Donau: Kroatien

Um von Ungarn nach Kroatien zu kommen, müssen wir bei der Grenze erst einmal an einer langen Schlange wartender Lastwagen vorbei. Die warten auf die Grenzkontrolle, damit sie einreisen dürfen. Kroatien ist noch nicht im Schengenabkommen und daher wird alles kontrolliert.

Auch wir müssen uns in die richtige Reihe begeben und folgen den Fahrradzeichen auf dem Boden. Toll: eine extra Reihe für Fahrradfahrer, denken wir. Weit gefehlt! Wir stehen neben dem kleinen Kabäuschen und werden vom Grenzbeamten erst mal angepflaumt, dass wir uns einfach so vordrängeln. Beim nächsten Mal sollen wir uns gefälligst hinter die Autos stellen und warten…. Naja, jetzt, wo wir schon mal da sind sind schaut er sich unsere Pässe an. Zwischendurch fragt er uns aus, woher wir kommen, wo wir mit dem Fahrrad hin wollen und was wir schon gesehen haben. Man merkt ihm an, dass er hin und hergerissen ist zwischen Bewunderung und der Einschätzung, zwei Irren gegenüberzustehen. Aber er lässt uns einreisen und schwupps sind wir in Kroatien.

Wir begegnen in den Tagen hier so vielen netten, offenen und spannenden Menschen! Auf der Straße werden wir angehupt und die Menschen winken uns zu, feuern uns auf den Rädern an, rufen aus dem Garten herzlich „Dober dan“ (Guten Tag), lachen und freuen sich uns zu sehen. Das macht durchgehend gute Laune, auch bei weniger nettem Radwetter.

In dem kleinen Ort Bilje, durch den wir kommen, soll es ein Schloss geben. Das stand zumindest im Reiseführer. Wir brausen an einem Gemäuer vorbei, das entfernt an das Foto erinnert, allerdings ist es ziemlich kaputt und heruntergekommen. Der Park davor erinnert auch nur entfernt an eine Parkanlage aber wir fahren zum Tor und schauen uns das aus der Nähe an. Tatsächlich steht dort ein altes und verwaschenes Schild, das diese Ruine in vier Sprachen als Schloß ausweist. Es hat offensichtlich schon sehr viel bessere Tage gesehen.

Das Tor steht ein wenig offen und man hört Baulärm, also quetschen wir uns durch den Spalt und schauen uns um. Sehr kaputt! Eine Treppe führt in den ersten Stock und mit den Handytaschenlampen schauen wir uns vorsichtig um. Fenster und Türen sind kaputt, Decke und Boden haben Löcher, überall liegen Papiere herum. Wir finden auch einen Schrank mit alten Chemikalien und eine Tüte mit halben Unterkiefern von Rehen (?). Wahrscheinlich war hier mal die Forstbehörde untergebracht.

Wir werden von einem Bauarbeiter auf Englisch angesprochen. Wir rechnen damit jetzt vor die Tür gesetzt zu werden, aber im Gegenteil: wir werden eingeladen uns das Gemäuer genauer anzuschauen. Wir sollen nur aufpassen, dass wir nirgendwo stürzen oder einbrechen, er empfiehlt besonders das Kellergewölbe. Also nix wie hinab in den Keller. Hier lagern alte Ölfässer und Müll und jede Menge Vogelkadaver. Etwas gruselig ist uns schon, aber es ist auch spannend.

Wieder oben werden wir vom Bauarbeiter und seinem Kollegen eingeladen. Sie fragen, ob wir schon eine Unterkunft hätten und vermitteln uns an die Pension in der sie auch untergekommen sind. Dort fahren wir hin und dann haben wir ein schönes gemeinsames Abendessen und unterhalten uns bis in die Nacht. Beide heißen witzigerweise Oliver. Der eine ist in Deutschland aufgewachsen und spricht Deutsch, der andere spricht sehr gut Englisch, das er sich anhand der Untertitel im Fernsehen beigebracht hat.

Am nächsten Tag geht es nach Vukovar. Vukovar ist eine der Städte, die besonders unter dem Kroatienkrieg 1991 gelitten hat. Die Bevölkerung wurde evakuiert, es gab Massaker und die Stadt ist zu großen Teilen zerstört worden. Es gibt noch immer viele Häuser, an denen Unmengen an Einschusslöchern zu sehen sind.

Der zerschossene Wasserturm der Stadt ist als Mahnmal gegen den Krieg erhalten worden. In ihm ist jetzt ein Besucherzentrum und es gibt Tafeln und Videos, die über den Krieg berichten.

