Borkum 2

Borkum ist zwar die größte der ostfriesischen Inseln, eine Inselumrundung auf dem Fahrrad beträgt allerdings nur 19 km. Jeden Tag fahre ich kreuz und quer über die Insel und brauche inzwischen keine Karte mehr, um mich zurechtzufinden.

Besonders angetan hat es mir die unendliche Weite, die einen umgibt, wenn man an die nördlichen, dem offenen Meer zugewandten Strände geht. Die Brandung, die Muster, die der Wind auf den Strand zaubert, das Kräuseln der Wellen auf den Prielen, die vom Sand zugewehten Muscheln, die Strandläufer und Möwen, das alles zieht mich in seinen Bann.

Ich versuche Hoge Hörn, das östliche Ende der Insel, zu erreichen, das erste Mal bei strahlendem Sonnenschein. Hoge Hörn ist ein Naturschutzgebiet, umgeben von Lagunen, die bei Sturmflut von Salzwasser überspült werden. Die letzten 3 km legt man zu Fuß zurück, durch Salzwiesen und das Watt, ich muss allerdings einsehen, dass der Fußweg nach circa 2 Kilometern zur Zeit nicht weiter passierbar ist, jedenfalls nicht ohne Gummistiefel.

Am Wochenende kommt mein Freund Andreas aus dem Sauerland zu Besuch, wir verbringen einen wunderbaren Tag auf der Insel und wieder versuchen wir, Hoge Hörn zu erreichen, diesmal verlaufen wir uns bei dem Versuch, einen in der Karte markierten Weg durch die Dünen zu finden.

Früh am Sonntag macht sich Andreas mit der ersten Fähre auf den Weg zurück aufs Festland, um dort sein Auto zu holen und damit ins Sauerland zu sausen. Montag früh muss er wieder arbeiten. Welcher Schreck, als er feststellt, dass alle seine Schlüssel im Nachtschränkchen liegen geblieben sind. Die einzige Möglichkeit, sie zu bekommen, ist eine Lieferkette zu bilden: mit der nächsten Fähre, die allerdings erst spät, gegen 19:00 Uhr in Emden ankommt. Also gebe ich dem Zugführer (zu jeder Fährabfahrt fährt eine alte Kleinspurbahn die 7,5 Kilometer von Borkum Stadt zum Hafen) die Schlüssel mit, der übergibt sie dem Steuermann der Fähre, der wiederum gibt sie Andreas, der dann endlich nach 8 Stunden Wartezeit nach Hause fahren kann.

Ich mache Aufnahmen mit der Videokamera und schreibe Musik dazu. Viel Zeit geht dafür drauf, mich wieder in die Programme einzuarbeiten, das sind vor allem Musikprogramme und ein neu erworbenes Videoschnittprogramm. Aber es macht unendlich viel Freude. Hier ein erstes Ergebnis, Videoaufnahmen an einem grauem Tag am Südstrand:

Kanada 3

Nachdem ich offiziell aus der Quarantäne raus darf, gibt es zwei Tage später hier einen positiven Test im Haus. Das bedeutet, dass alle Familienmitglieder für 5 Tage in häuslicher Quarantäne zu sein haben. Die beiden Töchter von Kathy leiden darunter mehr, als wir Erwachsenen. Thalia kann ihren Freund nicht treffen und Anneke kann wieder einmal, so wie letztes Jahr auch schon, nicht ihren Geburtstag mit ihren Freundinnen feiern. Kathy und ich wollten nach Toronto fahren, dort ihre Mutter besuchen und dann einen Abstecher zu den Niagarafällen machen. Das klappt nun genauso wenig, wie Ski fahren. Nun ja, so ist das mit Reisen zu Zeiten von Covid. (Hier wird von Covid gesprochen und nicht von Corona, gemeint ist dasselbe) Zum Glück kommen wir gut miteinander aus und freuen uns hauptsächlich, dass wir uns überhaupt sehen können.

