Donau Deutschland

Wir beginnen unsere Donaureise bei strahlendem Sonnenschein in Regensburg. Die Stadtmitte wunderschön, so sagt man, wir haben keine Lust uns das anzuschauen, wir wollen aufs Rad und nach so vielen Tagen im Sitzen erst einmal fahren. Aber wo ist jetzt bitteschön der Radweg? Da wir suchende Touristen sind und auch so aussehen, kommt schnelle Hilfe in Form eines Regensburger Radelbürgers, der gerade einen kleinen Ausflug machen will. An einer Ampel an der wir stehen fragt er nach dem Woher und Wohin und bietet dann an uns auf den rechten Pfad zu setzen. Dankbar folgen wir ihm und schon sind wir auf der richtigen Spur.

Die Sonne scheint, es ist warm und Sonntag. Auf den ersten 10 km Radweg entlang der Donau sehen wir mehr Fahrradfahrer als in den letzten 10 Wochen zusammen. Wir müssen gut aufpassen wo wer wen wie überholen will. Der Radweg ist eine Autobahn: alles super beschildert, flach und ausgebaut. Nach unseren vorherigen Erfahrungen schon fast ein wenig langweilig. Aber nur fast. Leonie ist schon mit uns Rad gefahren und versteht genau was Kathrin sagt, wenn sie meint: „fliegen“.

Und wir sind wieder in einem anderen Land. Es ist grob geografisch gesehen unsere Heimat, aber wir sind in Bayern…. Wir verstehen die Sprache nicht immer sofort. Und weil wieder alles anders ist, müssen wir uns neu kalibrieren und unsere Wünsche und Bedürfnisse ausloten.

Das ist nicht immer einfach! Wenn wir hier berichten was wir erlebt haben, dann haben wir viele Unstimmigkeiten und Herausforderungen schon geschafft. In der Rückschau ist es immer leichter. Wir sind aber in unseren Wünschen und Bedürfnissen sehr unterschiedlich: Ben möchte gerne viel chillen und den Tag auf sich zukommen lassen. Kathrin möchte gerne viele Kilometer auf dem Rad wegfahren und noch ein paar Kirchen, Museen und und andere Dinge mitnehmen. Das bekommen wir nicht immer reibungslos unter einen Hut. Das gehört aber wohl auch zu so einer langen Reise, bzw. einer Zeit die wir selbst gestalten ohne die sonstigen Leitplanken, wie Arbeit, Familie und Hobbies.

Und warum wir das hier erzählen? Weil wir von unserer Reise berichten wollen und dazu gehört eben auch, dass wir nicht immer mit einem Lächeln alle Schwierigkeiten an uns abperlen lassen, sondern dass wir in jeder Hinsicht unsere Grenzen ausloten. Ja, es ist anstrengend und fordernd und dann auch wieder glücklichmachend.

Spontan oder verpeilt?

Da wir uns entschlossen haben nun an der Donau entlang zu radeln, müssen wir in Lübeck eine Unterkunft für die Nacht und dann eine Zugverbindung finden. Oha! In Travemünde angekommen gibt es jede Menge freie Hotelbetten und Campingplätze mit hohen Preisen. Das ist zwar möglich, aber so richtig befriedigt das unseren Abenteurergeist nicht. Wir fragen bei Johannes an, ob er uns in zwei Stunden einen Schlafplatz für die Nacht anbieten kann. Johannes kennen wir nicht, aber er ist auf der Plattform „Warmshowers“ eingetragen. Dort können radelnde Radler stationäre Radler finden, die eine Übernachtungsmöglichkeit bieten. Johannes ist bereit, uns für die Nacht seine Couch zur Verfügung zu stellen. Wir fahren also von der Fähre runter und rein nach Lübeck. Es erwartet uns ein netter Abend mit viel Austausch über Radfahren und reisen, ein warmes Abendessen und ein herzlicher Gastgeber. Hurra!

Hier waren wir schon mal.

