Wales und England 1

Von Dublin wollen wir mit der Fähre nach Liverpool übersetzen. Das geht nicht, denn die Fähre nimmt nur motorisierte Gefährte mit. Bens Fahrrad mit Motor fällt nicht in diese Kategorie und Kathrins Bio-Bike schon gar nicht. Dann schippern wir eben nicht nach Liverpool, sondern nach Holyhead. Auch gut! Holyhead ist in Wales und von Wales haben wir keine Ahnung, nur, dass es im Titel des englischen Thronfolgers auftaucht. Wir dürfen eine landschaftlich beeindruckende Radtour über die Insel Anglesey erleben. (So heißt die Insel, auf de Holyhead liegt und die zu Wales gehört, aber dem Festland vorgelagert ist.) Wir radeln durch Weideland, sanfte Hügel rauf und runter, immer hohe Berge (Snowdonia) vor uns, die sich von blauen Scherenschnittgebilden in weiter Ferne zu sehr beeindruckenden hohen Berge wandeln. Bevor es zum Äußersten kommt und wir die Berge hochrackern, biegen wir ab und fahren an der Küste weiter rRichtung Liverpool.

Wir haben schon so viele Kilometer auf unseren Rädern zurückgelegt, sie haben sich wacker geschlagen und uns nicht im Stich gelassen. Aber ab und an müssen doch ein paar Schrauben nachgezogen und Teile ausgetauscht werden. Da wir in dieser Hinsicht nicht so versiert sind, suchen wir einen Radladen auf, damit unsere treuen Drahtesel gut versorgt werden. Wir brauchen neue Ketten, Ritzel und Bens Rad braucht einen neuen Ständer. In einem kleinen Radladen weist man uns mit großem Bedauern ab, weil wir keinen Termin haben und der Mechaniker ohnehin schon Sonderschichten schiebt. Aber immerhin bekommen wir schon mal den Fahrradständer, den der Verkäufer freundlicherweise einbaut. Der Laden hat eine Zweigstelle, die auf unserer Route liegt und dort seien derzeit zwei Mechaniker im Einsatz…. wir sollen einfach mal nachfragen. Das machen wir: in der Zweigstelle kann Kathrins Rad geholfen werden: ja, sie haben die passende Kette, Ritzel und Zeit. Ob wir eine halbe Stunde warten könnten? Es gibt auch Kaffee. Natürlich können wir! Wir kommen ins Gespräch und am Ende gibt es noch ein Foto für die Insta-Seite des Ladens.

Mit den besten Wünschen machen wir uns auf den Weg. Jetzt müssen wir noch einen Laden finden, der die passende Kette für Bens Hollandrad hat. Aber auch das gelingt und so haben beide Räder nun frische Ketten und lassen sich wieder wunderbar schalten und radeln!

80 km später fährt Kathrin über einen Stock, der mit einem großem Ruck das Schutzblech kaputt reißt. Zum Glück nur das Schutzblech, darauf kann auch verzichtet werden. Speichen wären schlimmer gewesen. Wir können weiterfahren!

Wir kommen in Liverpool/England an und wissen noch nicht so recht wohin. Erst laufen wir den Beatles über den Weg und dann kommen zwei Menschen auf uns zu: Juliane und Christian, zwei liebe Nachbarn aus Dortmund. Die Freude ist riesig! Wir setzen uns in die Sonne und tauschen uns lang und breit aus. Schließlich haben wir uns fast ein Jahr lang nicht gesehen. So eine Wohltat, Freunde zu treffen. Wir fühlen uns ganz aufgeregt und spritzig in Kopf und Bauch. Gemeinsam senden wir noch einen sängerischen Gruß an die Nachbarschaftstruppe und dann geht jeder wieder seiner Wege.

