Italien 4

Wir treiben uns gerade in Kalabrien rum. Einiges haben wir über die Nˋdranghetta, die mächtige Mafia in diesem Teil des Landes, gehört und gelesen, keine Dinge, die uns kalt lassen. Mit einem Radfahrer haben wir uns unterhalten, der sehr negativ gestimmt war, was Kalabrien und die Menschen hier angeht. Er beschrieb sie als abweisend und in sich gekehrt.

Wir aber erleben ganz wunderschöne Momente mit aufgeschlossenen und freundlichen Menschen. Wir sind in Crotone, der Stadt, die zur am wenigsten lebenswerten Stadt Italiens gewählt wurde: krasse Giftmüllskandale, organisierte Kriminalität, Arbeitslosigkeit bei ca. 30%, Jugendarbeitslosigkeit über 60%. Schlimm, denken wir. Dann werden wir von ein paar Einheimischen, die vor dem kleinen Laden in dem wir einkaufen stehen, angesprochen, trinken mit ihnen Ciró (den hiesigen Wein) und lernen sehr liebenswerte Leute kennen. Ein Fischer (arbeitslos), ein Koch und ein arbeitsloser Orgelbauer. Dieser war einige Zeit in Deutschland, was 20 Jahre her ist und nun kramt er seine Sprachkenntnisse zusammen. Am Ende trinken wir alle gemeinsam vor dem Laden, unterhalten uns intensiv in einem wilden Sprachgemisch und verstehen uns blendend.

Am nächsten Tag strampeln wir einen Berg hinauf. Endlich oben angekommen halten wir an, um die Aussicht zu bewundern. Ein Bauer kommt mit seinem Trecker daher, hält ebenfalls an und fragt uns aus. Offenbar hält er uns für merkwürdige Menschen, da wir so lange mit dem Rad unterwegs sind und schenkt uns eine Orange aus seinem Garten. Am Nachmittag essen wir in einer Trattoria, auch hier werden wir ausgefragt. Einfach so bekommen wir eine Flasche Wein geschenkt. Wir bedanken uns mit einer Musikvorstellung: eine Pizzicata, die uns in Sternatia empfohlen wurde. Die ganze Familie wird zusammen getrommelt, es wird gefilmt und die Nonna hat Tränen der Rührung in den Augen.

Nach vielen schönen und erstaunlichen Eindrücken entlang der ionischen Küste, also der Fußsohle des italienischen Stiefels, kommen wir in Catanzaro-Lido an. Unsere Reisezeit (der erste Teil des Sabbatjahres) geht jetzt zu Ende, Weihnachten wollen wir in Deutschland mit unserer Familie verbringen. Also müssen wir jetzt ein wenig planen wo wir wann wie hin wollen, damit wir dann auch passend Züge und Schiffe buchen können. Wir finden, dass es genug kalabrische Küste war und wollen noch ein wenig in Sizilien in die Pedale treten.

Das letzte Stück Weg auf dem Festland, bis nach Reggio Calabria von wo aus wir mit der Fähre nach Sizilien übersetzen können, wollen wir deshalb mit der Bahn abkürzen. So denken wir uns das. Der Ticketverkäufer bei der italienischen Bahn macht unsere Ideen mit einem Schlag zunichte: Nein, das Fahrrad kann so nicht mitgenommen werden. Das geht nur in einem Zug, der ein Radabteil hat und welcher Zug das ist, läßt sich im Voraus nicht sagen, heute und morgen wäre jedenfalls keine Möglichkeit für uns. Wann dann? Darüber gibt es keine Auskunft, da niemand genau weiß , wann das Radabteil angehängt wird. Wir wissen nicht genau, ob das die wirkliche Erklärung ist, oder ob die Sprachbarriere „stille Post“ gespielt hat, jedenfalls kriegen wir kein Ticket für uns und die Räder. Die Stimmung ist im Keller.

Wir hängen ratlos am Bahnhof rum und wissen nicht so genau wie wir weitermachen sollen. Busse nehmen uns und die Räder nur mit, wenn Platz da ist und der Fahrer wohlgesonnen, und der letzte Bus nach Reggio Calabria ist uns ohnehin gerade vor der Nase davon gefahren. Doof! Da werden wir von einem Polizisten angesprochen, oh nein, was denn jetzt noch, denken wir. Der Carabiniere erkundigt sich nach dem Woher und Wohin und ist sehr interessiert, er ist selber Radfahrer. Wir berichten von unserem Problem, er versteht die Lage und sagt, wir sollen warten, er erkundige sich. Nach einer langen Weile kehrt er zu uns zurück. Ein Zug fährt in zwei Stunden nach Reggio Calabria, da könnten vielleicht, wenn der Schaffner einverstanden sei, die Räder eventuell mit hinein, so denn ein Platz dafür gefunden werden könne, Tickets für uns sollen wir aber schon mal besorgen … Aha! Das ist immerhin ein Hoffnungsschimmer und eine andere Idee haben wir grade auch nicht, also hängen wir noch zwei Stunden auf dem Bahnhof rum.

Der Zug kommt, ähnlich wie in Deutschland kommt er zu einer anderen Zeit und auf einem anderen Gleis an. Der Schaffner wird gefragt und ist ein sehr freundlicher Mann, ja, die Räder und wir dürfen mit. Zwar müssen wir die Räder zwischen den Sitzen hindurch in eine Ecke quetschen, aber es passt. Eine Karte für die Räder muss auch noch gekauft werden, das ging nicht vorher…. Der Schaffner kommt mit und erledigt das flott am Automaten.