Es gibt sowieso jede Menge zu erleben und zu tun. z.B. kommt ein Schneesturm vorbei, der jede Menge Schnee mit sich bringt. Hier in Wakefield stürmt es zwar nicht, aber es fällt viel Schnee. Der muss zur Seite geschafft werden, damit wir die Einfahrt passieren können, die Mülltonnen müssen freigehalten werden und die Treppe zum Hauseingang muss ebenfalls vom Schnee befreit werden. Also raus und Schnee schaufeln. Francois (Kathys Mann) klärt die großen Flächen mit dem Schneegebläse, die kleinen Flächen müssen von Hand geräumt werden. Nachdem ich eine Stunde lang Schnee geschippt habe und mich im Haus am Kamin schön aufwärme, weht der Wind alles wieder zu und es geht von vorne los.

Francois leiht mir seine Schneeschuhe und so kann ich durch den Schnee marschieren. Mit diesen riesigen Schlappen unter den Schuhen kann man ganz wunderbar auf dem tiefen Schnee gehen und sinkt nicht zu tief ein. Ohne Schneeschuhe stecke ich bis zur Hüfte in der kalten Glitzermasse, mit, gerade mal 20 cm. Ich marschiere einfach los in den Wald und schaue mir Kanadas Bäume und Hügel hier in der Gegend an. Einen Weg brauche ich nicht, hier wohnen so wenig Leute, dass man einfach drauflos stapfen kann. Unterwegs treffe ich eine Herde Truthähne, die auch zwischendurch immer Mal wieder im Garten und vor dem Haus auftaucht.

Borkum 1

Ich, Ben, fahre nach Borkum und bin sehr gespannt darauf, wie es sich im Winter auf einer Nordseeinsel leben lässt. Meine Eltern, die häufig auf Borkum sind und sich hier auskennen, kommen kurzentschlossen mit und wir finden zwei nebeneinanderliegende Wohnungen im Swarten Evert, einem alten Haus mitten in der Stadt Borkum, eigentlich die einzige richtige Ortschaft, die es hier gibt.

Die Idee, mit dem Fahrrad nach Emden zu fahren, verwerfe ich angesichts der ungemütlichen Wetteraussichten und so fahren wir mit dem Auto über Eemshaven nach Borkum. Es gibt nur zwei Fähren pro Tag, morgens und nachmittags. Das ist, verglichen mit dem Fährbetrieb in der Hochsaison, auf das Notwendigste reduziert.

Im Januar herrscht hier Winterruhe, nur sehr wenige Geschäfte haben geöffnet, und auch die eigentlich reichlich vorhandene Gastronomie befindet sich im Winterschlaf.

Zum Glück gibt es genügend Lebensmittel zu kaufen und es gibt das Ria’s an der Promenade, das ganzjährig geöffnet hat.

Unsere Tage bestehen also daraus, Spaziergänge oder Fahrradtouren zu unternehmen und uns dann im Ria‘s zu einem Espresso, Tee oder einem Snack zu treffen.

Und wir haben viel Zeit, zusammen zu kochen und zu schnacken. Herrlich!

Ich habe meinen Computer, Interface, Mikrofone, Kamera und Videokamera, Keyboard, Gitarre, Bass und Ukulele mitgenommen, habe in meinem Apartment ein kleines Studio eingerichtet und kann mich ausgiebig mit Aufnahmeprogrammen beschäftigen. Da ich in den letzten Jahren schulisch immer weniger mit Musikproduktion zu tun hatte, kann ich die Zeit hier ideal nutzen, um mich wieder auf den neuesten Stand zu bringen. Programme aktualisieren, Tutorials schauen und Probleme lösen ohne Zeitdruck, ein Riesenluxus, den ich sehr genieße.