Am nächsten Morgen fragen wir am Bahnhof in Lübeck nach, wie wir denn am besten mit unseren Rädern nach Passau kommen. Mit Fahrrädern im Zug! Der Mann hinter dem Schalter hält uns für meschugge, da wir noch nix gebucht haben und es Wochenende ist. Als er merkt, dass wir nicht in Tränen ausbrechen oder anfangen uns über die Bahn aufzuregen wird er zutraulich und erzählt witzig über die Heerscharen von Radlern, die am Wochenende irgendwo hin wollen und nicht rechtzeitig gebucht haben. Die Relation zwischen Fahrradmitnahmeplätzen in Fernverkehrszügen und Spontanbahnreisenden mit Rad stimmt gerade im Sommer an Wochenenden leider überhaupt nicht. Was trotzdem geht ist die Fahrt in Regionalbahnen. Da es mit zehn Mal Umsteigen nach Passau nicht an einem Tag zu bewältigen ist, beschließen wir, in Etappen durch Deutschland zu reisen.

Wir checken unsere Optionen und raus kommt, das wir nach Göttingen fahren und dort unsere Tochter in ihrer WG heimsuchen dürfen. Alles schön per RegionalExpress, es geht!! Es ist unfassbar aufregend, die eigene Tochter das erste Mal in ihrer Wohnung zu besuchen, sagen wir zwei, die wir seit 10 Wochen auf dem Rad durch Europa zuckeln. Wir wundern uns immer wieder was mit uns passiert.

Wir verbringen einen tollen Abend mit Kara und ihrer WG. Dank an die Truppe für die Unterkunft. Und dann müssen wir entscheiden, wie es weitergeht. Inzwischen ist in Göttingen dann auch das Päckchen angekommen auf das Kathrin heiß und innig gewartet hat. Das von Freundin Anette gestaltete Tagebuch. Das erste Buch ist schon voll …

Wir schaffen es bis Würzburg und verbringen einen langen und geselligen Abend bei Antje (der kleinen Schwester von Kathrin) und Daniel. Auch hier sind wir dankbar und froh, dass es spontane und flexible Menschen gibt, die wir nur wenig vorher von unserem Erscheinen in Kenntnis setzen und die sich dann freuen und uns herzlich und mit offenen Armen aufnehmen.

Und unsere Reiseplanung hat sich an Wetter, Bahn und Umstände angepasst. Es geht mit der Bahn nach Regensburg und von dort auf dem Donauradweg ans schwarze Meer. In Budapest werden wir Freunde treffen. Die Vorfreude ist riesig!

Hier ist es warm!

Die Bahn beglückt uns einmal damit, dass sie uns und unsere Räder quer durch Deutschland transportiert. Und dann mit wunderbaren Ansagen, Hinweisen und Tipps:

„Dieser Zug ist alkoholfrei.“ Hätten wir den Moselexpress genommen wären es vermutlich 11,5 ‰ gewesen.

„Das Speisen ist auf das Nötigste zu beschränken.“ Wir hatten an ein fulminanates Mahl mit drei Gängen gedacht, nun können wir mit dieser poetischen Ansage auf jegliches Essen verzichten und brauchen nicht einmal ein Brötchen versteckt hinter unserer Maske mümmeln.

„Schreiben sie jetzt ihren Namen auf das Verbundticket. Wenn sie keinen Stift haben, so fragen sie ihren Sitznachbarn oder den Zugbegleiter! Sollte ihr Sitznachbar nicht weiterhelfen können, stehen Sie auf und sprechen Sie weitere Mitreisende an!“ Das sind hilfreiche Tipps, auf die man so anscheinend nicht kommt.

Lettische Fundstücke

Wir haben hier so viele alte Baumriesen gesehen. Uralte Eichen, die so dick sind, dass man sie nur „anarmen“ kann.

Nachdem wir aus Riga rausgekommen und Richtung Süden gefahren sind haben wir auch sehr angenehme Straßen erlebt. Das geht also auch: Straßen, über die wir mit den bepackten Drahteseln hinwegbrausen können. Schön!

Und wunderbare kleine Brücken, die im vermeintlichen Nichts auftauchen und uns über einen Bach oder Fluss leiten. Mit einer Bausubstanz, die einen deutschen TÜV-Prüfer vermutlich in den Wahnsinn treiben würde.

Und immer wieder das Meer. Kein Wunder, fahren wir doch einen Radweg an der Küste entlang. Aber es ist toll, wie anders sich das Meer bei Wetter, Licht und Tageszeit zeigt. Wir sind hin und weg.