Kathrin fühlt sich komisch: müde und der Hals kratzt. Das wird doch nicht.….? Doch! Ein Test zeigt es an: Coronapositiv! So ein Mist. Nachdem wir den ersten Schock überwunden haben, suchen wir eine Wohnung in der wir uns für 6 Tage einquartieren und niemanden anstecken können. Sehr schnell finden wir ein Apartment, die Vermieterin ist höchst gelassen ob unserer Infektion und stellt uns sogar Brot, Butter, Kekse und Schokolade in die Wohnung. Da sitzen wir nun und warten. Zum Glück sind die Symptome mild und Ben ist (noch) negativ.

Irland 3

Die Situation an der Ostküste ist mit den Campingplätzen etwas unübersichtlich: es gibt jede Mange Plätze, aber nicht alle akzeptieren uns mit unserem Zelt. Warum das so ist haben wir nicht ganz verstanden. Andere Radfahrer mit denen wir sprechen berichten, dass es an der Westküste überhaupt kein Problem sei und die Plätze voll mit Zelten sind. Nun gut. Die Iren sind überaus freundliche und hilfsbereite Menschen und so finden wir dann nach einigem Hin und Her meist doch noch eine Lösung.

Auf dem Weg nach Dublin geraten wir in ein Straßenfahrradfest: Wicklow 200. An einem Tag können hier 200km durch das County Wicklow geradelt werden. Das ist uns zu viel, aber ein wenig fahren wir die Strecke mit und lassen uns von den schnellen Radlern anstecken. Manche lassen wir auch hinter uns: wir sind gut im Training!

Wir sind in Dublin! Wie schon häufig erlebt, ist in der Hauptstadt eines Landes vieles anders. So erscheint es uns auch hier. Das Tempo ist schneller, die Geräusche sind lauter und schriller und es gibt mehr sichtbare Armut. Dabei sind die Menschen hier so freundlich und liebenswürdig wie wir es auch bereits im Südosten des Landes erleben durften. Und so sammeln wir Eindrücke.

Auch in Dublin findet ein Umdenken pro Fahrrad statt. Es entstehen neue Radwege und Fußgängerbereiche. Allerdings ist nicht immer alles gut durchdacht und für größere Reiseräder (Kinderwagen, Rollatoren, Rollstühle) mitgedacht: an einigen Wegen kommen wir nur mit viel Geschiebe und Trickserei hindurch.

Irland 2

Vor allem hat uns Irland wegen seiner berühmten Musik angelockt. Die wollen wir finden und erleben, doch so ganz einfach ist das nicht, denn nicht an jedem Tag wird überall 24 Stunden lang Musik gemacht. Aber hier sind viele Menschen unterwegs, die, ebenso wie wir, gerne Musik machen und so kommt es, dass wir auf einem Campingplatz Pad und seine Frau kennenlernen. Wir spielen ein bisschen zusammen und sie versorgen uns mit Noten und hilfreichen Websites. Auf einem anderen Campingplatz gesellt sich Ad aus den Niederlanden mit seiner Geige zu uns. Er ist irischer Musikexperte und schon viele Jahre hier unterwegs. Auch er hat einen reichen Liederfundus, den er gerne mit uns teilt. In der Küche des Platzes entsteht so spontan eine Session. Die anderen Besucher freuen sich und feuern uns an.

Regen und Sonne und Wind und alles gleichzeitig gehören zu Irland dazu. Vier Jahreszeiten innerhalb eines Tages zu erleben ist keine Seltenheit. Wir machen Bekanntschaft mit den unterschiedlichsten Regensorten und den schnellen Wechseln. Ein paar Mal versuchen wir während eines heftigen Schauers schnell unsere Regensachen anzuziehen und sind wenig erfolgreich, denn sobald wir sie anhaben ist der Regen vorbei und die Sonne heizt uns in den wasserdichten Klamotten ein (Schwitzwasser kommt ja auch nicht raus). Wir machen es dann wie die Iren: ignorieren! In drei Minuten ist alles wieder anders.

