Alltag

Wir sind jetzt bereits seit mehr als drei Wochen unterwegs. Es fühlt sich an, als wären wir schon viel länger „on the road“. Wahrscheinlich, weil es so viele neue Eindrücke und Dinge gibt, die wir erleben und organisieren müssen. Jeder Tag fühlt sich neu an, auch wenn es häufig die gleichen Fragen sind, die wir uns stellen: Wo fahren wir heute hin? Gibt es einen Campingplatz oder wo können wir schlafen? Müssen wir noch einkaufen und wenn ja: wo? Wie wird das Wetter, ist alles am Rad gut verstaut? Haben wir nichts vergessen?

Aber es stellt sich auch Routine ein und wir entwickeln kleine Gewohnheiten, die im großen unbekannten Tag kleine Sicherheitsinseln sind. Das geht los mit dem Frühstück: dazu muss man erst mal aus dem Zelt krabbeln (vorher haben wir uns mit akrobatischen Schlangenmenschenbewegungen in Hemd und Hose gewunden) um dann den Kocher aufzustellen, Wasser zu kochen und Tee zuzubereiten. Das Frühstück besteht meist aus Banane und Käsebrot mit Cocktailtomaten. Wir haben ein Brot gefunden, dass ein wenig an Pfannkuchen erinnert wegen des Geschmacks und der Form. Weil wir kein Finnisch können, wissen wir nicht, ob es vielleicht nochmal getoastet werden sollte. Egal, es schmeckt und vor allen Dingen hat es eine handliche Größe, mit der es gut in der Tasche verschwinden kann. Ben isst gerne noch einen Joghurt und Kathrin ein Vili. Vili ist ein Milchprodukt, dass ein wenig nach Kefir schmeckt und eine Konsistenz wie Schleim hat. Ja, das ist merkwürdig!!

Wenn Frühstück und Körperpflege erledigt sind, packen wir alle Taschen zusammen und verstauen alles auf den Rädern. Das geht inzwischen schwuppdiwupp. Derweil trocknet das Zelt (wenn das Wetter es zulässt) und wird als letztes eingepackt und los geht es. Ach ja, wo fahren wir heute hin?

Wir sind mit den finnischen Namen komplett überfordert. Die Anhäufung von Vokalen und Umlauten hintereinander können wir uns nicht merken und auch nicht verständlich aussprechen. Wenn wir einem Finnen/einer Finnin sagen wo wir hinfahren, versteht er/sie erst mal nix. Wird der Name der Ortschaft dann fachkundig ausgesprochen hat der Klang nur sehr wenig Ähnlichkeit mit dem, was wir da akustisch produziert haben. Aber auf den Karten können wir uns einigermaßen orientieren und dass es hier nicht so viele Straßen und Abzweigungen gibt, erleichtert die Orientierung erheblich.

Dann fahren wir so vor uns hin und hängen unseren Gedanken nach. Anfänglich haben wir uns noch auf jedes Rentier aufmerksam gemacht, jetzt steht halt wieder eins rum, wir gewöhnen uns daran. Zwischendurch machen wir Pausen. Am liebsten in einem Café. Wobei das Wort Café sicherlich falsche Assoziationen weckt. Die Infrastruktur hier ist sehr dünn. Das bedeutet, das meist nur alle 60 – 100 km ein Laden auftaucht. Da gibt es dann aber ALLES. Und einen Kaffee auch. Manchmal mit einem Sitzbereich, manchmal als Pumpkanne und Pappbecher zum Mitnehmen. Und es gibt fast nur Filterkaffee, den aber großzügig. Oft ist es gestattet sich noch einen „Refill“ zu nehmen.

Finden wir keinen Ort, der uns Kaffee und Korvapusti anbieten will, suchen wir uns einen Platz auf freier Strecke und kochen den Kaffee selbst. Dazu vertilgen wir Schokolade, Weingummi, Kekse, Apfel und Nüsse. Frisch gestärkt fahren wir weiter und machen uns dann irgendwann auf die Suche nach einem Nachtlager. Das gilt natürlich alles bei leidlich trockenem Wetter. Regnet es Hunde und Katzen sieht die Welt ein wenig anders aus, das konntet ihr in unserem Blogbeitrag „Schietwetter“ ein wenig mitverfolgen.