Wir sinken erleichtert und durchgeschwitzt in die Sitze, da kommt der nette Polizist wieder, will unsere Pässe sehen und verschwindet damit, warum wissen wir nicht. Er kommt mit den Pässen wieder zurück und hat einen Kollegen dabei. Dieser fährt im Zug mit, um von weiteren Personen die Pässe zu kontrollieren, kommt aber an markanten Stellen zu uns, um uns auf die Sehenswürdigkeiten, die wir passieren, hinzuweisen. Wir sind erstaunt ob dieser vielseitigen Aufgabenfelder der hiesigen Polizei: Passkontrolle, Schaffnerflüsterer und Fremdenführer.

Italien 3

Wir sind in der Anbauregion unserer Lieblingsweinsorte, dem Primitivo. Was wir bislang nicht wirklich bedacht hatten ist die Tatsache, dass zwar in Deutschland immer die Rede von Weinbergen ist, hier, in Süd-Italien das jedoch vollkommen überflüssig ist. Es braucht hier keine Weinberge, da sowieso immer genug Sonne scheint. Die Weinreben werden einfach auf Feldern nebeneinander gesetzt, da bekommen alle genug Sonne. Die Lese hat bereits stattgefunden aber ab und zu finden wir noch ein paar Trauben, die hängen geblieben sind. Die pflücken wir dann ab und schnabulieren sie genüßlich. Bei den Mandarinen und Orangen machen wir das nicht, obwohl die Versuchung sehr groß ist. Wir kommen an riesigen, in Worten: riesigen! Plantagen mit Mandarinen und Orangen vorbei. Die Früchte leuchten durch das dunkle Laub und sehen sehr lecker aus…. Die Ernte ist in vollem Gang und eifrig wird gepflückt und eingesammelt, zusammen- und weggekarrt.

Wir kommen durch Tarent (italienisch Taranto), eine größere Stadt und da Kathrin das Gefühl hat, dass ihre Bremse einen Hau hat, wollen wir das von einem kompetenten Fahrradschrauber überprüfen lassen. Unsere Fähigkeiten reichen da nicht aus. Wir können mit Ach und Krach einen Reifen wechseln – das glauben wir jedenfalls, denn wir mussten es bislang zum Glück nicht unter Beweis stellen. Nun also sind wir auf dem Weg zum Radladen in Tarent: MF Cycling heißt er. Die Jungs da drin sind super hilfsbereit, schauen sich das Rad sofort an und nehmen die Bremse auseinander. Sie finden nichts besonderes, reinigen sie und versichern Kathrin, dass damit noch viel gefahren und gebremst werden kann. Sie interessieren sich auch sehr für den Rahmen, denn da stehen all die Orte unserer Route drauf, in denen wir übernachtet haben. Das ist inzwischen ein ansehnliche Menge. Es werden Fotos vom Rahmen und uns Radelnden gemacht. Wir verabschieden uns mit viel Hallo und guten Wünschen, der Service ging aufs Haus. Grazie!

Wir wollen in Tarent nicht bleiben, sondern nur durchfahren, werden dabei von einem Italiener angesprochen, der mit seinem E-Scooter unterwegs ist, und der uns nahelegt doch zumindest den Dom anzuschauen, der sei besonders schön. Er fährt mit seinem Scooter vor uns her und weist uns den Weg durch das Gewirr der kleinen Gassen in der Altstadt, die auf einer Insel liegt, verbunden mit Brücken mit den neueren Stadtteilen. Am Dom angekommen winkt er noch und ist weg. Kathrin will in den Dom, doch die Tür ist zu. Wegen Mittagspause ist schon geschlossen lässt uns ein Mann wissen der dort steht und meint, dass er das Fahrrad von Kathrin und uns gerade erst bei Facebook gesehen hat: der Radladen hat Fotos gepostet und von dem vollgeschriebenen Rad berichtet. So schnell kann ein Rad viral gehen. Also zumindest viral in Tarent….

Tarent ist eine Industriestadt, die insbesondere von dem Hafen lebt. Wir können die dicken Pötte in der Hafeneinfahrt bestaunen, was auch die Meerjungfrauen tun.

So sausen wir an der ionischen Küste entlang, die schöne Strände hat: feine Sandstrände und klares Wasser. Aber sonst entdecken wir wenig, das uns hier halten könnte. Die Strände sind nur durch die davor gebauten Orte zugänglich. Im Hinterland gibt es Obst- und Gemüseplantagen und wenig Schönes. Die Region scheint arm zu sein. Wir kommen an so vielen verlassenen Höfen und Häusern vorbei, dass wir sie schon gar nicht mehr zählen. Alle bewohnten Häuser sind eingezäunt und von Hunden bewacht, die auch gerne mal laut kläffend hinter uns her jagen. Das ist kein angenehmes Gefühl!

Tage mit Bosch

Wir müssen mal über unsere Erfahrungen mit diversen Navigationsgeräten berichten, die uns helfen den Weg zu finden, oder auch nicht. Eines davon heißt Bosch, weil es von der Firma mit demselben Namen ist. Wir benutzen aber auch Naviki, GoogleMaps, Komoot und andere. Keins ist besser oder schlechter als andere, wir reden jetzt mit und über Bosch, als Teil des Ganzen.

