Estland und die Straße

Wir freuen uns über die gute Straße, die uns aus der Hauptstadt hinaus führt. Die Häuser werden weniger und die Natur kommt uns wieder näher. Der Weg führt uns an der Ostsee entlang und in die Wälder hinein.

Die Straße wird immer enger und der Wald immer dichter. Wir würden uns nicht wundern, wenn Frodo Beutlin und Legolas hinter der nächsten Biegung auf uns warten würden….

Dann leitet uns das Navigationsgerät in einen Waldweg, der nicht sehr danach aussieht, als wäre er für unsere Räder gedacht. Aber nun gut, geradeaus ist die Straße auch zu Ende, also biegen wir ab.

Der Weg wird enger und enger. Wir wundern uns und nehmen die Herausforderung an. So schlecht fährt es sich gar nicht.

Dann allerdings landen wir vor einer Treppe und einem sehr steilen Stück, hier ist gar nicht daran zu denken mit den Rädern weiter zu fahren. Nicht einmal ohne Gepäck würden wir das bewerkstelligen. Was tun? Ben ist für Umdrehen, Kathrin will mit dem Kopf durch die Wand, bzw. den Berg hoch. Wir satteln die Räder ab und schleppen das Gepäck in zwei Etappen nach oben und die Räder hinterher. Die Räder schieben wir zu zweit, weil es steil, eng und rutschig ist. Auch ohne Gepäck kommen sie uns gerade schwerer als sonst vor. Oben angekommen geht es weiter und wir kommen auf eine schön geteerte Straße. Irgendwo müssen wir falsch abgebogen sein….

Eigentlich ist die Beschilderung des Radweges in Estland sehr gut und eindeutig. Wenn man hinschaut (und nicht wie wir die entscheidenden Stellen verpasst), wird man sehr klar geleitet.

Die Qualität der Straßen die dabei zu befahren sind variiert allerdings extrem. Oft haben wir schön geteerte und hier an der Ostsee ohnehin sehr flache Strecken. Aber es gibt auch viele unbefestigte Waldwege. Von fest und glatt bis Geröll, Klebsand oder auch nur Matsch ist alles dabei. An einigen Stellen haben sich durch den Regen der letzten Tage Pfützen gebildet, die schon eher den Namen Teich verdient hätten. Ben muss mit seinem Motor gut aufpassen, das dieser nicht nass wird. Und Kathrin will auch nicht mit allen sieben Sachen in die Plörre fallen.

Tallinn 2

Tallinn will nicht viel mit uns anfangen. Wir bekommen keinen einzigen Sonnenstrahl zu Gesicht und wenn wir den Kopf aus der Tür strecken, werden wir nass. Egal, davon lassen wir uns nicht aufhalten.

Wir freuen uns sehr über die große Vielfalt an Museen! Alle mit Dach und im Inneren trocken. Wir sehen uns estnische Kunst, Desgin und Architektur an.

Und auf den Wegen zwischen Kumu (größte und modernste Kunstmuseum im Baltikum), dem Vabamu (Museum der Besatzungen und Freiheit) oder dem Estonian Museum of Applied Art and Design zeigt uns Tallinn dann trotz des grauen Wetters seine Schönheit.

Außerdem nehmen wir an einer Stadtführung (free tour) teil. Unser Guide, Karol, ist vielleicht sonst Schauspieler, jedenfalls erzählt er die Geschichten unglaublich gut und macht auch kleine schauspielerische Einlagen. Wir werden in die Geschichte des Landes hineingezogen und haben sehr viel Spaß. Das Wetter erscheint schon nicht mehr ganz so nass…

Wir erfahren, dass der zweite Name der Stadt „Reval“ ist. Angeblich, weil bei einer Jagd mit dem König, oder sonst wem Wichtigen ein Reh den Stadtberg hinabstürzte….. : Reh-Fall! Auf jeden Fall erinnert eine Skulptur an diesen namensträchtigen Sturz.