Aber es gibt auch lebendige und schöne Dinge, z.B. beobachten wir Musiker, die vor einer Kirche für eine Hochzeit spielen. Ein großes Aufgebot an Musikern und es kommen immer noch welche dazu. Am Ende stehen da drei Kontrabässe und noch mehr Menschen mit gitarrenähnlichen Instrumenten in unterschiedlichen Größen, deren Namen wir nicht kennen. Ein Zeremonienmeister mit zwei langen Fasanenfedern am Hut verkündete den Auszug des Brautpaares aus der Kirche und die Musiker spielen, Alle singen mit und empfangen das frisch getraute Paar. Ein Frauenchor singt und es wird gemeinsam vor der Kirche getanzt.

Am nächsten Tag ändert sich die Landschaft mal ein wenig: es gibt ein paar Berge und schon wirkt alles etwas interessanter. Aber es bedeutet auch, dass wir auf der einen Seite runterfahren können und auf der anderen Seite rauffahren müssen. Nach einer Steigung verlangt Kathrin nach einer Pause. Ein Dreiertrupp Radfahrer steht am Straßenrand und will wissen woher wir kommen und wohin wir wollen. Wir kommen ins Gespräch und erzählen hin und her. Da kommt der Vierte, der gerade ein paar Äpfel von der Plantage „aufgesammelt“ hat. Wir verspeisen die leckeren Äpfel und werden zum Kaffee eingeladen. Gemeinsam radeln wir in ein Café an der Donau und reden dort weiter. Einer der Vier war als Flüchtling in Deutschland und spricht sehr gut deutsch, mit den anderen können wir uns auf Englisch unterhalten. Super! Wir hoffen, dass sie unserer Einladung folgen und uns in Dortmund besuchen werden.

Donau: Ungarn 2 mit der Bahn

Budapest Bahnhof Keleti

Wir haben uns von Budapest, Kris und Jörg verabschiedet. Die beiden sind mit dem Flieger zurück nach Dortmund, wir fahren mit dem Zug wieder zurück nach Baja, in den Süden von Ungarn.

Das Zugpersonal ist überaus freundlich und höflich. Die Zugbegleitung sieht ja, dass wir unsere dicken Räder mit dem Gepäck haben und versichert uns, dass sie in Sáborgárd (Umsteigebahnhof) Bescheid geben wird, damit wir den Anschlusszug bekommen. Und Tatsache: alles klappt prima! Wir beeilen uns auch sehr und fahren über den Bahnsteig, damit wir schneller sind. Ein wichtig aussehender Mann in Uniform sagt irgendwas und bedeutet uns, dass wir bitte schieben sollen. Das ist das Schöne, wenn man die Sprache nicht versteht: wir können uns ausdenken, dass er höflich auf die landesüblichen Gepflogenheiten des Schiebens auf dem Bahnsteig hingewiesen hat und darüber hinaus hofft, dass wir eine angenehme Reise haben werden. Er sah grimmiger aus, als dass es diese Höflichkeit vermuten ließe, aber wir kennen das ungarische Gemüt ja auch nicht gut.

Wieder geht es durch Felder und Felder. Der Zug rollt dahin und wir sehen, wie der Wind in stürmischen Böen über die Ebene peitscht. Blätter (Überreste der Maisernte) wirbeln an unserem Fenster vorbei. Ein tolles Schauspiel. Dann bleibt der Zug auf offener Strecke stehen. Der Zugführer kommt aus seinem Cockpit, öffnet die Tür und steigt aus. Was ist da los? Die Schaffnerin quatscht zwei junge Männer im Abteil an, die aufstehen, ihr folgen und dann klettern die drei aus dem Zug. Wir klettern auch aus dem Zug, weil wir uns schon denken was los ist. Genau: der Sturm hat einen Baum auf die Schienen umgeknickt. Gemeinsam rucken und schieben wir, bis der Baum so an der Seite liegt, dass der Zug daran vorbei fahren kann. Allesamt klettern wir zurück in den Zug und weiter gehts. Wir fragen uns, ob das in Deutschland auch möglich gewesen wäre, oder ob da das offizielle Räumkommando hätte auftauchen müssen.

In Baja angekommen decken wir uns mit Lebensmitteln ein und dann sind wir wieder auf den Rädern. Der Wind hat zum Glück nachgelassen.