Waterford! Eine Stadt, die an der Küste liegt und in der es eine Whiskeyberennerei gibt, die uns unser Whiskey-Freund Frank empfohlen hat. Da wollen wir eine Tour mitmachen. Im Internet kann man sich rein theoretisch anmelden, aber es ist kein Platz mehr zu haben und der nächste freie Termin ist erst in 2 Wochen. Egal denken wir, erst einmal hinfahren und fragen, ob jemand abgesprungen ist und wir dafür einspringen dürfen. Wir werden sehr nett empfangen und nach einigem hin und her findet sich am nächsten Tag ein Platz für uns. Geht doch! Aber warum wird so eine Tour um 11 Uhr am Morgen angeboten?? Da die anderen Besucher nicht erscheinen, bekommen wir eine private Tour, in der wir viel über puristische Whiskyproduktion lernen. Wir sind begeistert! Zum Glück wird uns ein Teil der Proben in kleinen Flaschen mitgegeben, so dass wir einen Teil des Whiskeytastings am Abend nach dem Radfahren im Zelt machen können.

Die Iren scheinen Gebote und Verbote zu lieben, die sie dann möglichst nicht befolgen. Überall entdecken wir Schilder, die irgendetwas verbieten und bei Nichtbeachtung mit drakonischen Strafen drohen. Oder es sind Gefahrenschilder angebracht in einer Vielzahl und Häufigkeit, die an Helikoptereltern erinnert. Wer traut hier wem nicht über den Weg? Der Staat seinen BürgerInnen? Auch Verhaltensregeln werden auf allgegenwärtigen Schildern kundgetan, sind keine Schilder zur Hand werden die Botschaften auf Hauswänden und Steinen aufgemalt. Wir fühlen uns ein wenig umzingelt.

Die Insel ist ein Traum in grün. Überall herrscht diese Farbe in unendlichen Schattierungen vor. Primär auf den Wiesen und Weiden, die sich wie dicke Decken auf die Landschaft legen. Aber auch in den Bäumen und dicht verwachsenen Wäldern. Wenn wir dadurch fahren ist es vollkommen klar, dass wir uns in einem Land befinden, das von Gnomen, Zwergen und anderen unsichtbaren Wesen bevölkert wird. Die Straßen sind von Mauern eingefasst, die mit Efeu, Farnen und Gräsern überwachsen sind und so einen grünen Rahmen bilden. Grün, grün, grün. Und dann die oft sehr bunten und farbstarken Häuser. Türen und Fenster und die ganze Fassade sind nicht zurückhaltend mausgrau, sondern knallbunt, rot, blau und gelb angemalt. Und dann auch noch überall Kühe und Schafe. Mega!

Wäsche waschen müssen wir auch ab und zu. Hier gibt es einen Outdoor-Waschsalon an der Tankstelle. Etwas zugig, aber die Wäsche wird sauber und trocken!

Irland 1

Wir kommen mit der Fähre in Irland an und wieder ist alles anders. Das Wetter: von warmen Sonnenstrahlen ist nix zu sehen und zu spüren, ein nebeliger, kalter Nieselregen legt sich auf uns als wir an Land gehen. (Wir hatten mit dem Gedanken gespielt ein paar von den warmen Wintersachen nach Hause zu schicken: nun sind wir froh, dass sie noch in den Satteltaschen warten.) Die Sprache: Englisch, das können wir ganz gut, denken wir, aber mit dem irischen Einfluss sind wir dann doch überfordert. Und echtes Irisch können wir sowieso nicht. Der Verkehr: alles auf links! Wir müssen uns ganz schön konzentrieren und die ersten Male, die uns ein Auto entgegenkommt sind wir sehr erschrocken, fährt es doch auf der „falschen“ Seite. Aber wir sind endlich in Irland und so radeln wir mit warmen Sachen fröhlich durch den Regen nach Cork.