Das Weg finden und navigieren in Finnland war denkbar einfach: es gibt sehr wenige Straßen und die Beschilderung ist unmissverständlich. Wir hatten eine gute Fahrradkarte und sind ohne Schwierigkeiten dort hingekommen, wo wir hinwollten.

Im Baltikum wurde die Bebauung dichter, es gab mehr Straßen, aber im Großen und Ganzen haben wir das mit der sehr guten Beschilderung des Radwegs und Bosch gut hinbekommen. (Eine Ausnahme in der wir im Wald landen, siehe „Estland und die Straße“).

In Lettland waren nur die Straßen schlecht, aber die Navigation aufgrund der vielen übersichtlich aufgestellten Schilder gut.

Dann sind wir entlang der Donau gefahren, das ist recht simpel: man folgt dem Fluss. Abgesehen davon ist der Radweg dort auch ausgeschildert. Und später in Montenegro hatten wir eine gute Karte und gute Routenvorschläge durch den lustigen Menschen, der uns den Weg durch die Berge ans Herz gelegt hat und auch gleich die Route auf unsere Navis gespielt hat.

Jetzt sind wir in Italien, wir folgen keiner vorgegebenen Radroute, die es hier in Basilicata auch nicht gibt, legen unseren Weg selbst fest, bzw. lassen uns von Bosch helfen, haben kein gutes Kartenmaterial und die italienischen Straßenverhältnis mit Umleitungen und Baustellen machen das Chaos komplett. Bosch folgt seinen eigenen, uns unverständlichen Algorithmen. Mit dem Ergebnis sind wir selten zufrieden. Es kommt häufig zu überraschenden, ungewöhnlichen, unhaltbaren und/oder frustrierenden aber auch witzigen Situationen.

Zum Beispiel werden wir zu einer Brückenunterführung gelotst, die inzwischen keine Straße mehr, sondern ein Sumpf ist. Dahinter geht ein Weg weiter, was verheißungsvoll aussieht und wir sind technikgläubig und denken, dass es dann schon richtig sein wird: also arbeiten wir uns durch den Matsch. Ein paar Kilometer weiter biegen wir laut Bosch von dem Schotterweg ab und der Weg führt am Rande eines Feldes mir roter, feuchter Erde entlang und wird immer matschiger und der lehmige Matsch gerät dermaßen in die Schutzbleche und Bremsen, dass die Räder blockieren und Schieben auch nicht mehr möglich ist. Es ist ein Riesenmist! Wir müssen die Räder absatteln, aus dem Matsch tragen (!) und mit Stöcken den Matsch abkratzen. Wir sehen dementsprechend aus. Am Abend spritzen wir die Räder noch an der Tankstelle ab, damit wir sie mit in das Apartment nehmen können. Zu früh, denn am nächsten Tag geraten wir dann beim Durchqueren einer abgesperrten Baustelle (Umfahren hätte viel Kilo- und Höhenmeter gekostet) wieder in ein Schlammloch.

Oder wir werden auf Straßen geleitet, die im Nichts enden. Da müssen wir dann umdrehen, was Bosch dann erst einmal nicht akzeptieren kann. Er ist da recht unnachgiebig wenn wir seine Vorschläge ignorieren, er ist dann eingeschnappt und stellt seine Dienste kurzzeitig komplett ein. Da stehen wir dann und müssen auf andere Navigationshilfen zurückgreifen, was auch geht, aber selten besser ist.

Allerdings müssen wir Bosch zugute halten, dass wir durch diese Umwege und verdrehten Routenvorschläge auch sehr schöne Dinge zu sehen bekommen. Großartige Aussichten und verträumte Dörfer, Eucalyptusalleen, die im Regen wunderbar duften, Zitrusplantagen, kleine Bars an denen wir sonst vorbeigesaust wären…. Wir wären um viele Aufregungen und kleine Abenteuer ärmer und solange sie glimpflich ausgehen verzeihen wir Bosch dann beim abendlichen Wein oder Bier!

Italien 2

Unsere Annahme, dass es in Italien gefährlich sei mit dem Fahrrad zu fahren, wird sehr schnell widerlegt. Uns wird seitens der motorisierten Verkehrsteilnehmer*innen in der Regel sehr viel Achtung entgegengebracht. Dies wird mit Hupen kundgetan: entweder von weit weg, um anzukündigen, dass sich hinter uns ein Auto nähert, oder auf gleicher Höhe mit uns, um Zustimmung und Bewunderung zu signalisieren, gerne auch mit Winken oder Daumen hoch. Alle sind uns gegenüber sehr rücksichtsvoll. Schön!

Wir sind im Salento, der südlichsten Region in Italiens Stiefelabsatz und dort sind sehr viel Olivenhaine vertrocknet und tot (oder sehen in unseren ungebildeten Augen so aus). Viele Haine sind verwaist, oder bis auf den Stock zurückgeschnitten, neue Plantagen sind angelegt, aber immer wieder kommen wir an verbrannten Baumruinen vorbei. Manche davon sehen sehr pittoresk aus, wie Kunstwerke ragen sie in die Landschaft. Hier in der Gegend grassiert ein Bakterium mit Namen Xylella Fastidiosa (Feuerbakterium), welches die Bäume befällt und abtötet. Das Verbrennen der Äste und Blätter soll die Verbreitung verhindern, aber bei zu zögerlichem Vorgehen, bilden sich immer neue Subspezies, die resistent sind. Alles was wir dazu an Informationen im Netz finden liest sich wie die Beschreibung der Bekämpfung eines derzeit prominenten Virus. Die Parallelen sind beklemmend.