Wir strampeln bis Mohaćs, dort haben wir eine Unterkunft gebucht für zwei Personen. Kurz vor Mohaćs stellen wir fest, dass wir auf die andere Donauseite müssen. Die Fähre fährt nur bis 18:10 Uhr und wir haben keine Forint mehr. Jetzt aber schnell. Alles klappt wie am Schnürchen: als wir ankommen, legt die Fähre gerade an, der Preis kann per Karte am Schalter bezahlt werden und wir kommen ruckzuck auf der anderen Seite an. Prima!

Donau: Budapest 2

Was für eine Stadt. Riesig und laut und wach (also immer Verkehr) und bunt und faszinierend und überwältigend. Zum Glück sind wir mit Kris und Jörg unterwegs, gemeinsam sind wir alte Reisehasen. Wir müssen uns nicht groß abstimmen und diskutieren, wir wissen, wer wie tickt und was wir gerne sehen wollen.

Und wir haben Jörg, das wandelnde Reiseführergedächtnis. In den 80ern (!!!) ist Jörg mit seinen Eltern in Budapest gewesen und weiß immer noch welche Wege gegangen werden müssen, was wo steht und ist voll orientiert.

Wir arbeiten einige der Hauptsehenswürdigkeiten ab und versuchen zwischendurch kleine Spots zu entdecken, die uns besonders gut gefallen. Das ist in dieser Riesenstadt kein Problem. Immer wieder gehen wir an Plätzen vorbei und durch Straßen, die wir schon durchschritten haben und entdecken jedesmal wieder Neues; so voll mit Stuck, Verzierungen, Hinterhöfen und Nebeneingängen ist alles hier. Mit anderen Lichtverhältnissen sieht es dann wieder neu aus, so dass wir manchmal glauben hier noch nie gewesen zu sein. Zum Glück haben wir Jörg, der stets den besten Weg weiß und uns auch sagen kann dass wir bereits hier waren.

Es gibt einen Künstler, Mihály Kolodko, der an vielen Stellen in der Stadt kleine Statuen versteckt hat. Diese Statuen haben immer einen Bezug zu dem Ort an dem sie stehen. Der kleine Teddybär an der Mauer zum Beispiel, bekannt aus Mr. Bean Filmen und Sketchen, befindet sich an der ehemalige englischen Botschaft und wurde nach dem Brexit angebracht. Ein paar von diesen Mini-Statuen haben wir gesucht und gefunden. Kris hat das Adlersuchauge und findet diese kleinen Figuren auch mitten in der Nacht oder früh am Morgen.

https://budapestflow.com/hidden-mini-statues-budapest/

Die Bauten sind riesig und es gibt unfassbar viele Gebäude und alte Bausubstanz. Manche sehen wirklich alt aus und wir wissen nicht ob, und wenn ja wie, man darin wohnen könnte. Andere alte Bauten werden zu „ruinbars“. Die halbkaputten Gebäude inklusive Hinterhöfe wurden günstig erworben und sehr kreativ zum Feiern umgebaut. Jetzt sind es Kneipen, die als Kulisse den alten verfallenen Charme haben und auch von Künstler*innen genutzt und betrieben werden und der Öffentlichkeit zugänglich sind.

Donau: Budapest 1

Wir sind in Baja, kurz vor der Grenze zu Kroatien und Serbien. Aber bevor wir unseren Weg entlang der Donau fortsetzen machen wir uns auf zum Bahnhof, um mit dem Zug zurück nach Budapest zu fahren. Warum? Wir sind mit unseren Freunden Kris und Jörg verabredet. Wir machen jedes Jahr gemeinsam Urlaub und nun haben wir uns in Budapest verabredet.

Deshalb fahren wir also mit dem Zug. Die erste Etappe verläuft einfach und unspektakulär, obwohl uns der erste Anblick des Bahnhofs in Baja daran ein wenig zweifeln ließ. Das Gebäude ist alt und ziemlich kaputt, der erste Zug, den wir sehen, siehst auch nicht so aus, als wäre er noch für längere Strecken geeigne. Aber es geht alles sehr gut. unser Zug ist neu und der Einstieg gelingt mit den voll bepackten Rädern ohne Probleme.

Dann müssen wir umsteigen und das ist schon etwas anders: es gilt die Räder innerhalb von 2 Minuten abzusatteln und in den Zug zu wuchten. Das Abteil ist gut einen Meter höher als der Bahnsteig und das schwere E-Bike von Ben muss folglich hochgestemmt werden. Der Schaffner gibt schon Zeichen, dass wir uns beeeilen sollen. Ja, machen wir doch so gut wir können… Endlich ist alles verstaut, wir verschwitzt und der Zug fährt an. Wir rattern durch Ungarn, lauter Kilometer, die wir schon erstrampelt haben wieder in Richtung Norden.