Es gibt in der Altstadt wenig Graffitis, dafür werden anscheinend weniger die Wände, als die dicken Regenrohre genutzt (die hier ja auch gerade bei dem Wetter viel zu tun haben). Die meisten Rohre die wir sehen sind bemalt oder von oben bis unten beklebt, oder hinter Gitter gepackt, damit genau das nicht passiert.

Die Markthallen schauen wir uns nicht nur an, sondern wir wollen dort auch für unser Abendessen einkaufen. Das Angebot ist großartig und vielfältig. Da wissen wir gar nicht so genau was wir alles nicht kaufen sollen….

Außerhalb der Altstadt, in den belebten Stadtvierteln wie Rotermann, Kalamaja oder Telliskivi finden wir viele spannende Ecken und Street Art. Was da wohl los ist, wenn die Sonne scheint?

Aber trotz all der spannenden Eindrücke haben wir das Gefühl, dass Tallinn uns lieber loswerden will. Das Gefühl bestätigt sich, als wir beim Besteigen der Räder mit einem kräftigen Wind aus der Stadt hinausgetrieben werden.

Auch gut, Estland wir kommen!

Hallo Estland: Tallinn

Wir sind in Estland angekommen! Zuvor hatten wir in Finnland noch das Gefühl, schnell Dinge besorgen zu wollen, die wir im Baltikum nicht mehr bekommen werden können. Was wir dann aber bei Licht betrachtet auch verrückt finden, kommen wir doch in ein neues Land, wo wir neue Dinge ausprobieren wollen. Finnland ist uns nur in den letzten vier Wochen so vertraut geworden, dass wir mit einem kleinem Wehmutsgefühl „Tschüß“ sagen.

Aber dann geht es auf die Fähre von Helsinki nach Tallinn und die Vorfreude ist da: Ein neues Land. Europa ist schon toll! Runter von der Fähre und rein in die Stadt, einen Impfpass oder andere Dokumente wollte niemand sehen. Das irritiert uns im ersten Moment und dann fahren wir los. Als erstes stoßen wir auf ein Straßenschild, das die Euroveloroute anzeigt. Hier sind wir richtig!

Finnland war ein großer Teil unserer Route und in der Vorbereitung haben wir uns darauf fokussiert und immer gedacht „alles weitere sehen wir dann, erstmal müssen wir losfahren“. Diesen ersten großen Abschnitt haben wir jetzt hinter uns, wobei wir feststellen, dass wir noch nicht genau wissen, wie es nun weitergeht und erst noch eine genauere Vorstellung entwickeln müssen. Wir haben ein Reisetief, das Wetter in Tallinn ist doof, über die Stadt und das Land wissen wir noch wenig und wir müssen uns erst mal neu justieren.

Nach unserer Ankunft schlendern wir noch durch die abendliche Stadt und bleiben am alten Markt an einem Restaurant hängen. Mitten in der Touri-Meile. Unsere Bedienung ist ein wahrer Ausbund an Geduld, hört sich geduldig unsere stammelnden Estnisch-Versuche an und quittiert alles wohlwollend. Wir fühlen uns wie schusselige Schüler*innen, vergessen alle Silbenketten sofort und müssen immer wieder nachschauen und nachfragen. Noch steckt hinter dieser Sprache keinerlei Logik, die wir erkennen können. Aber ein paar Tage werden wir noch in Estland sein und „Danke“ können wir jetzt sagen. Und Aperol Spritz wird nicht übersetzt….das geht so auch auf Estnisch!

Kathrin, sonst immer die Frau mit dem Reiseführer in der Hand ist auffallend zurückhaltend. Och je, Autos und Lärm. Aber dann finden wir einen Buchladen mit gebrauchten Büchern und einen Reiseführer über das Baltikum. Yeah! Schon 10 Jahre alt, aber was die ganz alten Sachen angeht wird er noch passend sein. Und Kathrin freut sich und ist im Reisebuchhimmel. Eine gute Radreisekarte für Estland finden wir auch noch und so steigt langsam auch die Vorfreude wieder auf den nächsten Teil der Tour.