Kanada 2

Nach sechs Tagen erhalte ich endlich das negative Testergebnis von der Einreise und darf mich damit frei bewegen. Ich bin nicht mehr an die häusliche Quarantäne gebunden. Viel unternehmen können wir allerdings nicht, da in Quebec, der Provinz von Kanada, in der ich mich derzeit befinde, alles geschlossen ist. Um die Verbreitung von Omicron zu verlangsamen sind die Restaurants und Museen geschlossen, Theater und Konzerte sind nicht erlaubt und ab 22:00 Uhr muss man zu Hause sein. In anderen Provinzen Kanadas ist es ähnlich. Aber draußen darf man sich aufhalten und die Skigebiete sind offen. Allerdings ist mir Ski fahren bei – 28 Grad zu kalt. Da bin ich dann doch lieber auf der Couch, oder tobe mit den Hunden kurz durch den Schnee und wärme mich dann schnell im Haus vor dem Kamin wieder auf. So gibt es viel Zeit für Kathy und ihre Familie.

Wir fahren gemeinsam mit der Familie nach Ottawa (Kanadas Hauptstadt) und besuchen den Friedhof. Es ist der Jahrestag von Grandpa Toms Tod und so fahren wir zum Gedenken dort hin. Grandpa Tom war in der Armee, sein Stein steht auf dem Platz für alle Angehörigen der kanadischen Streitkräfte. Alles schön in Reih und Glied und mit einem Panzer gekennzeichnet. Ein aufgestellter Panzer und Artillerie auf einem Friedhof erscheinen mir verwunderlich, aber ich bin die Einzige, die das merkwürdig findet.

Der Friedhof ist riesig und so kann man mit dem Auto zu den gewünschten Arealen fahren. Es gibt verschiedene Bereiche, in denen Steine mit chinesischen, koreanischen oder arabischen Inschriften stehen und noch viele weitere Sprachen und Kulturen lassen sich finden. Mir gefällt dieses Nebeneinander. Aber für mich ist es ein ungewohntes Gefühl, mit dem Auto so lange zwischen den Grabsteinen herumzufahren.

Wieder zu Hause, wird mir die Urne mit Grandpa Toms Asche gezeigt. Perplex stelle ich fest, dass der Stein auf dem Friedhof ein Gedenkstein ist und dort nicht zwangsläufig der Tote zu liegen hat. Die Asche kann in einer versiegelten Urne von den Angehörigen dorthin gestellt werden, wo sie das möchten, oder der Verstorbene es wünschte. Grandpa Tom wollte dort sein, wo das Leben ist und so steht er im Wohnzimmer auf dem Regal.

Kanada 1

Ich, Kathrin, mache mich also auf nach Kanada. Das ist durch Corona und die gerade explodierenden Omicron-Zahlen kein leichtes Unterfangen. Ein PCR-Test ist Pflicht, um überhaupt ins Flugzeug zu gelangen, eine digitale Anmeldung für Kanada, die bestätigt werden muss ebenfalls, des Weiteren sind ein Quarantäneplan und natürlich sämtliche Impfbestätigungen mitzubringen. Bevor es überhaupt losgeht, bin ich ein Nervenbündel, weil ich Angst habe, irgend etwas Wichtiges zu übersehen. Aber es klappt und ich werde sowohl in das Flugzeug als auch in das Land gelassen. Am Flughafen in Montreal wird noch ein PCR-Test verlangt; Kanada will alle Einreisenden testen. Bevor ich kein negatives Ergebnis habe, muss ich mich in Quarantäne begeben. Allerdings ist es zulässig, die Quarantäne im häuslichen Umfeld durchzuführen. So bin ich schon mal im Haus meiner Freundin Kathy, und mit gehörigem Abstand und Maske sind Kontakte möglich. Spaziergänge im Schnee mit den Hunden sind auch erlaubt.