Wir sind durchgeweicht und hätten gerne ein warmes Plätzchen in Cork zum trocknen und aufwärmen. Was wir nicht auf dem Schirm hatten: es ist Pfingstwochenende und auch in Irland ist das ein verlängertes Wochenende mit Feiertag. In Cork finden zudem an diesem Wochenende ein Musikfestival und der Cork-Marathon statt. Wir bekommen keine Unterkunft, alles ist restlos ausgebucht. Gar nix! Überhaupt nichts. Kein Platz! Na gut, dann gehen wir eben doch auf den Zeltplatz, der nicht in Cork, sondern noch mal 10km außerhalb in Blarney liegt.

Das Örtchen Blarney, in dem wir unser Zelt aufgeschlagen haben, ist für sein Schloß und den darin befindlichen Stein berühmt. Der Sage nach verleiht der Stein demjenigen, der ihn küsst Redegewandheit! Die Iren scheinen ein großes Bedürfnis danach zu haben, denn zum einen versprechen solche Stellen, die man küssen oder reiben soll normalerweise Glück, Gesundheit, Reichtum … so was in der Richtung. Zum anderen werden hier Busladungen angekarrt, die sich alle das Schloß und die Gärten anschauen, den Stein küssen und dann im großen Souvenirladen einkaufen sollen. Wir lassen das mit dem Stein und küssen uns lieber gegenseitig. Dann decken wir uns in dem riesigen Laden mit warmen Pulli (Ben) und Gummistiefeln (Kathrin) ein. Gut gerüstet können jetzt dem Regen und der Kälte trotzen. Wir sind in Irland! Sobald wir die Dinge erworben haben hört es auf zu regnen, die Sonne kommt raus und es wird warm. War ja klar!

Französische Fundstücke

Wir radeln durch die Bretagne, um nach Roscoff zu gelangen, denn von dort wollen wir die Fähre nach Irland nehmen. Der Weg führt uns auf dem Eurovelo 4 entlang und so bekommen wir einen spannenden Mix aus Küste, Feldern und verwunschenen Wäldern zu sehen. Wir waren schon einige Male in diesem Landstrich und sind erstaunt, wie anders wir ihn auf dem Rad wahrnehmen! Kleine Orte, die schon von weitem an den hohen und schlanken Kirchtürmen zu erkennen sind, herrliche Wälder mit Bäumen, die riesig sind, Blumen ohne Ende, die die Häuser umschließen, Kühe, Küste, Wasser und Ebbe…. Wir sind hin und weg!

Was uns unseren gesamten Weg durch Frankreich, von Marseille bis in die Bretagne begleitet, sind Schussgeräusche. In unregelmäßigen Abständen sind diese Schüsse zu hören. Die Anlagen sollen dazu dienen, die Vögel von den Feldern fernzuhalten, damit sie nicht die Saat auffressen. Es muss wohl funktionieren, denn sonst würde ja nicht ganz Frankreich mit diesem System arbeiten? Unser Eindruck ist dennoch, dass sich die meisten Vögel wenig davon beeinflussen lassen.

Wir schauen uns kleine und größere Kirchen an, an denen wir vorbei kommen. Wir wissen nichts über sie und haben keine Ahnung, in was wir da reinstolpern. Wir gehen einfach nur rein, wenn sie auf dem Weg liegen und wir gerade Lust dazu haben. In einer der Kirchen sehen wir eine Wand, die aussieht, als würden dort Vogelhäuschen ausgestellt sein. Bei näherem Hinschauen entpuppen sich die Vogelhäuschen als Schädelschreine: es werden die Schädel der Verstorbenen dort aufbewahrt (was ja dann doch eine Art Vogelhäuschen ist).

„Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit“ ist das Motto unter dem Frankreich steht und das findet sich an fast jedem Rathaus. In der Bretagne auch auf bretonisch!

Als wir in Italien wegfuhren, ging dort gerade die Artischockenzeit zu Ende. Nun sind wir um einiges weiter im Norden und finden uns mitten in der Artischockenzeit, nun eben in Frankreich! Auf den Feldern stehen die kugeligen Früchte und auf den Märkten türmen sie sich!