So geht es weiter: erst machen wir noch zwei Tage lang unsere Erfahrungen hier und dann sind wir wieder auf unserer Route Richtung schwarzes Meer. Erst einmal nach Riga, von da aus sehen wir dann weiter. Aber jetzt erst einmal: Tallinn!

Skulpturenpark

Ein Skulpturenpark auf dem Weg nach Parikalla wurde uns von Freunden in Dortmund (Dank an Bettina und Thomas, Grüße gehen raus) und vielen Finnen immer wieder empfohlen und wärmstens ans Herz gelegt. Natürlich fahren wir dann da auch hin.

In unserem Rausch Fahrrad zu fahren, Düsen wir morgens erst einmal an dem Park vorbei, da es keine großen Hinweisschilder gibt. Also müssen wir umdrehen und noch mal 7 km zurück. Schön bekloppt.

Wir finden doch noch den Eingang und betreten ein verrücktes Sammelsurium von Figuren, die ein Mann in seinem Leben hergestellt hat. Veijo Rönkkönen (der Künstler) hat über 500 Figuren gebaut und sie im Garten seines Hauses aufgestellt. Das Herzstück sind über 200 Selbstportraits, die ihn in verschiedenen Yogapositionen zeigen. Die Figuren sind inzwischen von Moos und anderen Pflanzen überzogen. Veijo Rönkkönen hat verfügt, dass die Skulpturen so belassen werden sollen und das Bemoosen und Überwuchern zur Gestaltung gehört.

Der Künstler hat als Autodidakt gearbeitet und Zeit seines Lebens in einer Papierfabrik gearbeitet. Die Figuren hat er dann in seiner Freizeit gefertigt. Weiter gibt es über 100 Kinderfiguren und andere Menschendarstellungen. Bei einigen der Spulpturen hat er echte Zähne eingesetzt, was ein gewisser Gruselfaktor ist.

Wie fühlen uns in diesem Park seltsam wie in einem Skurrilitätenkabinett und sind gleichermaßen fasziniert, wie auch befremdet von dieser Obsession, sein Leben Betonfiguren zu widmen. Erschlagen und verwundert geht es wieder los. Die 7 km die wir vorhin zuviel gefahren sind und noch weiter. Vorher gibt es aber noch Kaffee und Zimtrollen am Büdchen, das am Parkplatz steht.

https://www.patsaspuisto.net/#english

Finnische Fundstücke

Post

Die Briefkästen hier befinden sich nicht an den Häusern, sondern an den Einfahrten zur Straße. Bei manchen Häusern sieht man nur den Briefkasten. Sind mehrere Häuser an einer Straße, so sind alle Briefkästen gesammelt. Die Post wird in Autos gebracht, die das Steuer auf der rechten Seite haben, so muss der Postmensch nicht aussteigen und kann die Kästen vom Fenster aus bestücken.

Finnische Polka

Säkkijärven Polkka heißt das Stück, das uns die grooße Suchmaschine im Netz vorgeschlagen hat, als wir nach finnischem Volkslied fragten. Diese Polka hat eine besondere Geschichte in Verbindung mit den Kriegshandlungen während des zweiten Weltkriegs: das Stück wurde wochenlang gespielt, weil mit einem bestimmten Akkord, der in der Polkka oft vorkommt, die funkkgesteuerten, mit Stimmgabeln bestückten Minen der Russen entschärft werden konnten. Immer noch ist das eine recht beliebte Polka, bei der der Refrain mit dem Wort „Säkkijärven Polkka“ zweimal gespielt wird um den Wunsch zu unterstreichen, dass der Säkki-See wieder zu Finnland gehören möge und dass das Land, aber nicht die Musik weggenommen werden kann. Hier ist unsere Version der Polka.