Italien kann auch nass! Wir geraten in ordentliche Schauer hinein. Da der Regen nicht so kalt ist, es sind immer noch 18 Grad, fährt es sich zwar nass, aber lustig. Das Regenwasser pladdert hier wild auf die Straße, es gibt keine Kanalisation, die es von den Regenrinnen der Häuser aufnimmt und, schwups, bilden sich riesige Pfützen und Seen. Ein Fest für Kathrin, Ben muss mit seinem Motor etwas aufpassen, damit dieser nicht nass wird.

Wir fahren entlang der ionischen Küste. Das Meer sieht toll aus, auch im Regen sind die Farben vielfältig und faszinierend. Der Wind sorgt für Wellen und Gischt, was uns gut gefällt. Auf den Straßen ist wenig los, weshalb wir sehr schön an der Küstenstraße fahren können. Im Sommer ist das wahrscheinlich anders. Allerdings bedeutet das auch, dass die meisten der Ortschaften wir Geisterstädte wirken. Alle Bars, Cafés, Geschäfte und sogar die Apotheken sind geschlossen. Selbst die allseits beliebten Kaufautomaten sind leergeräumt. Es ist komisch, an all den verrammelten Häusern vorbei zu fahren. Einzig und allein ein paar Angler sind zu sehen und immer mal wieder eine Schafherde….

Italien 1

Von Dubrovnik fahren wir nach Bari mit der Fähre, die tatsächlich fährt und uns mitnimmt. Am Morgen kommen wir in Bari an, welches erst einmal nicht sehr vielversprechend aussieht (merke: wir wollen nach Italien, weil wir annehmen, dass es hier wärmer sei und wir hier noch ein wenig mit dem Rad der Kälte und dem Regen entfliehen können). Bari taucht aus dem Dunst auf, was nicht romantisch oder mystisch, sondern nass und kalt wirkt.

Wir haben ein wenig Sorge wie es mit der Covid-Einreise klappt. Für Italien muss ein Schein (online) ausgefüllt werden, mit der Angabe wo wir uns in den letzten 14 Tagen aufgehalten haben. Wir sind in Montenegro gewesen, einem Hochrisikogebiet. Aber es läuft alles sehr italienisch: Keiner an der Grenze will etwas von uns und wir werden nur gelangweilt durchgewunken. Wir sind in bella Italia.

Unsere Unterkunft haben wir bei einem Tenor aus dem Opernchor gebucht. Hier werden wir mit Kaffee und Canzione empfangen. Antonio singt uns eine Arie nach der nächsten vor und entlässt uns dann mit Tipps für den Tag in Bari. Und schon sieht die Stadt nicht mehr so trostlos und dunstig aus. Die Sonne lässt sich sogar ein wenig blicken, es gibt Cafés und wir decken uns mit Lesematerialien ein. Tutti e bene.

In der Altstadt ist an fast jedem Haus ein Heiligenschrein zu finden. Die Wohnungen gehen direkt auf die Straße und wir werden Zeugen von Mittagessen, Streitereien und Gesprächen, da alle Türen offen stehen. Die ganze Altstadt riecht nach frischer Wäsche: die Wäsche wird vor den Fenstern zum Trocknen aufgehängt, sollte es nass werden mit Folie abgedeckt und hier scheinen alle mit Unmengen an Weichspüler zu waschen. Es riecht sehr intensiv!

Nach einem Tag und einer Nacht in Bari machen wir uns auf den Weg weiter in den Süden. Wir kommen an riesigen Olivenhainen vorbei. Da stehen junge Bäume, die fast noch etwas flauschig aussehen und alte, knorrige Riesen. Unter den Bäumen liegen entweder Netze um die heruntergefallenen Oliven einzusammeln, oder der Boden ist fein säuberlich gefegt und sehr sauber. Unter manchen alten Bäumen ist der Boden schwarz-lila von den Oliven, die bereits am Boden liegen. Auch auf die Straße fallen die Früchte und werden von den Autos zu Brei zerquetscht. Ben und Kathrin können es kaum fassen, dass da so viel gutes Öl verloren geht.

Wir landen in Alberobello, der Hauptstadt der Trulli! Trulli ist nicht die Mehrzahl einer Bezeichnung für durchgeknallte Frauen, sondern ein Gebäudestil: es sind kleine Häuser mit runden Dächern, die aussehen als hätten sie Zipfelmützen. Ein wenig erinnert es an ein Zwergendorf.