In Budapest angekommen beziehen wir unser gemeinsames Apartment und warten auf Kris und Jörg. Die Freude ist riesig, als wir uns endlich sehen. Gemeinsam werden wir in den nächsten Tagen die Stadt erobern.

Hurra!

Donau: Ungarn 1

Ein neues Land, eine neue Sprache, die wir nicht verstehen, und neues Geld. Der Euro ist hier noch nicht eingeführt und so gibt es die ungarischen Forint. Wir müssen uns schnell an den Umrechnungskurs gewöhnen, sonst wird man von den scheinbar astronomischen Summen völlig wuschig. Ein Stück Torte kostet 630 Forint!!! Umgerechnet sind das ca. 1,40€. Da können wir viel Kuchen essen…

Hier gibt es keine Maskenpflicht und kein Mensch trägt eine. Das ist sehr ungewohnt und wir kommen uns im ersten Moment komisch und nackt vor. Wer hätte das gedacht.

Die Donau wird immer breiter und breiter. Das ist ein beeindruckender Strom, den wir da begleiten können. In Ungarn ist alles durchtränkt von ehemaligen Königsdynastien und der Kirche und der langen, langen Geschichte. Wir stoßen auf alte, tolle Gebäude in unterschiedlichen Stadien des Erhalts, oder Verfalls.

Jedes Haus an dem wir vorbeikommen, in jeder Straße und in jedem Dorf, ist mit einem Zaun umfasst. Wir kommen uns dadurch ausgesperrt vor. Wer in Zukunft plant einen Zaun zu ziehen sollte zuvor unbedingt nach Ungarn fahren, hier kann man sich die unterschiedlichsten Modelle und Ausführungen ansehen: Gitter, aus Eisen, aus Holz, mit Planken hochkant, mit Planken längs, Beton, Draht, Mustermix, Materialmix, Hecken, alt, neu, hoch, niedergelegt… hier kann alles bestaunt werden.

Der Teil Ungarns durch den wir fahren ist superflach. Und wahnsinnig weit. Die höchste Erhebung ist der Damm entlang der Donau. Rechts und links sieht man Felder und Felder und Felder. Ab und zu ein Traktor der das Feld umpflügt oder sonst was macht, unsere Kenntnisse in diesem Bereich sind minimal. Man kann jedenfalls sehr weit gucken und sieht mehrheitlich nichts, außer Feldern.

Am Ufer der Donau gibt es dicke Bäume und wir stoßen sogar auf Landart.

Ab und zu liegt zwischen den Feldern eine kleine Ortschaft, die dann auch mit dem kleine Dorfladen ausgerüstet ist, der alles hat, was man so braucht. Diese Läden schließen zu unterschiedlichen Zeiten. Wir wollen noch etwas Gemüse für unser Abendessen kaufen, aber alle Läden haben schon geschlossen (wir sind um 17:00 auf der Suche). In einem Kiosk versuchen wir aus lauter Verzweiflung unser Glück und siehe da! Die Besitzerin versteht unsere Zeichensprache und kann bestätigen, dass alle Läden geschlossen haben. Sie sieht unsere Not, geht in ihre angrenzende Wohnung und schenkt uns von ihren privaten Vorräten nicht nur eine Paprika, sondern auch Tomate, Apfel und Orangen. Damit können wir uns ein leckeres Abendmahl zaubern.

Die Menschen hier sind alle freundlich, wir werden meist mit einem fröhlichen „Hallo“ oder „Jo Napod“ (Guten Tag) auf unseren Rädern begrüßt. In einer Metzgerei, in der wir einen Kaffee trinken (Cafés wie wir sie kennen gibt es hier weniger, anscheinend wird vieles über die Metzgerei geregelt), kommt Ben mit den Münzen durcheinander. Eine norwegische Krone, die noch im Portemonnaie war landet auf der Münzschale. Der Metzger (zufällig spricht er deutsch) entpuppt sich als Münzsammler und Ben überlässt ihm gerne die beiden norwegischen Kronenmünzen. Als Dank dafür fahren wir mit zwei riesigen ungarischen Würsten davon.