Von Beeren und Bären

Hatten wir bei der Planung der Reise die Befürchtung (Ben) / Hoffnung (Kathrin), Bären zu sehen, so hat sich diese nicht in der gesuchten Weise erfüllt. Lebendige Bären haben wir nicht gesehen. Viele aus Holz geschnitzte und diverse Teddybären, aber keinen einzigen echten Braunbären, obwohl es sie hier in großer Menge gibt und Touren angeboten werden, um sie zu beobachten. Nachdem wir mit Salla, einer finnischen Jägerin sprachen, die seit 40 Jahren hier lebt und noch nie auch nur einen einzigen Bären im Wald erblickt hat, haben wir unsere Furcht / Hoffnung aufgegeben einen zu entdecken.

Beeren haben wir allerdings zuhauf entdeckt. Entlang des Weges sind immer welche zu finden. Blau- und Preiselbeeren, die auch von den Finnen fleißig geerntet werden. Oli aus Rovaniemi erzählte uns, dass jedes Kind im Sommer einen Eimer gepflückter Beeren in der Schule abzugeben hatte. Weil die Beeren recht klein sind würde man sich den Wolf pflücken, bis man eine anständige Menge zusammen hat. Aus diesem Grunde gibt es einen Pflück-Kamm: eine Box mit Zinken an der einen Öffnungsseite, mit der man durch die Sträucher rechen kann und in der die Beeren hängen bleiben. In Finnland scheint man sich ungern zu bücken, weshalb es viele Alltagsgegenstände mit einem langen Stil gibt (Handfeger z.B. und Gummiflitschen) und eben auch die Beerenrechen. Damit kann bequem im Stehen der Waldboden abgeerntet werden. Wir haben ein solches Gerät nicht, weshalb Kathrin immer noch in Hand- und Bückarbeit Beeren einsammelt.

Findlinge

Im Süden sehen wir immer mehr von diesen wunderbar riesigen Findlingen. Die letzte Eiszeit hat vergessen diese überdimensionierten Kiesel mitzunehmen und so liegen sie hier im Wald und auf den Felder oder in den Seen rum. Man kann sie auch nicht einfach so wegkullern. Je nachdem wo sie sind, sind sie blank, von Bäumen umstanden oder überwuchert. Wir haben Spaß daran, sehen sie doch immer auch ein wenig aus wie wilde schlafende Fabelwesen, die gleich lebendig werden könnten.

Süß

In jedem Supermarkt gibt es eine riesige Auswahl an Süßigkeiten. Fertig abgepackt in Tüten, oder zum selber auswählen. Schon fast zu süß.

Grenzerfahrungen

Heute sind wir an der Ostsee angekommen und damit einmal quer durch Finnland gerauscht.

Unser Weg hat uns bis jetzt eng an der Grenze zu Russland entlanggeführt. Der Eurovelo 13 „Iron curtain trail“ verläuft entlang der ehemaligen Sowjetgrenze (eben dem „eisernen Vorhang“) und in Finnland hat sich die Nähe zu Russland in den letzten 30 Jahren nicht so verändert, wie in den anderen Ländern, durch die wir noch kommen werden.

Finnland hat eine lange Geschichte mit Russland und Schweden, es gehörte mal zum einen, mal zum anderen Land, bevor es dann 1917 selbständig wurde. Nach dem zweiten Weltkrieg ist die Grenze in ihrer jetzigen Form festgelegt worden. In Finnland fand der Krieg in zwei Etappen statt, dem Winterkrieg (1939 – 1940) und dem Fortsetzungskrieg (1941 – 1944). Wir kommen auf unserer Tour an unzähligen kleinen und großen Gedenkplätzen vorbei, die an den Winterkrieg erinnern. Da gelang es den Finnen, die Russen flott aus dem Land zu treiben und vernichtend zu schlagen. Manchmal stehen auch nur ein paar alte Waffen verrostend in der Gegend rum.