Wir fahren nach Roscoff, ein kleiner Ort, von dem die Fähre nach Irland ablegt. Wir bekommen noch einen Platz und nach einem letzten Blick auf Frankreich geht es durch die Nacht nach Irland.

Frankreich 5

Wir sind vier Tag in Rennes, der Hauptstadt der Bretagne. Eine sehr schöne und gemütliche Stadt, aber noch viel schöner ist es, dass uns unsere Tochter besucht. Nach stundenlanger Fahrt mit dem Bus, der in Paris beinahe unter einer Brücke steckenbleibt, kommt sie in Rennens am Bahnhof an. Wir platzen fast vor Glück! Gemeinsam stromern wir in den nächsten Tagen durch die Stadt, bestaunen die bunten und überaus schiefen Fachwerkhäuser, kaufen auf dem riesigen Markt ein und machen Picknick im Park. Und natürlich machen wir uns über die bretonischen Galettes und Crêpes her.

Auf dem Markt wird auch getanzt und zwar zu Lifemusik. Die Band spielt Swing und eine Menge Menschen tanzen dazu, was unglaublich gute Laune macht. Allein nur vom Zuschauen!

Rennes hat auch ein Kunstmuseum, das wir gerne besuchen und ansehen. Im Eingang wird gerade eine spannende Lichtinstallation aufgebaut: viele bunte Kacheln, die zu Musik ihre Farbe wechseln und verschiedene Muster durchlaufen. Die restliche Ausstellung des Museums lässt uns immer wieder schmunzeln, bzw. laut lachen. Die Hängung ist sehr eigenartig und die Idee dahinter durchschauen wir nicht, aber selten hatten wir einen so ungewöhnlichen Museumsbesuch!

Wir sind wieder allein, unsere Tochter ist auf dem Rückweg nach Deutschland und wir radeln aus Rennes raus. Das kann man sehr schön entlang der Rance tun, einem Fluss, der ca. 123 Schleusen aufweisen kann. Es sind wahrscheinlich weniger, aber gefühlt kommen wir alle 2 Minuten an einer vorbei. Das Nette ist, dass die meisten der Schleusen in der gleichen Farbe wie die Fensterläden der Schleusenhäuschen gestrichen sind. Alles farblich schön aufeinander abgestimmt und wir sind neugierig, welche Farbe als nächstes um die Kurve lugt.

Ben hat eine Zauberhupe an seinem Rad angebracht. Mit dieser Hupe kann Ben den meisten Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern, wenn wir an ihnen vorbeidüsen und das Hup-Hup ertönt, müssen fast alle grinsen.

Frankreich 4

Baguette ist in Frankreich ja das Brot schlechthin. Wir staunen nicht schlecht, als wir an einem Baguetteautomaten vorbeikommen. Natürlich probieren wir das aus und es klappt prima, allerdings ist es auch etwas lieblos, wenn das Baguette mit einem Klonk in den Auswurfschacht fällt. Es schmeckt, wie es schmecken soll und in den klitzekleinen Gemeinden finden wir diese Automaten häufig. Das ist zwar praktisch, aber wir vermissen doch die kleinen Boulangerien, deren Fehlen solche Maschinen notwendig macht.

Wir sausen die Loire entlang bei bestem Wetter. Es ist warm, wir können im T-Shirt fahren, der Wind bläst gar nicht, oder ein wenig von hinten: es ist ein Vergnügen, so vor sich hin zu radeln, ohne sich um Verkehr und Navigation kümmern zu müssen. So kommt es, dass wir an all den großen Attraktionen der Loire vorbeidüsen. (Bis auf einen Leonardo da Vinci Park) Die Schlösser sind bestimmt toll und die Gärten auch … aber so dahinzufahren ist auch mal ein schönes Gefühl und deshalb machen wir das jetzt. Die Landschaft ist sowieso die Wucht und wir haben nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Wir genießen unsere Picknicks im Schatten fernab des großen Rummels.