Kanada habe ich schon einige Male bereist aber noch nie im Winter. Auf den ersten Blick scheint es nicht so anders zu sein. François, Kathys Mann, versichert mir allerdings, dass es derzeit wenig Schnee gäbe für kanadische Verhältnisse: sehr wenig. Nun ja, mir reicht es vollkommen, noch bin ich nicht wild darauf, mir einen Weg durch Schneemassen zu graben. Die Temperaturen sind allerdings sehr niedrig: – 23• C! Es ist keine gute Idee, selbst wenn man nur für einen kurzen Moment draußen ist, die Mütze und die Handschuhe zu vergessen. Die Kälte krabbelt nicht in mich hinein, sondern überfällt mich sofort und heftig. Die Nase friert ein, da ist es richtig angenehm, die FFP2-Maske zu haben. Damit bleibt mein Gesicht schön warm. Dadurch, dass die Luft so kalt und trocken ist, bilden sich auch kaum Atemwolken. Die Sonne scheint und es ist einfach nur sehr kalt!

Getrennte Wege

Weihnachten und Silvester haben wir mit Familie und Freunden wunderschön gefeiert. Jetzt treibt es uns wieder hinaus und wir wollen anderes erleben. Die Frage ist nur, wie wir all unsere unterschiedlichen Wünsche und Ideen unter einen Hut bekommen.

Kathrin will ihre Freundin Kathy in Canada besuchen, Ben ist nicht so wild darauf in einem Flugzeug zu sitzen. Ben möchte sich mit Musik und Computerprogrammen auseinandersetzen, das wiederum findet Kathrin etwas unattraktiv. Und so gehen wir für drei Wochen getrennte Wege, damit jede/r das tun kann, was er/sie sich wünscht.

Heimwärts

Wir sind auf der Heimreise! Wir lassen uns von Schiff und Bahn nach Hause fahren. Wir finden das ziemlich großartig, dass sich so viele Verkehrsmittel finden lassen, die uns mitnehmen.

Von Genua aus fahren wir mit der Bahn über Mailand und Verona nach München. Natürlich sind wir bei jedem Umsteigen etwas aufgeregt, weil wir nie wissen, ob es einen (funktionierenden) Aufzug gibt oder ob wir die Räder Treppe rauf und runter schleppen müssen, plus Gepäck. Reicht die Umstiegszeit? Wo ist das Fahrradabteil und so weiter… . Jedes Land hat seine Eigenheiten und besonderen Regelungen, aber unterm Strich bleibt es dabei: wir können mit den Fahrrädern kreuz und quer durch Europa gefahren werden. Und wir treffen ausschließlich freundliche und hilfsbereite Bahnmitarbeiter auf der Fahrt, die versuchen alles möglich zu machen was geht, damit wir gut nach Hause kommen. Wirklich toll!

In der Poebene liegt Schnee und in Österreich sowieso. Irgendwie kommt uns das komisch vor, wo wir doch gerade noch in Palermo waren, Palmen bestaunten und nur eine leichte Jacke brauchten. Es sieht durch die Zugfenster sehr kalt aus.

In München müssen wir drei Stunden in der eiskalten Nacht verbringen, bevor wir in unseren Zug in den Ruhrpott steigen können. Wegen der Coronaverordnungen in Bayern sind alle Gaststätten und Restaurants seit 22:00 Uhr geschlossen. Wir sind um 0 Uhr angekommen und müssen bis 3:24 Uhr warten. Es ist zugig auf dem Bahnhof und es gibt keinen Wartebereich, der ein wenig Wärme bieten könnte. Was also tun? Die beiden superfreundlichen Mitarbeiter der Bahn, die im Infopoint sitzen, erklären sich bereit ein Auge auf unsere Räder und das Gepäck zu haben. Wir sitzen bei einem freundlichen Menschen, der ein Auge zudrückt und uns entgegen der geltenden Regeln Unterschlupf gewährt. Was sind wir froh, dass es immer wieder Menschen gibt, die eine Lösung finden. So können wir dann mitten in der Nacht unsere Bahnfahrt fortsetzen ohne erfroren zu sein.

