehr kompliziert.) Mit viel Unterstützung und Einsatz der italienischen Bahnmitarbeiter kommen wir am Abend noch passend in Genua an und erwischen die Fähre nach Palermo. Klappt alles, wir lassen nur ein wenig Nerven…..

Palermo liegt zwischen dem Meer auf der einen Seite und den Bergen auf der anderen. Dazwischen drängt sich alles. Es ist laut, schmutzig, chaotisch, herausfordernd, bedrängend, hässlich, kaputt und gleichzeitig fröhlich, charmant, einladend, bezaubernd und entspannt. Es gibt sehr viele Gebäude, die kaputt sind und aussehen wie Ruinen. Manchmal stimmt das und es sind tatsächlich Ruinen, bröckelnde Gesteine, die vielleicht noch von einem ebenfalls bröckelnden Baugerüst zusammengehalten werden. Aber oft trügt der Schein und das, was aussieht wie eine Ruine, ist hinter der Fassade ein bewohntes Haus, oder ein Palazzo. Manche Eingänge sind riesige Tore, die mit einem kleinen Einlasstürchen versehen sind. Manchmal können wir einen Blick in die oft riesigen Eingangshallen erhaschen, wenn ein Türchen aufgeht und der Roller oder Kinderwagen nach draußen geschoben wird. Die Stadt ist übervoll von alten Palazzi in den unterschiedlichsten Stadien der Verwesung und der Wiederbelebung.

Die Straßen sind eng, oft nur kleine Gassen und Fußwege. Autos haben hier nur an wenigen Stellen Platz, meist sind es Roller, die durch die Gassen fegen. Gut ist es, sich in einen Türbogen zu schieben, wenn sie durch die kleinen Gassen sausen, denn nicht immer reicht der Platz für Rollerfahrer und Fußgänger. Allerdings wird man so gut wie nie bedrängt: Verkehr ist hier ein blitzschnelles Ausloten von Chancen und Rücksichtnahme. Dort, wo auch noch Autos fahren, ist es noch lauter und stinkend. Alle drängeln sich nebeneinander, durcheinander und wenn sie könnten wohl auch übereinander. Geblinkt wird nur, wenn man sein Auto ins absolute Halteverbot stellt und weggeht. Ansonsten achten alle darauf, wer in welche Richtung zuckt. Wer zu langsam ist, hat seine Lücke verloren und hängt hinter einem Bus, oder kommt auch sonst nicht vom Fleck.

Wir haben ein kleines Apartment in der Altstadt gemietet und können auf der Dachterasse in der Sonne sitzen. Von unserem Platz aus können wir die Berge sehen und die Glocken hören. Zu jeder Stunde und halben Stunde bimmelt irgendeine Glocke von irgendwo, denn Palermo besteht zur Hälfte aus Kirchen. Zumindest kommt es uns so vor.