Hin und weg sind wir jetzt auch in Lettland. Es ist kalt und wird laut Wettervorhersage richtig ungemütlich mit Regen und Wind. Wir sind nicht so abgebrüht, dass wir da unbedingt durch wollen. Da wir ohnehin bald in Liepaja sind (Küstenstadt in Lettland mit Fährhafen), ändern wir unsere Reiseroute und beschließen, dort aufs Schiff zu gehen. Das bringt uns nach Travemünde und von dort wollen wir mit dem Zug nach Passau und dort fahren wir dann auf den Donauradweg weiter. Der bringt uns auch ans Schwarze Meer und es ist wärmer. Das „fehlende“ Stück zwischen Travemünde und Lettland entlang der polnischen Ostseegrenze und durch Kaliningrad machen wir dann im Frühsommer 2022!

Wir kriegen einen Platz auf der Fähre! Im Liegesessel, da Kabinen so kurzfristig nicht gebucht werden können. Die Ticketverkäuferin meint aber, dass wir an der Rezeption der Fähre fragen können ob eine Kabine frei geworden ist. Nachdem wir uns in der Stadt Liepaja mit Essen und Getränken versorgt haben, rollen wir auf die Fähre, verstauen die Räder im Schiffsbauch und gehen zur Rezeption. Die Dame dort meint nur, dass sie noch nix sagen könne, wir sollen später wiederkommen. Also stopfen wir unsere Taschen in eine Ecke lassen uns an Deck den Wind um die Nase wehen und gehen dann wieder zur Rezeption um nachzufragen. JA, es gibt eine Kabine. Die überaus nette Dame mit einem großen Fahrradherzen gibt uns eine 4-Bett-Kabine mit Fenster zum Preis einer 2-Bett-Kabine ohne Fenster. Kathrin dreht vor Freude ein wenig durch und hüpft auf dem Schiff herum, Ben ist der stille Genießer. Auf gehts nach Travemünde.

Lettland 2

Wir sind raus aus Riga. Es gibt einen wunderbaren Radweg an die Küste, direkt nach Jurmala. Das Strandresort der Stadt Riga. Jetzt im September ist keine Saison mehr und es ist nur noch wenig besucht. Wir haben Glück, die Sonne scheint und taucht alles in wunderbare Farben. Und der eisige Wind sorgt dafür, dass es auf den Wegen leer ist, weil die meisten dann doch lieber im Warmen sitzen. Nur wir zwei auf den Rädern lassen uns kräftig durchpusten.

Der ausgewiesene Radweg führt am Strand entlang… . Oh nein, da ist Sand und wir bleiben mit unseren schweren Gefährten darin stecken – denken wir. Mhm, aber wir wollen es ausprobieren. Umdrehen können wir dann noch immer. Im Umdrehen und Schieben und andere Wege finden haben wir ja schließlich inzwischen eine gewisse Expertise erlangt.

Also ans Meer und den Strand. Und es ist wunderbar! Der Sand ist hart wie Asphalt und wir können gut darüber hinwegrollen. Die Sonne malt das Meer blitzblau und der Wind schiebt weiße Gischtwellen vor sich her. Netterweise bläst er uns mal von der Seite, mal von hinten an und nicht von vorn. Mit Glücksgefühlen treten wir in die Pedale.

Zwischendurch gibt es an einem Fischstand, die es hier zuhauf gibt, eine kleine Pause. Es gibt natürlich Fisch, aber auch eine sehr leckere Fischsuppe, die draußen im Kessel über einem Feuer hängt. Vielleicht ist es doch der Trank von Miraculix, wir fahren jedenfalls extrem gestärkt weiter.

Wenn man keinen Fischstand findet und auch kein Café, dann stellen die findigen Letten einen Kaffeeautomaten auf. Der Kaffee schmeckt auch ziemlich gut daraus. Wir sind immer mal wieder gerettet!

Am Abend haben wir eine Unterkunft in Engure in einem Gästehaus und sind die einzigen Gäste. Ein riesiges Haus für uns. Wir können die Fahrräder im großen Eingangsraum abstellen. Die Tochter der Besitzer hat eine Pizzabäckerei und so essen wir Pizza lettischer Art: mit Speck und viel Dill belegt. Für die Letten ist es kein Sommer, wenn man nicht alles mit Dill essen kann wird uns berichtet. Und es schmeckt lecker! Am Strand genießen wir noch die Abendstimmung. Genau wie ein paar Kitesurfer, die sich von dem Wind über das Wasser ziehen lassen und wilde Sprünge machen.