Haben wir ein passendes Plätzchen gefunden, wird das Zelt wieder aufgestellt, wir kochen etwas und dann plumpsen wir meist ganz schön erledigt in die Schlafsäcke. Wir lesen uns noch etwas aus der Kalevala, dem finnischen Nationalepos in 50 Gesängen vor, wobei Ben dann gerne schon mal einschläft.

Manchmal sind wir auch in Hütten, oder mieten uns in einem Haus ein. Dann genießen wir Betten mit Bettdecken und fließendes Wasser aus der Leitung. Heute (9.8.21) übernachten wir in einer Schutzhütte, da gibt es von all den Annehmlichkeiten nix, dafür aber einen Feuerplatz. Das Feuer wärmt uns sehr schön und wir riechen wie ein Stück Holzkohle.

Finnland 3

Möge die Straße…

So oder so ähnlich sehen viele Straßen in Finnland aus. Man kann unterscheiden zwischen geradeaus, S-Kurve rechts oder links, aufwärts oder abwärts. Immer gibt es Wald oder Wasser oder beides zu sehen. Wir fahren auf unseren Rädern über diese Straßen, das geht mal ganz unbeschwert und beschwingt, so dass wir nur so dahin brausen, Kilometer um Kilometer. Dann wieder gibt es Phasen, in denen jeder einzelne Meter hart erkämpft wird. Entscheidend ist vor allem das Wetter: mit Sonne stört der Gegenwind nicht soooo, mit Wolken und Regen ist er eher unerträglich. Aber auch der Belag ist wichtig: Asphalt ist sehr schön, wenn er nicht durch unzählige Frostbeulen zu einer Buckelpiste mutiert. Schotterstraßen gibt es auch. Die sind anstrengend, aber zum Glück auf unserer Route nicht so zahlreich. Die Straßen wellen sich durch das Land, so haben wir immer kleine Anstiege, die wir dann auf der anderen Seite entspannt runterrollen könnten (wenn uns nicht gerade der Wind daran hindert). Schön ist es auch, wenn der Weg sich schlängelt, das macht neugierig und spornt an.

Wo die Straßen entlanglaufen und welche Route wir fahren könnt ihr bei „Die Idee“ einsehen. https://hinundweg.blog/die-idee/

Je kleiner und unbedeutender die Straße, desto ruhiger ist es und wir können nebeneinander herfahren. Sind die Straßen größer und wichtige Verbindungsstrecken, ist es voll und wir fahren hintereinander her. Auch die Autofahrer*innen sind dann nicht mehr so gelassen. Da wird schon mal geschnitten und mit unangenehm wenig Abstand überholt.

Noch sind wir in der Hauptsaison unterwegs und mit uns viele Motorradfahrer und noch mehr Wohnmobile. Auf den wichtigen Verbindungsstraßen zählen wir pro Tag um die 150 Camper.

Fahrradfahrer treffen wir nicht so viele. Einige treffen wir dafür immer wieder, weil wir auf den gleichen Strecken unterwegs sind. Britta, eine Radlerin aus Hamburg, die schon ganz Europa mit dem Rad erkundet hat, kennt sich in Finnland aus wie keine andere. Sie hat uns mit guten Tipps versorgen können, welche Zeltplätze gut sind und wo wir noch einkaufen müssen, weil es die letzte Möglichkeit für die nächsten 100 km ist. Für solche Hinweise sind wir sehr dankbar. Tim, ein Radler aus Helsinki, den wir in Juuma getroffen haben, versorgt uns ebenfalls mit sehr guten Tipps und weist auf Sehenswürdigkeiten hin. Das kann so passgenau kein Reiseführer leisten.

Lichtblick

Da lang!

Wir haben die Nacht erstaunlich gut überstanden indem wir einfach in der Gemeinschaftsküche des Campingplatzes geblieben sind. Es war hart und nicht sehr kuschelig, aber dafür warm. Ben hat auf dem Boden geschlafen, Kathrin auf der Bank. Da die Finnen ein sehr gesittetes Völkchen sind, kommt auch keiner in der Nacht in die Küche und kocht oder feiert eine Party. Nachts wird geschlafen! Und somit können auch wir ganz ruhig und entspannt dort liegen.