Es wird immer aufregender, je näher wir unserem Zuhause kommen. Wir sind jetzt 146 Tage unterwegs gewesen und ein bisschen mulmig ist es schon wieder zurückzukommen. Fühlt sich das noch an wie unser zu Hause? Wie schnell fallen wir in alte Muster, die wir auf unserer Reise so leicht und freudig ablegen konnten? Wie weit haben wir uns verändert? Die Vorfreude auf zu Hause, die Familie und die FreundInnen ist gleichzeitig riesig.

Wir freuen uns auf die vielen, vielen lieben Menschen, die uns die ganze Zeit mit Gedanken, Nachrichten und Wünschen begleitet haben. Uns macht das Bloggen Freude, weil wir wissen, dass es Euch gibt. Kommentare und Likes sind Kontakte, die wir feiern und die uns in der Ferne nah sein lassen. Das klingt total gerührt und säuselig, aber für uns ist es ein gutes Gefühl! Ein sehr gutes!

Jetzt melden wir uns für eine Weihnachtspause ab. Im neuen Jahr geht es weiter. Einige Ideen haben wir schon …. Mal sehen was es wird.

Euch eine gute Zeit, gute und gesunde Weihnachten, einen guten Start in das neue Jahr. Bis dann!

Palermo

Wir kommen nach Palermo, was sich als erstes durch ein erhöhtes Müllaufkommen am Straßenrand ankündigt. Die Straße, die uns zum Zentrum führt, geht am Meer entlang. Wer jetzt an sanft plätscherndes Wasser und schöne Ausblicke denkt, liegt falsch. Die Atmosphäre ist ruppig, laut, dreckig. Wir wollen ein Picknick am Meer machen, aber wir finden keinen Platz, der nicht stinkt, verdreckt ist, kaputt… mit sehr mulmigem Gefühl fahren wir in das Zentrum.

In einem Park finden wir Bänke auf denen wir uns zum Picknick niederlassen können, es ist sauber und es gibt dort zwei riesige Bäume. Sie sehen aus wie eine gewachsene Stadt, es gibt nicht einen Hauptstamm, sondern immer wieder Verzweigungen, Säulen, Nischen und Torbögen. Es sind „Großblättrige Feigen“ (Ficus Magnolioides), Bäume, die Luftwurzeln bilden, die sich dann zu neuen Stämmen/Ästen ausbilden. Heraus kommt ein riesiger Labyrinth-Baum.

Wir erkunden die Stadt und sind fasziniert von dem Gewimmel das hier herrscht. Schick und schäbig, ranzig und edel, heruntergekommen und neu gemacht, alles findet sich hier nebeneinander. Viele der Häuser sehen so aus als würden sie gleich zusammenfallen, dennoch sind sie bewohnt. Ruinen vom zweiten Weltkrieg stehen auch noch herum. Palermo erholt sich von einer jahrelangen Ignoranz durch Politik und Kriminalität.

Wir machen eine Stadtführung. Wir haben Glück, unsere Gruppe ist sehr klein, nur 8 Leute und eine quirlige Sizilianerin, die uns die Stadt schmackhaft macht. Wir bekommen viele Tipps und bestaunen die Mosaiken, für die Palermo unter anderem berühmt ist. Normannisch-arabischer Stil, eine eher ungewöhnliche Kombination, die aber für spektakuläre Ergebnisse sorgt.

Wir sind nach Palermo gefahren, um von dort die Fähre nach Genua zu nehmen. So langsam geht unsere Reise zurück in den Norden, nach Hause. Im strömenden Regen fahren wir in den dicken Schiffbauch hinein, begleitet von dem Gestank der LKW-Abgase und dem irrsinnigen Krach, der in diesen Blechhallen herrscht. Die Räder dürfen wie immer in irgendeiner Ecke stehen. Der Passagierbereich des Schiffes haut uns um: überall Spiegel und offene Treppen, ein Weihnachtsbaum blinkt uns entgegen, alles ist weiträumig und luftig. Auf Deck gibt es ein Schwimmbecken, das im Winter zwar nicht mit Wasser befüllt ist, aber es ist da. Kein Vergleich zu der miefigen und lauten Enge, in der die Fahrzeuge stehen. Wir übernachten in einer Kabine mit einem großen Fenster und können die Sonne und das Meer bestaunen. Und in der Nacht ist ordentlicher Seegang, der das Schiff schlingern und ächzen lässt…