Das Navi hat sich wieder eine tolle Route ausgedacht: wir werden durch uralte Olivenhaine geleitet, die nach Olivenöl riechen, dass es eine Art hat. Wir bekommen mächtig Hunger. Dann biegen wir gemäß der Anweisung ab und landen in einer Schafherde, die von 5 riesigen Hunden bewacht wird. Allerdings etwas halbherzig, denn die Hunde bellen uns an, legen sich dann aber wieder gelangweilt hin. Die Schafe versammeln sich vor einem Tor, durch das wir anscheinend hindurch müssen. Das meint jedenfalls das Navi. Also ignorieren wir die Hunde und die aufgeregt blökenden Schafe und schieben uns behutsam durch das Tor, achten darauf, dass kein Tier entwischt, schließen das Tor umsichtig und setzen unseren Weg fort. Sehr bald werden wir von einem Auto ausgebremst, ein sichtlich aufgebrachter Italiener redet wild auf uns ein und knallt immer wieder seine Autotür zu. Es dämmert uns, dass wir nicht so willkommen sind hinter dem Tor, das wir soeben eigenmächtig passiert haben. Er bedeutet uns ihm zu folgen und so fahren wir mit sehr mulmigen Gefühlen dem Auto hinterher. Ein zweites Auto kommt hinzu, nun sollen wir diesem nachfahren: wo sind wir hier hineingeraten? Wir werden zum Ausgang eskortiert, der Mann hat eine kleine Tochter auf dem Arm, das lässt ihn weniger gefährlich erscheinen. Wir entschuldigen uns stammelnd und wortreich mit unseren rudimentären Floskeln und er beschriebt uns netterweise noch den richtigen Weg. Puuuuuh! Schnell fahren wir weg.

Kroatien 2

Wir sind auf dem Weg nach Dubrovnik. Kathrin hat sich ordentlich erkältet und braucht ein paar Tage Ruhe. Deshalb radeln wir in kleinen Einheiten, die nicht zu anstrengend werden. Dabei haben wir dann die kleinen Städtchen in der Bucht von Kotor intensiv erkunden können. Es sind wenig Touristen da, die meisten Lokale haben schon alles für den Winter weggestellt. Alles wirkt sehr verschlafen und gemütlich. Und im Novemberwetter auch ganz ungewohnt und nicht so, wie man die Bilder vom Mittelmeer sonst kennt, mit viel Sonnenlicht und vielen Menschen, sondern mit Wolken und dem ein oder anderen Regenguss.

Wir treffen immer wieder auf tolle und spannende Menschen: in Popviće, einer kleinen Ortschaft vor Dubrovnik, unterhalten wir uns mit unserem Vermieter, dessen Familie seit 700 Jahren in dem Haus wohnt. Er erzählt sehr lebendig von seiner Familie und dem was in den letzten hundert Jahren geschehen ist, warum das Haus so gebaut wurde und was alle arbeiten. Sehr spannend. Er schenkt uns eine CD mit Folksongs aus Kroatien, die er mit eingespielt hat. Leider haben wir keinen CD-Spieler auf dem Rad dabei, deshalb schicken wir die CD per Post vorgeschickt und freuen uns drauf sie zu hören, wenn wir irgendwann wieder zu Hause sind.

Den Strand schauen wir uns auch an. Wir erwarten nix besonderes, sondern laufen einfach den Schildern nach. Dann werden wir von einer sehr steilen Steilküste überrascht. Es ist ein Weg angelegt, den man hinunterklettern kann. Die Boote sind schon hochgezogen worden, liegen an den Felsen geschmiegt und warten auf das nächste Frühjahr. Wir machen noch schnell ein Video für unsere Nachbarschaftsgruppe mit Meeresrauschen.

Auf dem Weg nach Dubrovnik führt uns das Navi in eine abgesperrte Straße. Wie geht es nun weiter? Netterweise sind aus dem Tor ein paar Streben herausgetrennt worden, so dass wir die Räder (nur ohne Gepäck) hindurch manövrieren können. Und das 30 Meter vor dem gebuchten Apartment.

Dubrovnik’s Altstadt ist komplett von einer riesigen Festungsmauer umschlossen und in den Berg gebaut. Vom einen zum anderen Stadttor führt eine schnurgerade Straße, die die Stadt einmal der Länge nach teilt. Rechts und Links davon gehen Treppenstraßen nach oben zu den Häusern. Weil das den Leuten nicht gereicht hat, haben sie vor einigen hundert Jahren noch einen künstlichen Berg in der Stadt angelegt und eine fette Treppe draufgebaut, in Anlehnung an die spanische Treppe in Rom. Nur etwas kleiner.

Jeden Tag um 12:00 Uhr werden die Tauben offiziell gefüttert. Angeblich, damit sie nicht hungrig die Touristen nerven. Es ist ein wenig gruselig, wenn die Tauben sehr selbstbewusst den Platz für sich beanspruchen und herum fliegen, egal ob man da nun steht oder nicht. Das haben sie sich von den Autofahrern abgeschaut: wer zuckt hat verloren und muss weichen. Wir finden die Idee der offiziellen Taubenfütterung jedenfalls nicht so einleuchtend. Vielleicht weil uns diese tieffliegende Schwärme an Hitchcock erinnern.

Im früheren Jugoslawien wurde der Zastawa produziert. Ein kleines Auto, das sich im Land etabliert und weit verbreitet hat. Internationale Anerkennung war dem Wagen nicht beschieden, aber einen gewissen Mythos und Kultstatus hat er in bestimmten Kreisen. Wir machen eine Zastawa-Tour und sind begeistert von dem Retro-Charme. (So nennt man das, wenn man so alt ist, dass man etwas Altes selbst erlebt hat und sich freut, dass man es wiedererkennt.) Unsere Chauffeurin ist Nikola, die unglaublich viel weiß und uns sehr viel zur neueren Geschichte von Dubrovnik, Kroatien und natürlich über Zastavas zu erzählen weiß. Wir löchern sie mit Fragen zu Allem und sie ist geduldig, witzig und um keine Antwort verlegen. Zwischendurch machen wir immer wieder Fotos an besonderen Aussichtspunkten und am Schluss ist Ben am Steuer. Heia Safari!