Mit unseren Ängsten und Vorbehalten haben wir uns immer schön abgewechselt, erst hat Kathrin den Vorschlag gemacht, einfach in der Küche zu bleiben dann aber Muffensausen bekommen. Ben war zuerst nicht sicher, aber dann überzeugt, dass dies die einzige Option für die Nacht ist. Am Ende haben wir einen Finnen gefragt ob das wohl in Ordnung wäre und er hat sehr finnisch geantwortet, nämlich, dass das ja absolut zu verstehen wäre und Keiner etwas dagegen haben könne. Damit konnten wir beide uns dann gut zur Ruhe begeben.

Schlafplatz „de Luxe“

Nach dem obligatorischen Frühstück haben wir uns auf den Weg gemacht um in den nächsten Ort zu fahren, der eine freie Unterkunft in unserer Richtung anbietet. 97 km! Und das Wetter ist nicht besser geworden….

Ben fragt Kathrin vorsichtig: „Alles klar?“ Kathrin meint: „Muss ja.“ Und Ben antwortet auf die gleiche Frage ebenso. Damit ist geklärt, dass wir uns auf den Weg nach Suomussalmi machen, es keine Alternative gibt und wir in Kauf nehmen was dann eben so passieren wird. Kathrin bucht noch schnell ein Hotelzimmer bevor es weg ist und wir fahren los.

Nach 30 km im Regen sind wir schon ziemlich nass, die Regensachen sind eben nicht auf einen Dauerbeschuss ausgelegt. Aber laut Reiseführer kommt ein Laden mit Café. Wir sehen den Laden und freuen uns auf eine Pause im Trockenen, aber weit gefehlt, das Ding ist geschlossen. Bevor wir aber so richtig enttäuscht sein können taucht zwei Kurven weiter ein kleiner Laden auf und im Fenster sieht man zwei Frauen sitzen, die ihren Kaffee trinken. Das wollen wir auch! Also rein, nachdem wir einen Großteil unserer Sachen im Vorraum ausziehen um nicht den Laden zu fluten. Es gibt nur einen einzigen Tisch, aber die beiden Damen haben Mitleid, sie räumen das Feld. Hurra!

Wir kriegen Kaffee und süße Teilchen, kaufen das Notwendigste ein (Reis, Schokoriegel, Bier, Plastiktüten), weil man nie weiß, wie weit man kommt und schauen dem Regen beim Pladdern zu. Eine Finnin, Sanna, gesellt sich zu uns. Sie wohnt in der Nähe und wartet auf Milch, die ist noch nicht geliefert wurde und so setzt sie sich zu uns und wir plaudern angeregt über Gott in Finnland und die Welt. Die Milch kommt, wir schmeißen uns in unsere immer noch nassen Sachen und gehen.

Vor dem Laden steht ein ausgewanderter Deutscher, der uns sogleich mit seiner Geschichte überfällt. Er wohnt seit einem Jahr in Finnland. Nachdem wegen Corona seine Freundin ihr Tatoo-Studio nicht betreiben konnte haben die beiden kurzerhand alles zusammengepackt und sind mit Kind und Kegel nach Finnland ausgewandert. Er schlägt sich durch und fängt jetzt als gelernter Straßenbauer Forellen mit der Baggerschaufel für einen Fischbetrieb. Wir sind ganz schön beeindruckt von solchem Mut alles aufzugeben und loszulegen.

Und dann fahren wir wieder durch den….? Richtig: REGEN. Weil wir so schöne und liebenswerte Sachen erleben und weil es Kaffee gab, gehen die nächsten Kilometer recht locker unter den Reifen weg, aber irgendwann sind auch die zweiten Paar Handschuhe durchnässt (obwohl Ben jetzt noch Plastiktüten darüber trägt), Kathrin ist durchnässt bis auf die Haut und versucht bei km 70 etwas Trockenes anzuziehen, was sich im strömenden Regen als ein komplett idiotisches Unterfangen erweist. Aber was muss, das muss. Es gibt auch gar keine Alternative als Weiterfahren. Wir sind schon zu weit um umzudrehen und so geht es weiter.

Und irgendwann wird der Regen weniger, ein Hauch von „nicht Wolke“ lässt sich erahnen und die Kilometerangaben nach Suomussalmi (die Stadt mit dem trockenen und bereits gebuchten Zimmer) schrumpfen. Wir kommen an!