Am nächsten Morgen machen wir uns auf und fahren weiter Richtung Kap Kolka. Wir wollen uns irgendwo auf dem Weg mit Helmut treffen (mit dem wir in Riga einige Biere getrunken haben und der uns so nett seinen „local/legal“ advice“ angeboten hat. Er wandert die Küste entlang und ist fix unterwegs. Ein wenig ist es wie bei Hase und Igel! Wenn wir in einem Ort ankommen ist er schon weiter, aber dann klappt es! Wir treffen uns in den Dünen an einem Leuchtturm und trinken Tee und Kaffee. In den Dünen ist es windstill und es lässt sich prima dort aushalten.

Wir schaffen es noch ans Kap und haben dort wieder ein ganzes Haus für uns (auch wenn wir nur ein Zimmer gemietet haben). Helmut hat uns noch mit Tipps für lettisches Liedgut versorgt. Ein Stück probieren wir noch aus und dann sinken wir ziemlich platt in die Betten.

Riga Fundstücke

Wir sind viel mit dem Rad in den Vororten unterwegs um einen allumfassenden Eindruck von der Stadt zu bekommen, aber nicht nur. Wir nehmen auch ein paar Museen und Ausstellungen mit.

Die Nationalgalerie haut uns aus zwei Gründen um: zum einen ist sie in einem alten Gebäude untergebracht, mit einer spannenden modernen baulichen Erweiterung, zum anderen finden wir die Ausstellungskonzeption sehr gelungen. In den Keller der Galerie wurde das Lager zum Teil öffentlich einsehbar gemacht. So kann man eine gute Vorstellung davon bekommen, wie es in einem Museum hinter den Kulissen aussieht. Der Abgang in den Keller sieht nicht aus wie der Keller, sondern wie eine Kunstinstallation an sich.

Die Letten sind sehr wild auf alles was man aus und mit Quark machen kann. Unsere Tochter hat uns „Karums“ empfohlen. Das gibt es im Kühlregal und ist ein kleiner Block Quark mit Schokolade überzogen. Kathrin findet das super!

Unsere Räder haben wir im Hinterhof unseres Apartments abgeschlossen und am nächsten morgen fehlt bei Ben die Tasche, in die er sonst seine Kette schiebt. Nicht dramatisch aber ein unschönes Gefühl ist es allemal, wenn etwas gestohlen wird. Wir machen uns auf und suchen in einem Fahrradladen eine neue Tasche. Wir müssen ganz schön weit rausfahren, bis wir einen Laden finden, der das gesuchte im Sortiment führt. Die Empfehlung kommt von Helmut, dem Juristen mit dem lustigen Versprecher. Der Laden ist supergut sortiert und wir stöbern mit Begeisterung herum. Ben fragt nach warmen und wasserdichten Handschuhen. (Wir haben ja bereits auf der Tour erlebt, wie nass man werden kann) Der Verkäufer meint er würde immer mehrere Paar auf einer Tour dabei haben. Das finden wir doof, denn wenn ein Paar nicht trocknen kann, tun das die anderen nassen Handschuhe auch nicht. Schließlich fällt ihm noch etwas ein und er recherchiert und telefoniert und schickt uns zu einer Adresse eines Fahrradkuriers, der da was hat…

Aha! Wir fahren hin und sind natürlich neugierig. Bei der Privatadresse angelangt kommen zwei Leute zu uns auf die Straße mit einer großen Tüte bewaffnet. Darin sind die „Handprotektoren“, die sie verkaufen. Wir sind schwer begeistert und wollen für uns beide welche haben. Ein Paar bezahlen wir, das andere gibt es gratis, denn es ist schon benutzt worden. Jetzt können Regen und Kälte unseren Fingern nichts mehr anhaben. Ein wenig lustig sehen die Dinger aber auch aus.

https://www.ravalbike.com/products

Mit dem Paket auf das wir warten hat es nun doch nicht geklappt. Die Postzustellung in Riga ist nicht so einfach, weshalb das Paket noch irgendwo herumgeistert. Uns dauert das Warten zu lange, am Wochenende ist die Post geschlossen, da passiert eh nix und wir wollen lieber wieder los. Dann muss das Paket eben wieder zurückgeschickt werden und in Dortmund auf uns warten. Unsere Räder rosten noch ein, wenn wir so wenig fahren…. Also geht es heute (Samstag) weiter.