Donau: Slowakei

Das erste, was wir von der Slowakei gesehen haben, war die Hauptstadt. Nun radeln wir weiter die Donau entlang und sind gespannt auf das eigentliche Land. Es geht vielversprechend los. Wir sausen durch wunderbare Landschaften. Sehr flach, entlang der Donau stehen in den Auen wahnsinnig dicke, hohe und raumgreifende Bäume. Dicht an dicht stehen diese Baumriesen hier und sehen sehr alt und sehr würdig aus, so als hätten sie schon viel gesehen und erlebt. Sie wirken so, als wäre ihnen das Gewusel der Welt egal, sie wachsen einfach in alle Richtungen vor sich hin. Das beeindruckt uns.

Die Bäume beeindrucken uns und die Tierwelt. Wir haben auf der gesamten Tour schon so viele Tiere gesehen. In der Slowakei läuft uns Rotwild über den Weg und Federvieh! Das ist von uns Radfahrern ziemlich unbeeindruckt und macht nur widerwillig den Weg frei. Andere wiederum suchen schnell das Weite wenn wir uns nähern und lassen sich nicht so gut mit dem Foto einfangen.

Nachdem wir in Österreich so wunderschön über die frisch geteerten und idiotensicher ausgeschilderten Wege gerauscht sind, sieht das hier etwas anders aus. Die Schilder sind sehr viel kleiner, dafür aber mit Fotos bestückt. Man muss nicht einmal lesen können.

Allerdings lässt die Qualität der Straße nach. Es gibt einen wilden Mix von wunderbar geteert bis hin zu Rumpelkiesel. Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir nicht unvermittelt in Schlaglöchern stecken bleiben. Unsere Räder werden jedenfalls einem ordentlichen Materialtest unterzogen und wir dem ein oder anderem Reaktionstest.

Was wir von der Slowakei so sehen ist bunt gemischt. Auf der einen Seite sind da Neubaugebiete mit kleinen Häusern und Gärten, frisch gestrichen und im Aufbau. Auf der anderen Seite gibt es Müll, Vandalismus und kaputte Sachen. Müll liegt hier überall herum, kaputte Dinge bleiben kaputt, werden nicht weggeräumt, oder abgesperrt. Wir finden Gebäude, die offensichtlich schon lange leer stehen so stark sind sie bereits eingewachsen. Für uns ist das ein bisschen Abenteuer da herum zu streifen und Fotos zu machen, aber ein trauriger Eindruck bleibt.

Wir landen in einer Kneipe, der Wirt versorgt uns mit Tee und Kofola, der slowakischen Cola-Antwort. Uns schmeckt sie gut und wir nehmen gleich eine Flasche mit. Der Wirt setzt sich zu uns und fragt nach dem Woher und Wohin. Er ist Österreicher, der seit 15 Jahren hier in der Slowakei an der Grenze zu Ungarn lebt und zeichnet ein sehr düsteres Bild: im Grenzgebiet Slowakei-Ungarn leben viele Menschen mit ungarischen Wurzeln (Magyaren), die sich zu Ungarn gehörig fühlen. Ihre ungarische „Heimat“ haben sie durch die Grenzziehung nach dem ersten Weltkrieg (!) verloren. Eine funktionierende Integration habe in vielen Bereichen nicht stattgefunden, die Arbeitslosenquote sei hoch und die Regierung und Brüssel seien daran Schuld. Sein Hauptverdienst, erzählt der Wirt, liegt im Verkauf von Alkohol an die Dorfbewohner und in der Tat ist Sonntags um 13 Uhr ein verrauchter Nebenraum mit Leuten gefüllt, die nicht mehr nüchtern sind und vom Bier bereits zu Gin oder Vodka übergehen. Die desillusionierten, populistischen Sprüche sind nicht schön und ziemlich menschenverachtend. Wir fahren überaus bedrückt und irritiert weiter. So düster haben wir das nicht wahrgenommen und wollen es auch nicht für bare Münze nehmen.

Wir beginnen nun zu begreifen, was uns vorher durcheinander gebracht hat: Wenigstens „Guten Tag“ und „Danke“ eignen wir uns in jeder Sprache an, um eine rudimentäre Höflichkeit und guten Willen zu zeigen. In einigen Läden werden wir mit unseren slowakischen Bemühungen schräg angeschaut, oder, wenn wir nachfragen, werden uns die ungarischen Worte genannt. Was uns noch mehr verunsichert! Wir wissen gar nicht mehr was wir sagen sollen, um nicht völlig ignorant und unsensibel zu wirken. Deutsch und Englisch wird nicht viel gesprochen, Slowakisch und Ungarisch sind Minenfelder für uns. Sehr kompliziert!