Jetzt sitzen wir, nach einem erlebnisreichen Tag, in unserem Zimmer, waren gerade in der Sauna und werden gleich in einen sehr tiefen Schlaf fallen.

Danke für eure Kommentare und Wünsche! Das spornt an, wenn wir den nächsten Berg vor und den Regen in den Augen haben. Wir freuen uns sehr, dass ihr so mitfiebert!

Schietwetter

So, und nun ist es soweit, das echte Abenteuer hat begonnen. Heute Morgen (3. August) heißt es in der Wettervorhersage, dass es den ganzen Tag regnen soll und bis morgen keine Änderung zu erwarten ist. Zusätzlich machen die zweistelligen Zahlen Urlaub, die Temperatur geht auf acht Grad runter und es bläst ein ordentlicher Nordwind. Was soll‘s denken wir. Wir radeln mal los und dann werden wir in Hossa im Nationalpark eben eine Hütte mieten.

Also los, das Zelt können wir noch recht trocken einpacken und die ersten Kilometer sind zwar nass, aber netterweise weht der Wind von hinten und schiebt uns ein wenig an. Wie das im Moment so ist, gibt es kein Café, keinen Laden, keine Tankstelle, kein Bushäuschen und weit und breit nichts, wo man sich mal unterstellen könnte um Pause zu machen. Also Augen zu und weiter. Wir fahren und fahren, jeder hängt seinen eigenen nassen Gedanken nach. Und es regnet und regnet.

Nach 40 km steht ein kleines Schild am Wegrand mit dem Hinweis „Galerie“. Schön sagen wir uns und fahren dem Schild nach. Wir kommen an eine alte Schule, deren Auffahrt und der gesamte Vorplatz mit lustigen Skulpturen vollgestellt ist. Entweder Arbeiten aus Holz, oder zusammengeschweißte Altmetallteile. Die Sachen gefallen uns und die Atmosphäre auch.

Der Künstler selbst ist zugegen und bietet uns Kaffee und Kekse an. Er sieht auch ein wenig aus wie der Weihnachtsmann, hat einen Bart und spricht sehr wenig Englisch die Verständigung fällt entsprechend wortkarg aus, aber die Atmosphäre ist nett. Im Gebäude stehen auch noch jede Menge Sachen und hängen Bilder an der Wand. Uns gefallen die Sachen so gut, dass wir fragen, ob er auch etwas mit der Post verschicken würde, denn auf dem Rad können wir die Dinge nicht mitnehmen. Zu unhandlich und zu schwer. Ja, das würde wohl gehen und so werden wir uns handelseinig, damit alles seine Ordnung hat, bekommen wir eine gemalte Rechnung. Nun sind wir gespannt ob irgendwann ein Paket in Dortmund ankommen wird.

https://de-de.facebook.com/esa.leppanen.54?comment_id=Y29tbWVudDozODM1ODMwNDQ2NDM3NDE2XzM4MzY5NzcyMDk2NTYwNzM%3D

Nachdem wir das geregelt haben radeln wir weiter. Es regnet noch immer. Und wieder ist über lange Strecken gar nichts zu sehen oder zu wollen außer Wald und Regen.

Der Ort, in dem ein Campingplatz sein soll, existiert, der Campingplatz aber leider nicht. Schade, dann müssen wir weiter. Es regnet noch immer. Unsere Regensachen gehen ein wenig in die Knie und lassen an vereinzelten Stellen Wasser durch.

Wir kommen beim Nationalpark Hossa an. Da gibt es ein Besucherzentrum in dem man sich im Trockenen aufhalten kann und Kaffee und Zimtschnecken bekommt. Na bitte, geht doch! Wir setzen uns und durchforsten das Internet nach Hütten und Unterkünften hier in der Nähe. Es gibt einiges, aber alles ist ausgebucht. (Da waren ein paar Menschen besser mit ihrer Planung als wir.) Wir recherchieren ewig und überlegen hin und her, ob wir hierbleiben sollen oder noch mal auf die Räder und weitere 80km fahren. Nein! Das schaffen wir unter den gegebenen Umständen und auch sonst nicht. Wir bleiben also hier und melden uns schließlich auf dem Campingplatz an.