Der Fortsetzungskrieg führte dazu, dass viel Infrastruktur zerstört wurde (insbesondere auch von den deutschen Truppen auf dem Rückzug) und dass im Zuge der Verträge nach Kriegsende die Grenzen verändert wurden. Mit all den Folgen, die Vertreibungen, Umsiedlungen und Grenzziehungen mit sich bringen. Gerade in Karelien, dem Gebiet im Süden Finnlands, in dem wir gerade sind, gibt es einige Ortschaften, die auf zwei Seiten der Grenze existieren: einmal auf finnischer und einmal auf russischer Seite. Immer wieder kommen wir an kleinen orthodoxen Kirchen vorbei, die ihre „Mutterkirche” auf russischer Seite haben. Menschen mussten flüchten und das Meiste dabei zurücklassen. Der Vermieter auf dem Bauernhof in Ilomantsi, bei dem wir übernachten durften, hat uns einen Tisch seiner Eltern gezeigt, die im russischen Teil Kareliens lebten und in den Westen fliehen mussten, eins der wenigen Stücke, das mit auf die Flucht genommen werden konnte.

Es ist ein ungewohntes und auch irritierendes Gefühl, wenn wir der russischen Grenze nahe kommen. Als Europäer*in dürfen wir in Europa rumreisen wie wir wollen. An den Grenzen gibt es kaum noch Kontrollen und dass man von einem in ein anderes Land wechselt merken wir meist nur an der anderen Sprache und anderen Schildern, manchmal an anderen Schriftzeichen. Die russische Grenze ist für uns, die wir kein Visum haben, unpassierbar. Auch, dass wir auf unserer Tour immer wieder Fahrzeuge mit bewaffneten Grenzsoldaten sehen, ist für uns ein ungewohnter Anblick. Wir haben dabei ein beklommenes und diffuses Gefühl.

Es ist eindrücklich zu erleben, dass wir auf dieser Seite nicht ohne weiteres aus Europa herauskommen. Schade!

Finnland 6

Jetzt hat es gerade gewittert und es regnet. Wir sitzen gemütlich und warm in Lappeenranta hinter der Fensterscheibe im Trockenen und denken, dass dies der gegebene Anlass ist um über die verschiedenen Arten der Hitze in Finnland zu schreiben.

Sonne: die haben wir in großen Teilen bislang genießen dürfen. Im Norden sowieso noch mehr, da sie dort fast gar nicht unterging. Aus diesem Grunde waren wir zunächst auch etwas durcheinander, weil es sich nicht anfühlte wie Nacht und nur durch den Blick auf die Uhr oder unseren Müdigkeitslevel zu erkennen war. Wenn die Sonne von Wolken bedeckt ist, und das kommt oft vor, dann ist es auch gleich kühl bis kalt. Kaum sind die Wolken weg, auch das kommt oft und schnell vor, wird es richtig warm und wir haben wieder das Problem auf dem Rad, dass wir nicht schnell genug unsere Kleidung der Temperatur anpassen können.

Feuer: solange keine Waldbrandgefahr besteht, darf man überall in Finnland Feuer machen (ausgenommen privater Grund und Boden). Es gibt zahllose Grillhütten und Feuerstellen über das ganze Land verteilt, davon hatten wir Euch schon erzählt. Es ist Usus, dass man soviel Holz, wie man verbraucht hat, frisch hackt und den Platz aufgefüllt hinterlässt. Dazu nutzt man die bereitliegende (scharfe) Axt, das Holz holt man von dem großen Haufen, der da rumliegt. Unser Eindruck ist, dass der gute finnische Familienmensch stets mit einer Tube Senf, Würstchen, Messer und Teleskopgrillspieß unterwegs ist, um im Bedarfsfall ein Feuer zu entfachen und Würstchen grillen zu können. Und um sich am Feuer zu wärmen oder daran zu erfreuen. Die Feuerstellen werden auch ganz pragmatisch von Allen genutzt und man sitzt schnell mit anderen Menschen zusammen.