Da wir uns die ganze Zeit durch das Grenzgebiet fahren, haben wir den Eindruck, die Slowakei außerhalb Bratislavas noch nicht wirklich kennengelernt zu haben.

Donau: Skulpturenpark

Bevor wir Bratislava verlassen, schauen wir uns noch schnell die Markthalle mit dem „Bauernmarkt“ an, die nur samstags geöffnet ist. Tolle Halle, die offensichtlich nicht nur zum Verkauf von Waren genutzt wird, sondern auch für andere Events. Und dann fahren wir raus aus Bratislava, das sich mit Sonnenschein von uns verabschiedet. Wir können sofort an der Donau entlang düsen und müssen uns nicht durch Vorstadtstraßen mit monstermäßigem Verkehr fädeln. Das macht Spaß.

Wir gleiten auf dem Radweg dahin. Alles glatt, alles eben und alles einfach zu fahren, die Beschilderung ist gut. Kathrin fängt ein wenig an zu maulen, weil ihr das zu einfach ist. Ben kann es in vollen Zügen genießen und so gleiten wir mit unterschiedlichen Gemütszuständen weiter.

Bis zum Meulensteinmuseum. Das hatten wir vorher schon auf der Karte gesehen und uns gedacht: kleines Museum mit zeitgenössischer slowakischer Kunst und Skulpturenpark? Das nehmen wir noch eben so mit auf dem Weg. Von wegen! Wir sind hin und weg von der Architektur des Museums, des Gartens, von der Konzeption, den Bildern und Skulpturen, der Atmosphäre. Einfach der Hammer. Ein wunderbarer Kunstplatz. Wir können uns kaum lösen und genießen die Stimmung…..

Irgendwann sind wir dann doch kunstgesättigt und machen uns auf den weiteren Weg. Es ist jetzt schnell dunkel und auch wieder kalt. Wir sehen zu, dass wir eine warme Unterkunft finden.

Donau: Bratislava

Von Wien aus machen wir uns auf den Weg nach Bratislava, der Hauptstadt der Slowakei. Das schaffen wir innerhalb eines Tages, denn die beiden Hauptstädte sind grade mal 70 km voneinander entfernt.

Das Wetter ist mäßig. Es nieselt durchgehend und alles ist in eine trübe Suppe getaucht. Wir erahnen Berge und Burgen entlang des Weges, aber sie werden im Nebel versteckt. Immerhin erkennen wir wo wir entlangfahren müssen. Der Weg geht schnurstracks durch die Donauauen. Massige Wälder mit Baumriesen und immer wieder werden die Wälder und Wiesen von Bächen durchzogen. In dem Nebel wirkt alles gespenstisch und mystisch.

Wir nähern uns der Grenze. Ben ist schon komplett durchweicht und von außen wie innen durchnässt. Etwas ähnliches haben wir doch schon mal erlebt? Schnell weiterradeln und ab ins Warme, denken wir.

Sofort hinter der Grenze, die wieder durch eine verfallende Grenzstation markiert wird, beginnt Bratislava. Das erste Wegstück führt durch ein Naherholungsgebiet und dann fahren wir ziemlich unvermittelt über eine Brücke und finden uns in der Altstadt wieder. Es fühlt sich wie ein Kulturschock an, so unvermittelt landen wir von der futuristisch anmutenden Brücke im Mittelalter.

Am Apartment angekommen werden wir vom Vermieter mit den Worten begrüßt: „I am here to wait for two crazy Germans that cycle in October.“ Recht hat er, denken wir, irgendwie ist das ein bisschen plemplem im Oktober mit dem Rad und im Regen hier rumzufahren. Aber das hält uns nicht davon ab es trotzdem zu tun.

Wir schauen uns die Stadt mit einer „free walking Tour“ an. Ein Format, das sich in vielen Städten etabliert hat: ohne Buchung geht man zum angegebenen Treffpunkt, wird von einem Guide begrüßt und dann geht es los mit all den Menschen, die sich eingefunden haben. Bezahlt wird am Ende, soviel wie jeder meint, dass es wert gewesen ist. Prima Sache!