Es regnet nicht, es schüttet inzwischen und an einen Zeltaufbau ist gar nicht zu denken. Dann ist das Zelt nass, wir auch und hinein können wir dann auch nicht, jedenfalls nicht, wenn wir es trocken und wärmend brauchen. Gut, dass die Campingplätze hier immer auch eine Gemeinschaftsküche haben. Da sitzen wir jetzt und hoffen, dass wir hier ein paar Stunden Schlaf bekommen können, wenn alle anderen mit Kochen fertig sind. Nicht ganz im Sinne des Erfinders, aber besser als das Zelt allemal. Im Trockenraum hängen unsere Sachen und wir freuen uns auf die warme Dusche und eine Sauna können wir auch benutzen.

Morgen ab 17:00 Uhr soll der Regen nachlassen…..

Räder

Jetzt erzählen wir mal etwas über unsere Räder: Ben fährt ein Holland Gazelle-Rad, mit einer 7-Gang Nabenschaltung. Ausgelegt für die glatten Straßen in den Niederlanden und eher weniger für Berge und Anstiege. Aber dafür hat es einen Motor, damit kriegt Ben das dicke Schiff gut die Berge rauf.

Kathrin fährt ein Tourenrad der Marke Contoura, mit 30-Gang Kettenschaltung, ohne Elektroantrieb.

Wir finden, dass sich die beiden Räder hervorragend ergänzen und sind deshalb immer wieder irritiert ob mancher Kommentare. Sei es, dass das Fahren mit Elektro als „schummeln“ tituliert wird oder die Frage gestellt wird, ob Ben dann nicht zu schnell sei.

Alles Quatsch! Wir fahren gemeinsam und jeder von uns fährt das Rad, mit dem er/sie zufrieden ist und gut fahren kann. Da muss sich jeder von uns beiden sich mal an den Anderen anpassen: Ben wartet, wenn Kathrin nur im Schneckentritt die Berge hochjuckelt und mault. Kathrin fährt im hohen Gang die Berge runter und wartet im Tal auf Ben. Jedenfalls so ungefähr. Meistens nutzt sie den Schwung um den nächsten Berg wieder rauf zu fahren und dann holt Ben sie ganz flott wieder ein.

Kathrins Bio-Akku und Bens E-Akku reichen ungefähr für 60 – 80 km, abhängig von den Gegebenheiten. Wenn bei Kathrin Ende ist müssen schnell Kaffee, Zimtschnecken (Koorvapusti) oder viel Schokolade her, oder noch besser alles auf einmal. Kathrins Akku muss ca. alle 20 km einmal zwischengeladen werden, mit der soeben beschriebenen Methode. Bei Ben kommt ein frischer Akku ins Rad, wenn der erste verbraucht ist. Gut, dass er zwei dabei hat, so kann auf freier Strecke gewechselt werden! Und natürlich ist immer eine dicke Notfallration Schokolade dabei, falls grad keine Zimtschnecken und ein Café zu finden sind. Und Kaffee kochen können wir auch so mit unserem Kocher, der Espressokanne und den beiden Tassen. Meistens fehlt nur ein Unterstand, der den Wind abhält, oder den Regen… und dann geht es wieder auf die Räder!

Finnland 2

Wir sind nun seit fünf Tagen in Finnland unterwegs und werden mit den Gepflogenheiten hier auf den Straßen immer vertrauter.

Rentiere stehen hier immer wieder auf der Straße rum. Autofahrer kennen das und werden langsam, sehr langsam, oft bis zum Stillstand. Wenn es in Lappland Stau gibt, dann nur, weil Rentiere auf der Straße stehen. Die Tiere haben sich an Autos gewöhnt und wenn sie sich dann bewegen hat man den Eindruck, dass man es mit Teenagern zu tun hat, denen man gerade gesagt hat, dass sie bitte das Zimmer aufräumen sollen. Mit entsprechendem Blick und der dazugehörigen Langsamkeit bewegen sich die Tiere dann gerade so viel, dass das Auto passieren kann.

Anders ist das bei uns Radfahrenden. Menschen auf dem Rad gibt es hier sehr wenige, daher sind die Tiere es nicht gewohnt und laufen schnell davon, sobald wir uns nähern. Ben hatte die Idee, dass wir Autogeräusche von uns geben. Unsere Imitationskünste haben aber nicht viel Erfolg gezeigt und die meisten Rentiere flüchten dann doch wenn sie unserer gewahr werden.