Riga 2

Wir sind jetzt seit ein paar Tagen in Riga. Geplant hatten wir drei Tage, da das Paket noch nicht da ist, verlängern wir um zwei Tage und jetzt noch einmal. Irgendwo hängt das Paket fest und wir mit ihm.

Riga ist so spannend und vielseitig, dass es sehr viel Spaß macht neue Ecken zu entdecken. Auch wenn wir immer wieder auf unseren Wegen an den gleichen Stellen vorbeikommen, finden wir stets etwas Neues. Neue Verzierungen an den Häusern, die sich im unterschiedlichen Licht immer anders darstellen. Neue Läden, die wir vorher noch nicht gesehen haben, neue Cafés…

Da wir unseren Aufenthalt ein paar Tage verlängern, können wir in dem ersten Appartement nicht bleiben. Das ist im Anschluss schon gebucht und wir müssen uns eine neue Bleibe suchen. Sehr gut, denn so erleben wir ein neues Viertel und eine neue Wohnung. Auch wieder sehr schön gelegen und spannend. Es erinnert uns an Berliner Hinterhöfe. Das Treppenhaus ist sehr kaputt und riecht nach Keller. Und dann öffnen wir die Wohnungstür und sind in einer anderen Welt: schön eingerichtet, Kachelofen, moderne Küche … ein wildes Wechselbad der Eindrücke. Beim Blick in den Hinterhof sehen wir, dass direkt im Hof nebenan eine Fahrradwerkstatt ist. Wir gehen mit unseren Rädern rüber und fragen den Mechaniker, ob er unsere Fahrräder einmal checken könne. Er kann und macht das auch sofort, zwei Stunden später können wir die Räder wieder abholen, jetzt sind wir gerüstet für die nächste Etappe. Und gereinigt hat er die Räder auch. Wir sind begeistert darüber, wie unkompliziert und schnell das geht.

Wir erleben auch hier Unvorhergesehenes: wir schlendern über den Gehsteig und nehmen vor lauter Staunen und Gucken allen Platz ein. Ein Lette spricht uns irgendwie an, wir verstehen ihn nicht und er wiederholt das auf Englisch. Da merkt er dann auch dass wir Touristen sind und wird freundlich. Er kommt ins Erzählen und wir plaudern eine ganze Weile auf dem Gehsteig. Wir fragen ihn nach seinem Lieblingscafé in der Nähe und da lädt er uns kurzerhand zu sich nach Hause ein. In seiner Küche plaudern wir lustig weiter, Kaffee kriegen wir nicht, dafür Bier aus Riga und Whiskey (nicht aus Riga). Er ist erst vor drei Wochen mit seiner Familie hier eingezogen, es ist noch nicht alles fertig. Ob wir mithelfen wollen die Gardinen aufzuhängen? Das wollen wir gerne tun, dann aber kommt der Sohn aus der Schule und der Schwiegervater bringt Einkäufe vorbei. Wir sind jetzt doch im Weg und machen uns auf, nicht ohne uns für den Abend zu verabreden.

Wir gehen mit unserer Gehwegbekanntschaft, Andris, in eine Bar, die er empfiehlt. Er ist in Riga aufgewachsen und kennt die Stadt dementsprechend gut. Da er nicht lange Zeit hat und sich um seine Familie und seine Einrichtung kümmern muss hat er einen Kumpel flott gemacht, der mit uns weitere Biersorten ausprobiert. Helmuts ist Jurist und Radfahrer und so unterhalten wir uns über Radtouren und die Schwierigkeiten der Einrichtung von Radwegen in Städten, und dergleichen. Wir erfahren auch viel über das Leben in Lettland jetzt und in Zeiten der russischen Besatzung vor 1991. Irgendwann verabschieden wir uns und er versichert uns seiner Hilfe mit den Worten: „If you need any legal advise….“. Gemeint war „local“ advise, wir lachen alle sehr über diesen beruflichen Versprecher.

Riga 1

Wir sind in Riga angekommen. Hier verbringen wir nun die Tage und schauen uns die Stadt an. Und wir warten darauf, dass ein Paket ankommt, das uns mit kleineren Ersatzteilen und neuen Radfahrkarten auf der weiteren Reise unterstützt.