Und von Dubrovnik geht tatsächlich auch eine Fähre nach Bari, die wir nehmen, um dann doch noch in Italien weiter zu radeln.

Balkan Fundstücke

Jedes Land, jede Region hat ihre Eigenheiten im Einkaufsverhalten. Im Balkan gibt es in jedem kleinen Dorf mindestens einen kleinen Laden. Jedoch sind es oft noch mehr, wir haben den Eindruck, dass auf 5 Einwohner mindestens ein Laden kommt. Die Läden sind in der Regel winzig und dann kommt noch die Ware hinzu, Verkäufer*in, mindestens drei Überwachungskameras und noch die Kundschaft. Zu zweit kommt man nicht durch die Gänge und auch die Ware quetscht sich dicht an dicht. Das Angebot an Keksen, Schokolade, Kaffeeprodukten, Thunfischdosen und gekühlten Getränken nimmt dabei in der Regel 2 Drittel der Fläche in Anspruch. Wo wirklich kein Platz mehr im Laden ist, werden die Kühlschränke mit den Getränken vor das Geschäft gestellt und in der Nacht mit dicken Stahlschlössern gesichert.

Allüberall werden wir in Montenegro angehalten die Räder abzuschließen und gut zu sichern. Man zeigt uns wo die Überwachungskameras sind und bittet uns in diesem Bereich die Räder abzustellen. Oft nehmen wir sie nach Aufforderung der Vermieter mit in die Unterkunft. Da stehen sie dann im Wohnzimmer oder im Flur. In Dubrovnik/Kroatien (nur 20km von der Grenze zu Montenegro entfernt) ist alles entspannter. Wir können die Räder mit in die Unterkunft nehmen, kein Thema, aber wir bräuchten uns keine Gedanken machen, hier würde Nichts gestohlen…

Apartment in Bar, Montenegro (7.Stock)

Aus für uns nicht nachvollziehbaren Gründen gibt es hier im Balkan eine große Liebe zu Plastikblumen. Jeder Blumenladen hat eine große Auswahl an Schnittblumen und eine noch größere an Plastikblumen, Gebinden und Gestecken aus Plastik. In jeder Unterkunft in der wir sind, finden sich Plastikblumen und nur ganz selten auch mal echte. Plastikblumen sind insbesondere auf den Gräbern zu finden. Auf jedem Friedhof gibt es einen Kompostberg und einen Plastikblumenberg. Und ganz skurril in unseren Augen sind Plastikblumen im Glassarg auf dem Grab.

Das Problem mir der wilden Müllentsorgung begleitet uns auf dem gesamten Weg und lässt uns ratlos zurück. An den Stellen, die gut mit dem Auto zugänglich sind (z.B. Ausweichstellen auf engen Bergstraßen), finden wir überall ganze Wagenladungen, die einfach ausgekippt wurden. Es ist schwer zu begreifen, dass die Landschaft in der eigenen Umgebung derart zugemüllt wird. Wir erfahren auch, dass es ein großes Problem damit gibt, dass bei starken Regenfällen die weggeworfenen Plastikteile (z.B. Flaschen) und Spermüll ganze Flüsse verstopfen und das eine ernstzunehmende Gefahr für die Tierwelt, die Umwelt allgemein und letztendlich auch für den Menschen darstellt.

Montenegro 2

In Bar angekommen, versuchen wir uns über das Land und die Fahrradgegebenheiten schlau zu machen. Unser Plan ist es, von Bar nach Dubrovnik zu radeln und dort mit der Fähre nach Bari, Italien überzusetzen. Im Buchladen bekommen wir nur eine Straßenkarte im Maßstab 1:235.000. Das ist nicht sehr detailliert. Fahrradwege sind gar nicht zu sehen, was wir allerdings sehen sind sehr hohe Berge. Wir haben keine Ahnung welche Route wir nach Dubrovnik nehmen sollen, gehen aber davon aus, dass die Straße entlang der Küste die mit den wenigsten Steigungen sein wird.

Nach einer Nacht in Bar machen wir uns auf den Weg und werden von jemandem auf der Straße angesprochen. Er will wissen wo wir herkommen und als wir uns als Deutsche zu erkennen geben wünscht er uns einen „Happy Reformation Day“ (es ist der 30.Oktober). Dass uns zum Reformationstag gratuliert wird, ist auch noch nicht so oft vorgekommen.

Der religionsbewanderte Mensch ist sehr redselig und nach vielem Hin und Her wissen wir einiges über sein Leben und auch, dass er Gravelbike fährt. Da fragen wir ihn doch nach einer guten Route Richtung Dubrovnik. Er ist gerne behilflich und prompt haben wir seinen Vorschlag auf dem Navi. Nicht entlang der Küste (zu viele Autos), sondern quer über die Berge (wenig Autos, tolle Sicht) da gibt es sogar einen alten Tunnel, der Fahrradfahren 200 Höhenmeter spart. Na gut, denken wir, eigentlich sind wir ja nicht so für die Steigungen. Aber wir probieren das, auch wenn unsere Räder nicht für die Berge gemacht sind und wir noch das ganze Gepäckgewicht haben. Wenn es zu doof wird, drehen wir eben um, rollen den Berg runter und nehmen doch die Küstenstraße…

Also los! Es ist anstrengend und schweißtreibend! Aber die Sicht auf das Meer und die Berge ist umwerfend. Nein, wir drehen nicht um. Diese Aussichten machen süchtig! Kleine verträumt wirkende Dörfer, Olivenbäume, wilder Salbei und Rosmarin, Granatapfelbäume und immer wieder neue Aussichten auf Berge und Täler.