Sauna: Schwitzen im Sitzen. Das finnische Wort „Sauna“ ist angeblich das einzige Wort, das es in den internationalen Sprachgebrauch geschafft hat (Sonst wollten die finnischen Wörter lieber im Lande bleiben). Es ist großartig, nach einem anstrengendem Tag auf dem Rad in der Hitze die Muskeln zu entspannen. Auf den meisten Campingplätzen gibt es eine Sauna, entweder privat zu mieten für eine Stunde, oder öffentlich für alle und dann Männlein und Weiblein getrennt. Danach ist man wieder fit, um entspannt das Wohnmobil zu streichen, die Fische zu entschuppen oder Holz zu hacken. Wir durften inzwischen verschiedenste Saunen kennenlernen, von minimalen Sitzeinrichtungen für Zwei, die auch in einem Schrank Platz hätten, bis zu großen Saunen, in denen man mit einer gesamten Klasse unterkommen könnte. Saunagänge können stundenlang zelebriert werden oder auch zur flotten heißen Reinigung: duschen, schwitzen, duschen, fertig. Was wir bislang in jeder Sauna entdeckt haben ist ein Flaschenöffner. Bei unserem ersten Saunabesuch dachten, wir, dass dies ein lustiges und individuelles Detail sei. Inzwischen haben wir einige Saunen kennengelernt und tatsächlich in jeder haben wir einen Flaschenöffner gesehen. Immer hübsch an einem Band aufgehängt, damit das Saunabier auch geöffnet werden kann.

Pause

Wir sind jetzt seit 35 Tagen unterwegs und haben fast jede Nacht an einem anderen Ort verbracht. Wir merken, dass uns das ein wenig schlaucht und mieten uns in Lappeenranta für drei Nächte eine Unterkunft.

Das Beste: mit Waschmaschine. Am ersten Abend können wir nicht mehr vor die Tür, weil alle (!) Wäsche einmal grundgereinigt wird. Bevor alle Leser*innen nun denken, wir würden seit Wochen in ungewaschenen Klamotten rumlaufen müssen wir dementieren: dem ist nicht so. Wir waschen an den Zeltplätzen wo es geht und ziehen die Sachen durchs Wasser. Aber alles einmal so richtig durchzuwaschen mit Vor- und Hauptwaschgang verspricht doch einen sehr großen Luxus.

Die Vormieterin hat netterweise einen Weißwein im Kühlschrank stehen lassen, den Kathrin gerne trinkt, während Ben weitere Marken Olut (Bier) ausprobiert. Und so verbringen wir die erste Nacht in Lappeenranta zwischen zum Trocknen aufgehängten Wäschestücken und der beglückenden Aussicht, morgen mal nicht alles zusammen zu packen und weiter zu ziehen, sondern einfach nur aufzustehen und zu frühstücken.

In dem klitzekleinen Appartment wollen wir einen Tag Homeoffice machen, von unseren Erlebnissen hier berichten und den Kram abarbeiten, der sich so ansammelt. Wir sind zwar unterwegs, aber um Sachen wie Versicherungen, Kindergeld, Briefwahl und Rechnungen müssen wir uns doch kümmern, zum Glück haben wir ein Basislager in Dortmund, auf das wir uns verlassen können.

Finnland 5

Es passieren schöne Dinge, wenn wir uns mit unserer Reiseplanung schwer tun: wir sitzen in Hiddenporti, ein Platz mit einer Grillhütte an einem Fluss, an der wir übernachtet haben und freuen uns über dieses Fleckchen und die Forstbehörde, die sich so gut um uns kümmert.

Irgendwann sind wir mit Frühstück und Packen fertig und machen uns auf den Weg. Wohin denn? Das müssen wir noch klären. Es gibt die Option nach Möhkö, der östlichsten Siedlung auf europäischem Festland zu fahren, oder den schnellen Weg nach Ilomantsi zu nehmen. Wir haben mehr Lust auf den schnellen Weg und beschließen auf dem dortigen Campingplatz zu nächtigen. Wir brauchen Strom und wünschen uns eine warme Dusche nach der letzten Nacht an der Hütte im „Nirgendwo“.