Die Tiere kommen aber auch in die Stadt und schauen sich das Angebot beim Supermarkt an, auf dem Zeltplatz haben wir sie schon erlebt und zwischen Hütten und Häuser und in den Parks.

Peter, ein guter Freund des Weihnachtsmanns aus Kammanen, hat uns erzählt, dass einige in Lappland daran glauben, dass es Glück bringt, wenn man ein weißes Rentier sieht. Es muss einen dafür allerdings anschauen. Wir waren ganz aus dem Häuschen, weil wir kurz zuvor Augenkontakt mit einem hatten. Weiße Rentiere sind allerdings nicht so selten, wie wir dachten (ca. vier Prozent). Aber die Legende muss stimmen, wir haben jedenfalls Glück ohne Ende. Wir dürfen hier durch die Gegend radeln und erleben tolle Sachen.

Hyvää Joulua 🎄

Erstaunlich, aber wahr: wir treffen den Weihnachtsmann und feiern finnische Weihnachten.

Von Norwegen kommend reisen wir nach Finnland ein und dann, weil es so gut läuft, die Straße nicht so hügelig und das Wetter ganz passabel ist, sausen wir nur so dahin. Weiter und weiter, ca 80 km. Wir freuen uns auf den Campingplatz mit Sauna für unsere angespannten Muskeln. Leider ist der Campingplatz nicht mehr vorhanden. Das ist enttäuschend. Der nächste Platz ist ca 50 km entfernt, Muskeln und Hintern streiken und machen nicht mehr mit. Nach etwas längerer Suche (bei km 107) finden wir einen geeigneten Platz abseits der Straße mitten im Wald. In Finnland ist das erlaubt und wir sind entsprechend ausgerüstet mit Zelt und Kocher.

Die Mücken freuen sich sehr, dass wir da sind und veranstalten ein paar Freudentänze und hoffen auf ein Festessen. Wir sind Spielverderber und rüsten uns gegen den Freudentaumel. Die Essensvorräte hängen wir sicherheitshalber ein bisschen weiter weg vom Zelt in einen Baum, allerdings nicht weil die Mücken ans Essen gehen könnten, sondern weil wir nicht wissen, ob wir im Bärengebiet sind.

Nach einer ruhigen und warmen Nacht (wir haben uns ja auch mit warmen Sachen versorgt) frühstücken wir im Wald, packen alles zusammen und weiter gehts. Die Muskeln und Knochen ächzen noch ordentlich nach der Anstrengung von gestern und sind ein wenig energielos.

Energielos ist auch Bens Akku und so machen wir uns auf, um das nächste Café zu finden, wo wir dann bei einem Kaffee und Korvapuusti (Zimtschnecken) die Batterie aufladen wollen. Dafür müssen wir einen Umweg fahren, aber was soll’s. Wir träumen von Kaffee und nehmen dafür so einiges in Kauf.

Da ist endlich das Café und davor steht ein Weihnachtsmann. Und ein geschmückter Weihnachtsbaum. Wir staunen und werden schnell aufgeklärt. Das kleine Café wird von Künstlern der Umgebung betrieben und damit sie einen Aufhänger für ein Event haben, haben sie beschlossen eine Weihnachtsfeier zu veranstalten und dabei ihre Produkte zu verkaufen. Unversehens landen wir in einem Turnier und spielen „Mölkky“. Mit einem Holzklotz versucht man andere Holzklötze so zu treffen, dass man zuerst 50 Punkte erlangt. Kathrin gelingt das mit sehr viel Glück und -Zack- steht sie da mit einem Pokal in der Hand. Der ist leider zu groß und passt nicht ins Gepäck, deshalb stiften wir den Pokal als Wanderpokal für alle zukünftigen Weihnachtsfeiern in Kaamanen.

Wir machen noch beim Hula-Wettbewerb mit und radeln dann mit vielen guten Wünschen bedacht, vollen Batterien und dem großen Staunen ob der vielen lustigen Dinge in dieser Welt beschwingt weiter nach Inari.