Zwischendurch stoßen wir auf eher ungewohnte Verkehrsteilnehmer, wie Kühe und Pferde.

Nach drei Tagen, vielen Höhenmetern und unzähligen Aahs und Ooohs und Auas, landen wir in Kotor. Die Stadt liegt an einem Fjord am Mittelmeer, direkt dahinter erheben sich die Berge, die wir in einer laaaaaangen Abfahrt herunterrollen können.

Wir schlendern durch das Städtchen und staunen über die Atmosphäre: hinter einer intakten Stadtmauer gibt es nette und verwinkelte Straßen, verschachtelte Häuser und wahnwitzig viele Kirchlein. Selbstredend gibt es auch viele Cafés und Eisdielen. Unsere Unterkunft liegt zufällig direkt über einer Bäckerei. Was will Frau mehr?

Montenegro 1

In Belgrad haben wir die Donau-Route verlassen. Auch hier ist es uns zu kalt geworden und wir wollen lieber noch etwas Wärme haben und so suchen wir nach Orten weiter im Süden.

Ben hat einen Bericht über den Nachtzug von Belgrad nach Bar gelesen. Das klingt so gut, dass wir das auch machen wollen. Aber wo ist Bar? Bar ist in Montenegro und wir haben keine Ahnung von dem Land. Wir müssen erst mal auf der Karte nachschauen wo es ist. Dass in den Karten alle Städte in kyrillischer Schreibweise aufgeführt werden (wie auch schon in Serbien) macht die Suche nicht leichter. Die Karten, die wir online zu Rate ziehen können, geben auch nicht sofort Aufschluss: ist Budva nur ein anderer Name von Bar? Aber irgendwann haben wir die Informationen so zusammen sortiert, dass sich ein stimmiges Bild ergibt. Bar heißt eine Hafenstadt in Montenegro, Budva ist ebenfalls eine Stadt in Montenegro, nicht identisch mit Bar aber ebenfalls am Mittelmeer. Unser Plan sieht so aus: wir fahren mit dem Zug nach Bar und von dort mit der Fähre nach Bari (Italien). Nimmt der Zug auch unsere Fahrräder mit?

Am Bahnhof in Belgrad kaufen wir die Tickets für uns und fragen, ob die Räder auch mitkommen können. Ja, die Räder können mitfahren, aber…. der Schaffner entscheidet ob sie mit dürfen. Als wir den Schaffner fragen (mit Händen und Füßen, denn zufällig spricht er kein Deutsch), ist er abgeneigt, da es keinen Platz gibt. Er geht erst mal zum Fahrkartenschalter und fragt da nach. Irgendwie geht es dann doch und wir stellen unsere Räder auf den Behindertenplatz. Wir werden mehrfach und sehr eindringlich darauf hingewiesen, dass wir die Räder unbedingt ab- und anschließen müssen und die Bahn keine Haftung für Diebstahl oder sonstiges übernimmt. Das beruhigt uns überhaupt nicht.

Wir haben einen Schlafwagen gebucht. Dekadent in der ersten Klasse. Das bedeutet, dass wir in dem Vierbettabteil zu zweit liegen dürfen und es saubere Laken für die sehr dreckigen Liegen und Kissen gibt. Der Schaffner bekommt noch Geld für die Fahrräder und dann geht es los.

Der Bau der Bahnstrecke ist ein jugoslawisches Prestigeobjekt gewesen und eine große Herausforderung. Es gibt auf der ca. 470km langen Strecke 254 Tunnel und über 243 Brücken. Da wir durch die Nacht fahren können wir erst nicht viel davon sehen. Dann, in der Morgendämmerung, können wir die Aussicht genießen und sind hingerissen von der Aussicht. Atemberaubend!!

In Bar angekommen suchen wir erst mal ein Café. Es gibt eine Promenade am Meer mit vielen Cafés und es ist schon jede Menge los. Die Sonne scheint, wir sitzen unter Palmen. Sehr schön.

Wir wollen mit der Fähre von hier nach Bari/Italien übersetzen und erkundigen uns am Hafen. Die Fähre hat vor zwei Wochen ihren Betrieb eingestellt und fährt erst wieder ab Mai 2022. Na toll! Was jetzt? Wir entscheiden uns schließlich dazu, an der montenegrinischen Küste Richtung Norden zu fahren bis wir in Dubrovnik/Kroatien ankommen und dort einen weiteren Versuch zu starten nach Bari zu kommen.

Donau: Serbien

Nachdem wir die vier radelnden Kroaten getroffen und so schön mit ihnen Kaffee getrunken haben, fahren wir über die Donau nach Serbien. Als erstes müssen wir an einer Müllkippe vorbei. Das ist kein schöner Auftakt für ein neues Land. Es stinkt eklig, der Müll liegt offen rum, Wind weht ihn über den Weg und in die Donauwiesen hinein, alles ist verdreckt. Mitten in all dem stinkenden Zeug steht eine Kuh mit einer langen Leine an einem Baum festgebunden und grast. Der dazugehörige Hof ist direkt neben der Kippe. Es wirkt unsagbar trostlos und traurig.