Aber erst einmal sind wir hier angekommen! Wir haben das erste Drittel des EuroVelo 13 (iron curtain trail) erradelt und haben schlappe 3000 km (in Worten: dreitausend Kilometer) auf dem Tacho. Wir sind stolz wie sonst was und feiern dies in unserem Appartement.

Die Karten und Bücher, die wir nicht mehr benötigen kommen in ein Päckchen und treten den Weg nach Dortmund an.

Kathrin hat keine Lust in der Stadt in Radel- oder Trekkinghose rumzurennen. Also ist der erste Gang zum Second-Hand-Laden. In Regenhose, Bikini und letztem tragfähigen Oberteil, weil alles andere endlich mal wieder in der Wäsche ist. Unsere Tochter hat uns einen Laden empfohlen, da sie eine Weile in Riga gelebt hat. Und ratzfatz kommt Kathrin glücklich mit einem stadtfähigem Outfit aus dem Laden und das für einen kleinen Euro. Super! Ben ist mit seinen Sachen immer noch zufrieden und hat es tatsächlich geschafft eine saubere Jeans zu bunkern, die er jetzt ausführen kann.

Wir lassen uns in den nächsten Tagen treiben, ohne große Ziele, oder Vorhaben und sammeln Eindrücke von der Stadt und ihren wahnwitzig vielen Facetten.

Lettland 1

Wir kommen nach Lettland! Die Einreisformalitäten sind denkbar einfach. Kein Mensch will etwas sehen, wir passieren lediglich das Schild und dann sind wir drin. Das ehemalige Gebäude am Grenzübergang ist schon lange nicht mehr in Betrieb. Wir freuen uns, wenn eine Grenze so einfach zu übertreten ist.

Lettland präsentiert sich wieder erstaunlich anders als Estland. Kaum haben wir die Grenze überquert, verändert sich wieder viel: andere Sprache, andere Schilder und andere Straßensituation für uns Radler. Der offizielle Radweg geht zu großen Teilen über nicht asphaltierte Strecken unterschiedlichster Qualität: Schotter, Sand, Schlaglöcher. Es ist das gesammelte Radreifengruselpanoptikum.

Entweder wir fahren auf der A1: klingt nach Autobahn, ist auch so ähnlich. Es ist die Hauptverbindung von Riga nach Tallinn. Hier fahren viele LKW und es gibt so gut wie keinen Seitenstreifen. Nach den ersten 7 km A1 beschließen wir, dass wir diese Straße unbedingt meiden wollen.

Die Nebenstraßen führen durch wunderschöne Natur, entlang der Ostsee, durch kleine Dörfchen und alles könnte so idyllisch sein, wenn nicht der Straßenbelag wäre! Konzentriert man sich auf die Umgebung, landet man unweigerlich im Sand- oder Schlagloch und man bekommt von der Schönheit rechts und links nichts mit. Guckt man sich die Schönheit an….

Überhaupt haben die Letten eine scheinbar eigenwillige Vorstellung von einem Radweg. An einer Stelle, mitten im Wald, endet der Weg vor einem Tor mit der Aufschrift Privatstraße. Aha! Wir stehen ratlos mit unseren Karten und Navigationsgeräten herum. Da naht Hilfe: am Wochenende sind sämtliche Letten im Wald mit Korb und Messer ausgestattet um Pilze zu finden. So auch unser Retter, der uns eine Umgehung empfiehlt. Er hilft auch noch die Räder über den ersten dicken Sandhügel zu schieben…. Dann fahren wir gemäß seinen Anweisungen und landen am Strand. Das geht mit unseren vollen und schweren Drahteseln leider nicht. Außerdem erweist sich der ausgetrocknete Bachlauf an der Küste, den wir problemlos mit den Rädern passieren können sollen, als ausgewachsener, ca 15 Meter breiter Fluss. Also schieben wir durch Dickicht, Moos und sonstige Trampelpfade zurück zum Ausgangspunkt.