Das Café ist ein spannendes Sammelsurium aus alten Möbeln und der Kunst, die dort verkauft wird. Liebevoll eingedeckte Tischchen und ein Regal mit Büchern zum Tauschen gibt es auch. Die Zimtschnecken sind lecker und von einer Frau aus dem Ort gebacken. Wir können einen Abstecher dorthin nur wärmstens empfehlen, selbst wenn dort nicht grad Weihnachten gefeiert werden sollte ist es ein heimeliger Ort, um Energie zu tanken, guten Kaffee zu trinken und mit lieben Leuten ins Gespräch zu kommen.

Hier ist der Link zum Cafe Kylägalleria:

https://www.facebook.com/people/Kaamasen-Kylägalleria/100068466811078/

Kirkenes und los!

Von hier geht es los auf unserem Weg in den Süden von Europa! Aber nicht ganz so schnell. Die Nacht war kalt und so rüsten wir uns im Survival-Laden bei der freundlichen Fachverkäuferin mit langer Unterwäsche (Ben), Isomattenunterlage (Kathrin) und Handschuhen (beide) aus. Und da es in Kirkenes ein Museum gibt, schauen wir uns das an und laden dann im Museumscafé unsere Handys und unseren Kaffeebedarf auf.

Aber dann endlich! Wir fahren unsere ersten Kilometer auf dem Iron Curtain Trail. Der Vollständigkeit halber wollen wir hier erwähnen, dass die originale Route 60km entfernt an der Barentssee, direkt an der Grenze zu Russland beginnt. Um dort zu starten hätten wir die 60km hin und dann wieder zurück fahren müssen. Mit Gepäck und viel bergauf und runter inklusive einer Übernachtung irgendwo im Freien. Das haben wir uns bei 4 Grad in der Nacht nicht zumuten wollen. Deshalb starten wir nun in Kirkenes!

Die ersten Kilometer laufen auch entspannt und bilderbuchgemäß, ein Glücksgefühl stellt sich ein. Dann kommt Regen, Gegenwind und ein paar heftige Steigungen. Darauf müssen wir uns eben einstellen und wo es hoch geht, geht es auf der anderen Seite wieder runter und wir können uns rollen lassen, denken wir. Aber weit gefehlt. Der Gegenwind pustet uns eher wieder den Berg hinauf, so dass wir auch auf der anderen Bergseite ordentlich strampeln müssen. Egal, wir beginnen gerade mit der Tour und sind voller guter Laune!

Das Wetter wechselt schneller als wir die Regensachen an- und wieder ausziehen können. Zwischendurch gibt es ein paar Wolkenlöcher und wir werden mit grandiosem Licht belohnt. Ein Kaffeestopp in Wind und Sonne bringt neue Energie.

Wir übernachten kurz vor der finnischen Grenze in Neiden.

Norwegen

Wir kommen dem Ausgangspunkt unserer Radtour immer näher. Wir wollen nach Kirkenes aber die Busse fahren coronabedingt nicht mehr über die finnisch-norwegische Grenze. Das finnische Bussystem ist aus unserer Sicht etwas unübersichtlich organisiert, es ist schwierig, an genaue Informationen zu kommen. Wir beschließen mit einem Bus von Rovaniemi nach Karigasniemi (Finnland an der Grenze zu Norwegen) zu fahren. Von da wollen wir dann mit dem Rad über die Grenze radeln in den nächsten Ort, der eine Bushaltestelle hat, Karasjok. Jetzt muss der Busfahrer nur noch genug Platz für die Räder und unser Gepäck haben. Etwas aufgeregt sind wir beim Busbahnhof und hoffen, dass wir mitkommen. Und ja, es klappt!

Die Busse befördern hier auch die Post und sonstige Sachen. Es sind gar nicht so viele Passagiere, die mitfahren, aber der Kofferraum ist zum Bersten voll und an jedem Stopp wird fleißig aus- und umgeladen. Zalando-Pakete, Kisten, Reifen für Quads, alles findet hier Platz. Daher die Unsicherheit, ob noch Platz für zwei Räder ist, denken wir uns.

Am Abend kommen wir in Karigasniemi an. Es gibt einen Laden und eine Tankstelle. Fertig. Sehr übersichtlich.

Ab auf die Räder und dann über die Grenze nach Norwegen und die 20km nach Karasjok. Die Grenzkontrolle besteht aus dem Scannen unserer Impfnachweise aus der CovPass App, der Grenzbeamte sitzt in einem kleinen Container, direkt neben einem COVID-Teststellen Container. Beide sehen so aus, als wären sie erst kürzlich aufgebaut worden. Wir übernachten auf dem Campingplatz in Karasjok.