Das Müllproblem ist allgegenwärtig. Überall und immer finden wir Müll! Gibt es hier keine Wertstoffhöfe und keine Müllabfuhr? Oder ist es den Menschen hier egal wie es um sie herum aussieht? Wir sind fassungslos. Selbst in den entlegensten Ecken liegen Berge an Müll, alles wird hier irgendwo hingeschmissen. Eigentlich ist das Land schön, oder könnte schön sein, aber der Eindruck der sich bei uns festsetzt ist der von Dreck und Gestank!

Unser Weg führt weiter, nun geht es ein Stück an der Hauptstraße entlang, mit den bekannten Schwierigkeiten von Autos, die sehr schnell an uns vorbeiziehen und dabei zu wenig Abstand lassen. Insgesamt sehr unerfreulich und wir finden Serbien bislang doof. Wir treffen ein radelndes Pärchen, die ihre Räder über den Grasstreifen neben der Straße schieben (eher wuchten und zerren) da ihnen die gefährlichen Autos an die Nerven gehen. Wir unterhalten uns über die unsagbaren Verhältnisse hier und hoffen auf bessere Wege, wenn erst einmal die Hauptstraße verlassen werden kann.

Zum Glück ist es so! Der Radweg verlässt die Hauptstraße und führt entlang der Donau, oben auf dem Damm mit einer tollen Sicht auf den Fluß und die Berge (ja, es gibt Berge). So zeigt sich das Land viel schöner (wenn man es schafft den ewigen Müll zu ignorieren). Wir nähern uns Novi Sad, der Stadt, die wir genauer anschauen wollen. Der Radweg ist voll mit Menschen, die hier spazieren gehen, oder zum Angeln fahren, Freunde treffen…. Schön lebendig ist das.

Was uns ebenfalls stört sind die vielen Hunde, die hier herum laufen. Wir haben einiges darüber gelesen und von anderen Radlern gehört. Im Balkan rennen viele herrenlose Hunde herum und es kann sein, dass sie Radelwaden zum Hineinbeißen schön finden. Die meisten Hunde, denen wir begegnen, liegen relativ entspannt da oder begnügen sich mit Bellen, aber was bedeutet das schon? Ein Hund läuft 10 km mit uns mit, mal hinter uns, mal vor uns und mal mit augenscheinlichem Interesse an unseren Beinen. Wie wir uns verhalten müssen, wissen wir nicht genau.

Wir kommen in Novi Sad an. Novi Sad ist Kulturhauptstadt 2021, bzw. wegen Corona auch noch im nächsten Jahr 2022. Außerdem ist es die Partnerstadt von Dortmund. Das hatten wir alles gar nicht auf dem Schirm! Viel ist renoviert worden und sieht gut aus, ein nettes Flair und freundliche Menschen überall. Bei der Burg treffen wir Julia und Kimon wieder, die beiden Radler, die ihre Räder entlang der Hauptstraße geschoben haben. Wir feiern, dass wir alle heil und gesund hier angekommen sind im Café.

In Belgrad, der Stadt, die als nächstes auf unserer Route liegt ist es wie schon gehabt: Die Wege sind für Radfahrer eine Katastrophe und überall ist Müll unser Begleiter! Keine Stadt war bislang so hässlich, dreckig und abweisend wie Belgrad. Dabei gäben Lage und Landschaft durchaus was her.

Wir sind mit unserer Radtour im Norden von Europa gestartet und haben dort sehr viele Eindrücke zum Winterkrieg bekommen. Im Baltikum ging es damit weiter und die Erinnerung an Kriege und Besatzungen ist allgegenwärtig und prägt die Identität der Menschen. Hier im Balkan ist es nicht anders und wir haben den Eindruck, dass uns unsere Tour entlang einer Strecke von Krieg und Trauma führt. Immer wieder kommen wir an Mahnmalen vorbei. Es liest sich schaurig, wenn eine lange Liste mit Namen dort steht und alle aufgeführten Menschen im gleichen Jahr gestorben sind. Ob nun 1945 oder 1991 macht da keinen Unterschied!

In Belgrad ist Kathrins Opa in Kriegsgefangenschaft gestorben. Wir legen zum Gedenken Blumen nieder. Weil es das Grab nicht mehr gibt – dort ist jetzt eine Autobahn – suchen wir einen passenden Ort an der Burg, mit Blick über die Stadt. Natürlich sind auch unsere Familien durch die Weltkriege berührt worden und das wirkt immer noch nach. Uns wird hier sehr deutlich wie viel bescheuerten und gruseligen Einfluss Kriege auf das Leben der Menschen, auch noch Generationen später, haben.

Was uns in Serbien gut gefällt sind die Menschen. Wir treffen immer wieder viele hilfsbereite und freundliche Menschen die toll finden, wie wir reisen. Autos hupen und uns wird der Daumen hoch gezeigt, in einem Café bekommen wir Kaffee und Cockta (hiesige Cola) auf Kosten des Hauses, nachdem der Chef uns ausgiebig ausgefragt hat; in Belgrad dürfen wir bis zum Abend in unserer Unterkunft bleiben, der Vermieter schreibt: „… stay as long as you need, I like your style of living, maybe I’m even a little bit jealous …”.