An der Stelle an der wir herauskommen sind wir nicht schlauer, doch wieder naht ein hilfreicher Lette. Er beschriebt den weiteren Weg, darin kommen ein Bahnübergang vor und weitere schwierige Straßenverhältnisse…. Wir wissen nicht so genau was wir davon halten sollen, weil wir aber auch keine Alternative haben folgen wir seinen Anweisungen, gelangen tatsächlich wieder auf den ausgewiesenen Radweg und fahren ein Stück A1 (geht nicht anders). Und tatsächlich, kaum haben wir die Hauptstraße verlassen, müssen wir die Räder über die Schienen hieven. Der Zug kennt das schon und hupt bereits zwei Kurven vorher um die querenden Menschen zu verscheuchen und nicht zu überfahren.

Wir ruckeln uns tapfer durch mit dem Erfolg, dass bei Ben zwei Schrauben locker sind. Also am Gepäckträger! Die eine Schraube können wir ersetzen und die ebenfalls entfleuchte Unterlegscheibe durch einen Kabelbinder ersetzen. Die andere Schraube fixiert den vorderen Gepäckträger, bzw. sollte sie das tun. Nun ist dort was durch das ewige Geruckel kaputt gegangen. Auch hier behelfen wir uns mit Kabelbinder. Danke an Ingo, der uns vor der Fahrt mit selbigen versorgt hat! Und, hey, irgendwann muss man ja die erste Panne haben!

Die Räder fahren noch und so ruckeln wir wacker weiter nach Riga! Wir übernachten an wunderschönen Stränden, erleben grandiose Sonnenuntergänge und finden Lettland im Standmodus ganz wunderschön.

Estnische Fundstücke

Wir fahren an diversen Schulgebäuden vorbei. Uns fällt auf, dass sie alle sehr sauber und aufgeräumt aussehen. Die Gebäude sind neu, oder sehr gut in Schuss. Es sieht so aus, als würde der Staat viel in die Bildung investieren, oder zumindest in die Gebäude …

Die Bushaltestellen in diesem Land sind sehr unterschiedlich. Es gibt unterschiedlichste Ausführungen: von gar Nichts, zu immerhin eine Bank, bis zu sehr liebevoll gestalteten Warteplätzen mit Bücherausleihe und künstlerischer Gestaltung.

Die estnische Sprache ist eng mit der finnischen verwandt und es gibt diverse Wörter, die ähnlich sind. Einiges kommt uns vertraut vor, z. B. die Zahlen. Da die Deutschen hier in der Region in den letzten Jahrhunderten ordentlich mitgemischt haben, gibt es auch viele Anlehnungen an deutsche Wörter. Manches zumindest liest sich sehr vertraut.

Aber Achtung: Tee heißt auf estnisch Weg, es ist hier also kein besondere Teemischung gemeint….

Wir kommen an vielen, vielen Spielplätzen vorbei und sie sind fast immer von vielen, vielen Kindern und deren Eltern bevölkert. Manchmal müssen auch wir ein paar Spielgeräte ausprobieren.

Hiiumaa und Saaremaa

Nein, das sind keine Gestalten aus den Mythen Estlands. Das sind zwei Inseln, die in der Ostsee liegen und auf denen wir gerade herumfahren.

Eigentlich wollen wir uns vor der Überfahrt in Happsaluu (Hafenstadt am Festland) umschauen. Einladend erscheint die Stadt auf den ersten Blick nicht und auch der örtliche Campingplatz lädt nicht zum Verweilen ein. Also wird schnell der Fahrplan der Fähre gecheckt: wenn wir in die Pedale treten erwischen wir noch eine …. Gesagt getan, wir erwischen die Fähre und genießen eine wunderbare Überfahrt nach Hiiumaa mit Sonne, Wasserglitzern und sehr gutem Kaffee. Da es schon spät ist und wir nicht mehr bis zum nächsten Campingplatz kommen werden, buchen wir ein Hotelzimmer am Hafen.

Es ist bloß Niemand da um uns einzulassen. Eigentlich ist da außer uns überhaupt kein Mensch. Wir rufen bei der aushängenden Telefonnummer an und irgendwann kommt eine Dame, die uns den Zimmerschlüssel aushändigt. Die Räder können wir in das Hafengebäude stellen.