Nun sind wir also in Norwegen. Am nächsten Morgen fahren wir per Bus weiter nach Kirkenes, jetzt in einem norwegischen Bus. Die Landschaft ist atemberaubend. Es wirkt, als hätte jemand einen Eimer mit Landschaft ausgekippt und dann einfach liegengelassen. Immer wieder fährt der Bus langsamer, weil Rentiere auf der Straße rumstehen. Sie sind hier so an den Autoverkehr gewöhnt, dass ein nahender Bus sie nur wenig beeindruckt. Wir hingegen sind hin und weg.

Nach acht Stunden Fahrt und zweimal umsteigen /-packen sind wir spätnachmittags tatsächlich in Kirkenes, dem Ausgangspunkt für unsere Tour entlang der ehemaligen Sovietgrenze, angekommen.

Da es weder eine Tourist Info noch einen Campingplatz gibt, wenden wir uns an die freundliche Verkäuferin im Survival Shop Outlet im Amfi Shopping Centre direkt am Kai, die uns einen Schlafplatz auf einem Hügel über Kirkenes empfiehlt. Nach ein wenig Suchen und Fluchen (steil bergauf) finden wir einen geeigneten Platz und bauen unser Zelt auf. Auf dem steinigen Untergrund will kein einziger Hering halten, daher nutzen wir unsere Fahrräder zum Abspannen. Es ist kalt, in der Nacht sind es sechs Grad.

Finnland 1

Finnland 1
Sonnenuntergang kurz vor Mitternacht

Jetzt sind wir in Finnland. Nachdem wir mit der Fähre von Travemünde nach Helsinki gefahren sind, haben wir dort einen Tag verbracht und uns durch die Stadt treiben lassen.

Abends fuhren wir mit dem Nachtzug nach Rovaniemi. Eine Stadt gelegen am nördlichen Polarkreis. Angeblich soll dort der Weihnachtsmann wohnen, was sich in einem touristischen Besucherzentrum offenbart. Eigentlich wollten wir dort gebührend andächtig den nördlichen Wendekreis überschreiten. Das ging nicht aufgrund der dort dudelnden Weihnachtslieder. Weihnachtliche Stimmung kam dort definitiv nicht auf.

Was wir nach den ersten drei Tagen in Finnland aber schon mal sagen können: es gibt hier seeeeehr freundliche und aufgeschlossene Menschen. Auf unserem ersten Stück von der Fähre runter in die Stadt hinein überholte uns eine Frau mit ihrem Rad, fuhr neben uns her und hieß uns als Touristen willkommen. Kathrin dachte erst es werde Touristenschelte aufgrund von Corona geben, aber weit gefehlt. Mit den Worten „it‘s good to have you again“, radelte sie davon.

Die nächste wunderbare Erfahrung mit aufgeschlossenen Menschen durften wir Dank der Vermittlung von Jule, Bens Schwester machen. Jule und Oli haben sich 2017 in Mauritius getroffen. Oli wohnt in Rovaniemi und war sofort bereit, uns ein wenig was zu zeigen. Daraus wurde ein langer und intensiver Nachmittag im „Café 21“, bei dem intensiv über Gott und die Welt debattiert wurde. Anschließend zeigte uns Oli gigantische Steinmühlen und dann wurde im ewig währenden Sonnenuntergang hoch über der Stadt gegrillt. In Finnland gibt es Grillplätze und Hütten, die mit Feuerholz bestückt werden, damit man dort Feuer machen kann. Auch eine Axt hängt parat, falls das Holz, oder das Steak nicht passend sind. Die Sonne geht nur gaaaaaaanz langsam unter, da sie ja zwei Stunden später schon wieder aufgehen muss. so ganz richtig dunkel wird es also kaum. Nachts um 11 Uhr in der Sonne stehen und grillen fühlt sich für uns jedenfalls noch sehr anders an. Wir haben den Abend sehr genossen und Oli ist ein fantastischer Outdoor—Lehrer. Wir wissen jetzt einiges mehr über den finnischen Wald und was es dort alles zu erkunden und zu beachten gibt.