Hier im Nirgcndwo

Weg und Wetter sind gut und wir rollen die Hügel munter rauf und runter. In der Stadt Ilomantsi angekommen geraten wir in ein Festival: Künstler, die Holzskulpturen herstellen, werden von der Stadt eingeladen und fertigen vor den Augen des Publikums eine Bärenskulptur. Diese Bären gehen in den Besitz der Stadt über, womit erklärt ist weshalb hier alle 20 Meter eine Skulptur steht.

Wir bleiben stehen, schauen drei Leuten bei ihrer Arbeit mit den Kettensägen zu und finden es beeindruckend, mit welcher Feinheit und Präzision sie aus den großen Baumklötzen feine Figuren mit den klobigen Kettensägen herausholen. Und dann steht da ein „alter Bekannter“, nämlich Esa Leppänen, der Künstler, in dessen Galerie wir uns vor dem schlimmen Regen gerettet und dem wir dann auch gleich etwas abgekauft hatten. Auch er hat hier schon einen Bären gefertigt und winkt uns lustig zu. Wir können uns immer noch nicht gut verständigen, weshalb er einen Finnen organisiert, der uns in fließendem Deutsch über das Festival und die Stadt informiert. Ihn fragen wir direkt nach dem nächsten Campingplatz. In der Stadt selbst gibt es keinen, aber 27 km weiter außerhalb und zwar in Richtung Möhkö, der Stadt, in die wir heute nicht fahren wollten. Na toll! Da haben wir mal wieder die Karte nicht richtig gelesen….

Da ist Esa

Dann fahren wir eben auf unserer Route weiter, denken wir und zelten irgendwo wild. Aber erst müssen wir noch ein Café suchen um die Strom- und Zuckerakkus aufzuladen. Im Café werden wir von einem Paar angesprochen, die sich nach dem Woher und wie es uns geht erkundigen. Wir plaudern nett hin und her und sie erwähnen, dass sie ein Bed & Breakfast betreiben. Na wunderbar, wir fragen sofort, ob noch ein Zimmer frei ist. Etwas ungläubig werden wir belächelt, denn schließlich ist das Festival in der Stadt und folglich alles schon seit langer Zeit komplett ausgebucht. Mhm, ein Blick auf unsere vollen Räder und die Frage, ob wir auch mit einem Platz für das Zelt zufrieden wären? Natürlich.

So sind wir wenig später etwas außerhalb von Ilomantsi auf einem Berg bei einer kleinen Farm und dürfen im lauschigen Garten unter Apfelbäumen unser Zelt aufbauen. Es gibt eine Sauna, die wir nutzen dürfen und in den großen Gemeinschaftsraum im alten Haus dürfen wir auch. Lauter Instrumente hängen dort an der Wand: Geigen, Banjo, Balalaika, singende Säge und noch mehr. Eine kunterbunte Mischung, ein Harmonium und ein Klavier stehen auch dort. Da fragen wir doch in diesem musikalischen Haus, ob sie Vorschläge hätten, welche finnischen Lieder wir lernen sollten. Und schon singen ein weiterer Gast und die beiden Hausleute viele finnische Volkslieder für uns. Gleichzeitig werden wir mit Noten versorgt. Jetzt haben wir in den nächsten Tagen und Wochen Material mit dem wir üben können. https://www.puustilanmaisematila.fi/palvelut

Wir freuen uns riesig über dieses ungeplante Geschenk und krabbeln für die Nacht in unser Zelt. Die Schafe blöken uns durch die Nacht.