Bratislava gefällt uns ausnehmend gut. Die Altstadt lebt von den Touristen, die hier durchgeschleust werden. Nicht zuletzt die Gruppen, die mit den Flusskreuzfahrten hierherkommen, davon haben wir entlang der Donau schon sehr viele gesehen. Aber auch normales Leben findet in den alten Gemäuern statt. Um die Altstadt herum wird und wurde wild gebaut und die Stadt erweitert. Auf der anderen Donauseite stehen unzählige Betonburgen aus der Sowjetzeit um Arbeitern ein zu Hause zu geben, wenn auch kein schönes. Sozialistische Funktionsarchitektur. Ein wilder Kontrast zu der Burg, die auf dem Hügel liegt und so majestätisch wie ein altes Mütterchen mit Krückstock wirkt. Aber auch moderne Bauten mit Glas, Beton und Stahl machen aus dem Stadtbild ein wildes Potpourri. Und gefällt das!

Und die Cafédichte ist hoch. Dort, wo bei uns Schuhgeschäfte oder Frisöre sind, sind hier Cafés. Also mindestens jedes zweite Haus. Prima! Kathrin testet schon mal alternative Räder, falls ihr Rad bei so viel Kuchen und Torten die Übersicht verliert.

Am nächsten Tag schwingen wir uns auf unseren rollenden Untersatz und erkunden die Stadt außerhalb der fußläufigen Altstadt. Hier tobt viel Verkehr, das Radwegenetz hat viele Löcher. Immer wieder endet eine Radspur und wir wissen nicht wohin: auf der engen Straße mit den Autos oder auf dem engen Bürgersteig mit den Fußgängern. Alle Verkehrsteilnehmer wirken entspannt. Sind wir auf der Straße und halten die Autos auf, so wird weder gehupt noch dicht aufgefahren, sondern gewartet bis wir überholt werden können. Fußgänger lassen sich durch unsere Anwesenheit auch nicht stören und so gelingt ein rücksichtsvolles Miteinander. Geht doch!

Die Burg liegt auf einem Berg und auch sonst gibt es einige flotte Steigungen. Nur gut, dass wir das Gepäck in der Unterkunft haben, so kommen wir nach oben und können die Aussicht bestaunen. Ein wilder Mix aus Alt und Neu. Auch hier sind die Spuren der Sowjets vorhanden, mit der eigenen kolossalen Gestaltung. Wir sind zwar nicht auf dem Iron curtain trail, dafür mittendrin.

Donau: Wien

Als erstes werden die Räder zur Werkstatt gebracht. Neue Ketten, Kettenblätter und Bremsbeläge sind dran, denn wir wollen gerne weiter so unbeschwert und pannenfrei vorwärts kommen. Ohne Termin werden die beiden Räder in der Werkstatt angenommen und sind schon am selben Tag fertig. Das ist wunderbar! So können wir uns in Wien auch mit den Rädern fortbewegen, denn die Stadt ist ganz schön groß.

Wir sind zwei Tage in Wien. Und das, was uns am meisten daran begeistert ist die Aussicht auf eine Waschmaschine! Ja, Kunst, Architektur, Stadtleben und so Zeugs ist auch toll, aber wir sind erst bei den eigenen, wichtigen Bedürfnissen… und gehen gerne sauber und wenig geruchsintensiv vor die Tür. Wir wohnen bei Tom, der uns seine Waschmaschine zur Verfügung stellt und auch mit allerhand Tipps für Wien zur Hand ist. Bestens gerüstet versuchen wir diese Stadt zu erkunden.

Wir sind erschlagen von der Masse an Stein, Prunk, Geschichte und Kunst in jedem Winkel. Alles ist so fertig und durchlebt, wir haben den Eindruck, dass für uns gar kein Platz mehr ist. Wir schauen uns Ausstellungen an (Modigliani, Schiele, Franz Hubmann und Scheibl – wer es genau wissen will) und lassen uns durch die Straßen treiben.

Es ist warm und auch am Abend kann man gut draußen sitzen. Cafés und Lokale sind auch um 21:00 Uhr und später noch voll, die Straßen belebt, der Verkehr brummt… das kennen wir schon gar nicht mehr. Auch wir sitzen mit Genuss in der Sonne und futtern uns durch die österreichisch-kulinarischen Angebote. Sehr lange dürfen wir nicht mehr hier bleiben, sonst krachen die Räder unter unserem neu erworbenem Gewicht zusammen.

Wien gefällt uns viel besser als erwartet. Ein wenig kannten wir die Stadt schon, weil wir vor Jahren hier schon Station gemacht haben. Wir stellen aber auch fest, dass es uns eine Stadt sehr viel näher bringt, wenn wir mit dem Rad einfach so hindurchstreifen. Ohne festes Ziel, und dann eben auch mal in den Gegenden landen, die nicht im Baedeker aufgeführt werden, die aber diese Stadt ausmachen und beleben.