Italien 6

Wir sind auf der Küstenstraße im Norden Siziliens unterwegs, auf dem Weg von Messina Richtung Palermo. Auf der einen Seite ist das Meer, auf der anderen Seite ragen schnell die Berge schroff und hoch hinauf. Parallel zu der Küstenstraße gibt es eine Autobahn und eine Bahnlinie, die ebenfalls die Insel umkreisen. Der schmale, flache Streifen Land zwischen dem Meer und den Bergen ist also ziemlich voll mit den drei Verkehrslinien und den Ortschaften und Stränden, die sich auch noch dort tummeln. Man könnte meinen, dass es dann recht voll auf der Straße ist. Das ist nicht immer so. Das Schöne ist, dass wir in der Nebensaison unterwegs sind, in der der Verkehr weniger ist als in der Hochsaison. Ein weiterer Punkt, der das Fahren sehr entspannt macht ist die Tatsache, dass in Sizilien von vielen Menschen und Geschäften eine Mittagsruhe gehalten wird (Riposo). Von ungefähr 12:00 – 16:30 Uhr, sind alle zu Hause, essen zu Mittag und halten ein Schläfchen, oder machen sonst was. Die Geschäfte haben dann zu, Frisöre auch, jedenfalls sind in dieser Zeit kaum Leute auf der Straße unterwegs. Wir können dann lustig vor uns hin radeln. Bars haben durchgehend geöffnet….

Es ist der erste Advent. Für uns eine etwas andere Erfahrung als sonst. Normalerweise wären wir jetzt mit Stollen backen und Familienbesuch dabei, uns auf die Adventszeit einzustimmen. Unterwegs sehen wir Weihnachtssterne, die hier wild wachsen und ganz andere Größen annehmen als die Topfpflanzen zu Hause. In Italien werden jede Menge Lichterketten und Lichterornamente aufgehängt. Alles blinkt und leuchtet. In den Palmen hängen die Lichterketten, ganze Hausfassaden sind damit eingerüstet und über den Straßen hängen Lichtersterne und Kugeln. Adventszeit ist hier schrill und bunt. In den Geschäften stehen Tannenbäume wild geschmückt. Die Bäume sind aus Plastik, hier wachsen keine Tannen! Die Dekoration ist wahnsinnig üppig und überbordend. Erst sind wir irritiert: Weihnachten sieht für uns sonst so anders aus. Inzwischen haben wir uns angepasst und finden die Bäume im Zuckerwattelook cool. Wo bei uns in den Geschäften die Schokoladennikoläuse stehen stapeln sich hier Berge und Mauern von Panettoneschachteln. Der italienische Weihnachtskuchen ist überall zu finden.

Wie steht es eigentlich hier mit den Zimtschnecken für Kathrins Akku? Mit den Zimtschnecken sieht es hier schlecht aus, die gibt es so gut wie nicht. Aaaaaber dafür gibt es überall Bars, Cafés, Pasticcerien, und Gelaterien, die süße Köstlichkeiten rund um die Uhr anbieten. Wir können uns gar nicht durch all die Spezialitäten durchprobieren, die jede Region zu bieten hat. Jedes Dorf hat noch ein eigenes Rezept und jeder Bäcker sowieso. Wunderbar, was man mit Zucker, Mehl, Ricotta, Marmelade, Schokolade, Pistazien und Mandeln alles so anstellen kann.