Bar und das Restaurant haben geschlossen (und werden bis Mai nächsten Jahres wohl auch nicht mehr aufmachen, die Nebensaison hat begonnen) und so kochen wir mit unserem Sturmkocher auf dem Zimmer. Das geht prima, bis auf die Tatsache, dass das Wasser aus dem Hahn nach faulen Eiern riecht … gesundheitlich unbedenklich, im Gegenteil, alles ist hier besonders heilkräftig. Aber mit dem Gestank braucht es schon Überwindung damit zu kochen, geschweige denn das pur zu trinken. Wir erklären uns für total gesund und greifen zu Bier, das wir noch in der Tasche haben.

Am Tag drauf beginnen wir die Insel zu umrunden. Die Sonne scheint und es weht ein schneidiger Wind. Der Herbst beginnt! Wir müssen uns trotz Sonnenschein schön einpacken…. Die Insel ist ein Traum, fast wie eine Puppenstube. Alles ist ordentlich und aufgeräumt. Immer wieder blitzt das Meer durch die Bäume.

Uns begegnet ein großer, gelber Bus, der ein wenig anders aussieht… was ist das? Ein Supermarktbus! Total genial, mit Kühltheke und allem, was man so braucht. Wir kaufen auch etwas ein, schon weil es so lustig ist. Was wohl?: Zimtschnecken, die es zu Kathrins Freude auch in Estland als Grundnahrungsmittel gibt.

Jede Menge Leuchttürme stehen rum, die man auch erklimmen kann. Das macht Kathrin gern und sieht Meer und Wald. Die gesamte Insel besteht fast nur aus Wald.

Im Wald versteckt sind noch einige Reste der sowjetischen Besatzungszeit: Bunkeranlagen, Panzer, Wachhäuser und sonstiges. Uns gefällt der Pragmatismus der hier herrscht. Neben irgendein rostendes Überbleibsel wird ein Museumszeichen gestellt. Fertig!

Um von Hiumaa nach Saaremaa zu kommen, benötigen wir wieder eine Fähre. Als wir am Hafen ankommen ist sie weg. Diesmal haben wir nicht vorher gecheckt, wann die Fähre zur Nachbarinsel übersetzt. Sie fährt nur zweimal am Tag und wir müssen uns eine Übernachtungsstelle suchen, um am Morgen die erste Fähre zu erwischen.

Früh stehen wir auf und rollen auf das kleine Boot. Mit uns ein Haufen Kinder: Schulausflug! Das fühlt sich witzig vertraut und normal an. Wir sind sehr froh, dass wir uns nicht kümmern müssen und auch ein wenig neidisch auf die KollegInnen mit an Bord. Alles läuft gesittet und leise ab. Das kennen wir auch anders. Und dann kümmern wir uns doch noch. Als bei der Ankunft alle das Deck verlassen haben und unten darauf warten, dass das Anlegemanöver beendet ist, liegt noch eine Jacke einsam da. Kathrin nimmt sie und geht damit zu einem Begleiter. Der hält die Jacke hoch und ruft etwas und schon hat sie ein Schüler wieder unterm Arm.

Ankunft auf der Insel Saaremaa. Es gibt ein Hafengebäude und mehr nicht. Zum nächsten Ort fahren wir durch Wälder und decken uns dann mit den Sachen für ein Frühstück ein, um bei herrlichstem Sonnenschein dieses am Strand zu genießen. RMK, die Behörde, die sich in Estland um die Plätze kümmert hat Tische aufgestellt, eine Feuerstelle ist auch da. Kaum haben wir den Kocher für den Kaffee ausgepackt regnet es. Na toll! Immerhin haben die Tische ein Dach.

Saaremaa ist die größere der Inseln und wir benötigen ein paar Tage um um sie herum zu kommen. Der Wind nimmt an Stärke ordentlich zu, es scheint weiterhin die Sonne, aber es ist schneidend kalt im Wind. Wir ändern die Route so, dass wir mehr mit dem Wind als gegen ihn fahren. Dadurch können wir einige schöne und hochgelobte Buchten nicht sehen. Schade, aber wir denken uns, das wir bei der Kälte ohnehin nicht lange dort verweilen oder gar schwimmen können würden.

Es wird richtig herbstlich. Die ersten Blätter an den Bäumen werden bunt, die Temperaturen gehen nachts stark runter, es wird kalt und die Äpfel sind reif. Wir bedienen uns kräftig an den Apfelbäumen, die an der Straße wachsen, oder nehmen Äpfel mit, wenn nette Menschen sie zum verschenken hingelegt haben: immer lecker!