In der Buchhandlung decken wir uns mit neuem Kartenmaterial ein, damit wir wissen wo die Donau fließt und der Radweg entlangläuft. Wir haben unsere Tour nicht akribisch vorbereitet und durchgeplant, deshalb wissen wir gar nicht so genau wo wir entlang fahren werden. Geografische Banausen die wir sind, schmeißen wir momentan noch die ganzen Hauptstädte entlang der Route durcheinander. Was müssen die auch alle mit B anfangen: Budapest, Bratislava, Belgrad. Und dann gibt es von vielen Städten auch noch andere Namen. Bratislava hieß früher Pressburg und wird in einigen Karten und Navigationssystemen noch so aufgeführt. Das verwirrt und wir haben gut zu tun die „anderen“ Namen auch noch zu lernen. Als nächstes kommen wir nach Bratislava.

Donau Österreich

Jetzt sind wir in Österreich. Und es ist wieder ein neues Land, mit gleichen Buchstaben im Alphabet aber komischerweise einer ganz anderen Sprache und anderen Gepflogenheiten. Da die Nächte kalt und nass sind, ganz wie es sich für den Herbst gehört, übernachten wir inzwischen in Gasthäusern, Hotels und Pensionen.

Zimtschnecken gibt es hier leider nicht, aber Österreich hat famose Alternativen zu bieten: Linzer Torte, Sachertorte, Marillen-, Topfen-, Zwetschgen- und Apfelstrudel, Gebäck in 1000 Variationen und Plunder in ebensovielen Variationen, Palatschinken, Torten, Kuchen und noch viel mehr. Wir werden es nicht schaffen uns durch die Vielfalt hier hindurchzuprobieren.

Die Donau haut uns um. Wir sind ohne Vorbereitung und ohne Erwartung hier gelandet und uns beeindruckt die Vielfalt der Landschaft, die wir durchradeln: flache Auenlandschaften werden von steilen Felshängen abgelöst und gehen in Weinhänge über. Die Donau ist mal wahnwitzig breit und wird dann wieder schmaler, weil die Berge kaum einen Durchfluss lassen. Spannend! Außerdem quillt hier Kultur aus allen Ritzen und Ecken. Wir sind sehr banausig und schauen uns fast alles nicht an. Lieber versucht Ben die Menschen auf den unzähligen Flusskreuzfahrtschiffen zum Winken zu animieren.

Und der Radweg ist die ganze Zeit super ausgeschildert. Nichts wird dem Zufall überlassen. Immer zeigen Schilder an wo es lang geht und falls man das verpasst haben sollte, gibt es Pfeile auf dem Boden. Die Autofahrer werden darauf hingewiesen, wenn verpeilte Radfahrer den Weg kreuzen könnten. Das kommt aber wenig vor, denn der Radweg verläuft möglichst getrennt von den Autos. Sehr einfaches Fahren. Wir kommen uns unterfordert vor und freuen uns über kleine Strecken auf denen Mal ein paar Huckel sind.

Einen Fluss muss man ab und zu überqueren. Meist geht das mit einer Brücke aber auf dem Donauradweg sind auch viele Fähren zu finden, die einen flott an das andere Ufer bringen. Wir fahren mit der Fähre so oft es geht, denn der Radweg geht auf beiden Seiten des Ufers entlang. Da können wir, wann immer wir eine Fähre finden das Ufer wechseln. Zumindest bis Anfang Oktober, dann ist die Saison vorbei und einige Fähren stellen den Dienst ein.

Und nicht nur die Landschaft ist toll, die Menschen sind es auch. Alle – also wirklich Alle – grüßen und lächeln wenn wir vorbei fahren. Wir werden oft angesprochen was wir machen, wo wir hin und wollen und so weiter. Es gibt hier so viele Radfahrer und alle sind höflich und freundlich zueinander.

Wir landen in Krummnussbaum (das ist ein Ort). Da übernachten wir und sitzen, bis das Zimmer fertig ist, im Biergarten. Sofort werden wir angesprochen was wir so machen, ob wir mit dem Rad unterwegs seien und wo wir noch hin wollen. Die beiden Herren, Franz und Sepp, versorgen uns mit Informationen über den Ort, den Radweg und Wien. Zack, nette Leute getroffen. Toll!