Jedes Land, jede Region hat ihre eigenen Bräuche und Rituale, was man auch immer gut an den Friedhöfen sehen kann. In Süditalien und auf Sizilien begegnen uns Friedhöfe, die wie eine Mischung aus Spielhäuschen und Regalsystem wirken. Särge werden entweder in der Familiengruft eingelagert oder sie kommen in das „Regal“ für alle. Damit auch immer frische Blumen, oder neue Plastikblumen dort stehen können, gibt es eine große Leiter. Uns erinnert das eher an eine Bibliothek oder ein Logistikzentrum. Die Friedhöfe sind gemauert, betoniert und mit einer Mauer umgeben.

Wir sind noch immer fasziniert von den Orangen-, Mandarinen- und Zitronenbäumen, die hier überall wachsen. Wir haben in einer Unterkunft in einem Zitronenhain übernachten können und durften dort nach Herzenslust Zitronen und Orangen für uns ernten. So frisch vom Baum schmecken sie am allerbesten. Am nächsten Tag fühlen wir uns wie frische Experten und pflücken wild von den Bäumen, die in der Stadt angepflanzt sind. Wild pflücken klingt jedenfalls besser als Mundraub. Das muss aber eine andere Sorte gewesen sein, denn die Früchte sind alles andere als lecker…. Soweit zu unserer Expertise!

Italien 5

Wir sind auf Sizilien. Wieder mit einigem Hin und Her, was unsere Räder auf der Fähre angeht: Natürlich können Räder mitgenommen werden, aber nur dann, wenn sie zusammengeklappt werden. Diese Information erklärt, weshalb wir hier schon so viele klappbare Räder gesehen haben. Nur, dass unsere Räder nicht klappbar sind und auch keine zierlichen und leichten Rennräder sind, bei denen man – ruckzuck – das Vorderrad ausbauen kann, denn das gilt ebenfalls als klappbar. Nichts davon trifft auf unsere Drahtesel zu, zu allem Überfluss sind sie auch noch dick beladen und nehmen dadurch noch mehr Platz weg. Aber wir sind in Italien! Am Ticketschalter für die Fähre sagt man uns, dass wir hierbleiben sollen, dann wird mit dem Kapitän telefoniert, der kommt und schaut sich die Lage an und dann dürfen wir mit unseren Brummern doch noch auf das Schiff und kommen 30 Minuten später auf Sizilien an.

Wo wir schon auf Sizilien sind, wollen wir uns den Ätna ansehen. Dazu müssen wir ein paar Kilometer in den Süden der Insel düsen. Wir haben gutes Wetter, es scheint die Sonne und das Meer präsentiert sich in tollen Farben. Flott sausen wir die Uferstraße entlang, als diese durch ein fettes Schild und einen noch fetteren Betonblock gesperrt wird. Och nööö, nicht schon wieder! Die Umgehungsstraße zu nehmen ist keine schöne Option, da sie mal eben auf 1000 Höhenmeter hoch geht, um dann wieder runter zu kommen und 2km Strecke gemacht zu haben. Das schaffen wir nicht mal so eben. Kurzerhand satteln wir die Räder ab, bugsierten sie auf die andere Seite der Sperre, satteln sie wieder auf und fahren mit gemischten Gefühlen weiter: wir sollten nicht hier sein, aber die komplette Straße für uns zu haben ist auch nicht übel. Die Straße ist gesperrt, weil einige Erdrutsche abgegangen sind und nun dicke Steinbrocken auf der Fahrbahn liegen, die sich mit dem Rad sehr leicht umrunden lassen. Die Aussicht ist toll und ohne weiteren Verkehr können wir sie gut genießen. Am anderen Ende der Sperrung ist alles mit Ketten und Schlößern und Gittern abgesichert. Außerdem steht ein Auto davor, irgendjemand sitzt darin und wartet. Uns wird ein wenig mulmig und wir fühlen uns auf frischer Tat ertappt. Aber das wir uns nicht an die Sperrung gehalten haben interessiert nicht, es ist alles ganz einfach: wir sollen warten, gleich käme jemand mit dem Schlüssel, der macht dann das Gitter auf und wir müssen die Räder nicht drüberheben. Was für ein netter Zufall. So geschieht es, wir fahren durch das geöffnete Gitter und beschwingt weiter Richtung Ätna.