Finnland 4

Wir sind große Fans von Finnland (logisch) und ganz große Fans von „Metsähallitus“. Google übersetzt das mit Waldherrschaft, passender ist wahrscheinlich Forstbehörde. Die sorgt jedenfalls für die vielen Hütten in diesem wirklich gar nicht kleinen Land, versorgt sie mit Feuerholz und hält die Unterstände und die Hütten selbst instand. Inzwischen sind wir stets mit einer Packung Makkara (Grillwurst) und Senf ausgerüstet, damit wir bei der nächsten Hütte anhalten, Feuer machen und grillen können. Holz ist da, sauber ist auch alles, Mülltrennung wird gepflegt und ein Plumpsklo ist auch vorhanden.

Wald gibt es hier jede Menge und bei der Planung dieser Reise gab es diverse Vorbehalte und Warnungen von Finnlandreisenden, dass es wirklich sehr langweilig werden könne, wenn wir Tag um Tag durch diese immer gleiche Waldlandschaft radeln.

Weit gefehlt.

Der Wald sieht jedesmal anders aus. Einmal natürlich macht es sehr viel aus ob es gerade regnet (dann sind wir auch keine begeisterten Betrachter, aber nur, weil wir mit den Widrigkeiten des Wetters zu tun haben), oder ob er sich lichtdurchflutet und sonnenbestrahlt präsentiert. Und dann gibt es die vielen verschiedenen Arten von Wald zu sehen.

Mischwald, möglichst sich selbst überlassen: dass ist für uns das Highlight. Birken, die hier sehr groß und massig werden, gemixt mit Kiefern, Ebereschen und Fichten. Unten drunter wachsen Blaubeeren und Preiselbeeren en masse. Moose, Flechten, eine dicke, weiche Decke, in die man sich direkt hineinschmeißen möchte. Dann das Spiel des Sonnenlichts darin und schon sind wir hin und weg.

Dann gibt es die Monokulturen: Birkenwald, der – so denken wir – sich von selbst dort ansiedelt, wo es recht feucht ist. Die wirken luftig und licht und frisch. Die weiße Birkenrinde lässt den ganzen Wald irgendwie aufgeräumt erscheinen.

Kiefernwald als Monokultur: das ist eintönig und wenn man durch ein solches Gebiet fährt haben wir eher den Eindruck auf einem Werksgelände unterwegs zu sein und wir müssten Warnweste und Bauarbeiterhelm anlegen. Alles wirkt trocken, monoton und etwas leblos. Diese Monokulturen gibt es in unterschiedlichen Reifegraden von ganz jungen Bäumchen, die noch in einer grasgrünen Wiesenlandschaft stehen zu älteren Exemplare, bei denen die Wiese verschwindet und den alten Ansammlungen, die dann kurz vor der Ernte stehen.

Und dann gibt es den Ex-Wald: das sind die gerodeten Gebiete in denen gar kein Wald mehr steht. Das sind wahre Schlachtfelder der Forstindustrie, sie sind gruselig anzusehen und es ist kein schönes Gefühl da hindurchzufahren. Die Maschinen, die hier zum Einsatz kommen sind unglaubliche Geräte, die einen Baum wie einen Grashalm umsensen, sofort entasten und in handliche Stücke zersägen. Der Boden ist umgewälzt und nur noch eine Wüstenei. Das sind Baumfriedhöfe, es stehen meist nur noch ein paar vergessene Geäste traurig rum. Wir haben keine Ahnung wie lange es dauert, bis dort wieder etwas wachsen kann und wie das bewerkstelligt wird.

Es gibt auch einigen Zwist um den Wald und wie er genutzt werden soll und darf. Hier haben wir allerdings keinen Einblick in die Geschehnisse in diesem Land. Wir rollen so da durch und freuen uns über den Anblick und manchmal eben auch nicht. Aber langweilig ist es nie! Immer wieder kommen wir auch an umgefallenen Bäumen vorbei, die dann mit ihren riesigen Wurzeln ganz eigenartige Gebilde formen. Im Vorbeirauschen meinen wir immer mal wieder Bären, Mammuts, Tänzer oder Fabelwesen zu erkennen.