Wir nähern uns dem Ätna, er ist am Horizont zu sehen, zumindest die Basis. Der Gipfef ist in weiße Wolken gehüllt, an den oberen Hängen liegt Schnee. Auf der Straße liegt schwarzer Sand in rauen Mengen herum. Es ist Ätna-Asche, wie wir später erfahren, die Anfang Oktober ausgestoßen wurde. Nun liegt sie auf den Feldern und auf der Straße. Der Ätna ist ein aktiver Vulkan und produziert immer mal wieder solche Aschewolken, die sich dann in der Umgebung verteilen. Das Problem besteht gar nicht darin, dass man sie zusammenkehren muss, sondern darin, dass man nicht weiß wohin mit den Unmengen an Asche, die im Laufe der Zeit so zusammenkommen. Das Meiste wird in Steinbrüche gekippt, aber wenn die großen Aufräumarbeiten vorbei sind, kommt immer noch Asche nach, die durch den Wind verteilt wird und sich dann eben an einigen Stellen sammelt.

Da wir nicht wissen, wie wir am besten einen Vulkan erkunden, buchen wir eine geführte Tour. Unser Tourguide ist Francesco, der uns fährt und alles über den Berg weiß und erklärt. Zufällig spricht er deutsch. Erst geht es durch viele kleine Ortschaften, immer höher hinauf. Das Wetter ist nicht so einladend, es regnet und ist ziemlich kalt. Von der Bergspitze ist nichts zu sehen, nach wie vor ist sie in Wolken gehüllt. Wir erkunden eine Lavahöhle, dann klart das Wetter etwas auf und wir machen eine eindrucksvolle Wanderung über Lavafelder. Es ist hier oben wie in einer anderen Welt, alles ist schroff, rau, geradezu abweisend und wahnsinnig weit. Die Vegetation ist hier ganz anders als unten am Meer, es wachsen Birken, die vor dem schwarzen Lavaboden besonders strahlend wirken. Palmen und die vielen blühenden Büsche sind hier dagegen nicht zu finden. Ein wenig höher gibt es dann kaum noch Vegetation sondern nur noch Lavabrocken, die mit schwarzer Asche zugedeckt werden. Auf den schwarzen Feldern geht es sich wie auf weichem Sand. In dem starken Wind, der hier heute weht, werden wir fast umgepustet, er dröhnt uns so um die Ohren, dass wir kaum verstehen können, was uns Francesco erzählt. Die Luft ist ein wenig dunstig, von den Gasen, die der Berg ausstößt, sie riechen nach Schwefel und kratzen im Hals, man muss sofort husten. Die Sicht ist zwischendurch immer wieder wunderbar und wir können über die Felder schauen und sogar das Meer sehen, nur die Bergspitze bleibt hartnäckig verborgen in einem Wolkenwirbel. Auf dem Vulkan stehend, selbst wenn wir nicht an einem Kraterrand sind und in die Lava schauen, fühlen wir uns den Urgewalten sehr nahe und dabei sehr winzig und unbedeutend. Und das ist kein schlechtes Gefühl!

Weiter auf unser kleinen Sizilientour wollen wir uns das alte griechische Theater in der Stadt Taormina anschauen. Es ist oben auf dem Berg, wir haben alle Sachen auf den Rädern und die Steigung ist mörderisch. Als wir dann noch von unserem Navigationsgerät auf den Wanderpfad geführt werden (wohlgemerkt ist es ein Navigationsgerät für Fahrradfahrer – zumindest laut Beschreibung), streiken wir und drehen wieder um. Wir nehmen die Autoroute und werden dank des starken Windes angeschoben und nach oben gepustet. Das Theater wird immer noch als Bühne für Festivals genutzt, was unglaublich ist, wo es doch auch schon vor 2500 Jahren dafür genutzt wurde!