Warum Monet so viele Mohnfelder gemalt hat? Es wimmelt hier nur so davon. Überall sind Weizenfelder in denen sich der Mohn mischt, oder Wiesen, die nur aus Mohn zu bestehen scheinen. Wir können das nicht malen, aber fotografieren!

Wir sind immer sehr gespannt auf ein neues Land und seine Friedhöfe. Hier, in Frankreich, sehen wir Friedhöfe, bei denen die Gräber mit schweren Steinplatten komplett abgedeckt sind. Oben drauf werden dann weniger Blumen, sondern noch mehr Steintafeln gestellt. Das ist eigentlich recht praktisch, man muss nicht so häufig erneuern, Steintafeln welken nicht so schnell dahin. Allerdings sieht es dadurch auch ziemlich trist aus.

Wir sind nicht mehr in der Nebensaison unterwegs. Die Campingplätze werden voller und voller. Mit unserem Zelt brauchen wir keine Sorge zu haben, dass wir keinen Platz bekommen, ein kleines Fleckchen findet sich immer. Allerdings fühlen wir uns ein wenig wie die letzten ihrer Art, denn meist sind wir das einzige Zelt und stehen umgeben von Wohnmobilen. Aber so sind wir mit unseren Rädern auch eine kleine Attraktion und werden schnell in Gespräche verwickelt. Unsere Musik können wir so aber nicht unbemerkt proben. Wenn wir üben, kommt schnell jemand aus der Hecke gesprungen und fragt ob er filmen darf. Aus den anderen Campern kommt Applaus und – schwups – schon gibt es wieder viele schöne Begegnungen und Gespräche mit Reisetipps, Erzählungen und selbstgemachtem Schnaps.

Frankreich 3

Nach Lyon sind wir nun an den Ufern der Loire unterwegs. Zuerst ist die Loire ein kleiner und sehr flacher Fluss, damit trotzdem Schiffe fahren können, gibt es entlang des Flusslaufs einen Kanal. Der Kanal führt stellenweise über (ja, über!) die Loire. Dann gibt es eine echte Wasserwegekreuzung.

Wir fahren so vor uns hin, und oft müssen wir durch weiße Pollen fahren, die wie Schneeflocken durch die Gegend wirbeln. Alles ist weiß. Es wird sehr unangenehm mit diesen Flocken in Mund, Nase und Augen. Gut, dass wir mit Mund-Nasen-Schutz ausgerüstet sind. In Frankreich ist die Maskenpflicht fast überall aufgehoben, aber gut finden wir die Masken nach wie vor, so können wir durch dieses Pollen-Schneetrieben einigermaßen unbeschadet hindurchsausen. Wenn im Schatten der Bäume die weißen Pollenflocken an den getönten Sonnenbrillengläsern vorbeiflitzen, sieht es aus, als seien wir auf der Brücke der Enterprise mit Warp 5 unterwegs.

Es gibt nicht nur weiße Pollen entlang des Weges, sondern auch viele Obstplantagen. Jetzt sind die Kirschen reif und die Bäume sehen sehr einladend aus. Es ist aber nicht erlaubt, die Kirschen zu ernten. Überall weisen Schilder darauf hin dass es verboten ist, die Kirschen zu ernten. Schade! Sie sehen zu lecker und einladend aus.

Nicht nur schöne, kleine Dörfer sehen wir entlang der Loire. Wie auch schon an der Rhône wird das Wasser des Flusses dazu genutzt, den Kühlkreislauf der Atomkraftwerke mit Wasser zu versorgen. Immer wieder kommen wir an diesen riesigen Türmen vorbei. Der Zutritt auf das Gelände ist strikt untersagt (klar) und mit viel Stacheldraht gesichert. Das sieht recht gefährlich aus und abschreckend, was es ja auch sein soll, trotzdem schafft es Bosch, uns auf einen Parkplatz und hinter ein paar Gebäude zu lotsen. Da kommt auch schnell ein Sicherheitsmann angelaufen und will wissen was wir hier wollen. Er gibt sich damit zufrieden, dass unser Navigationssystem die neusten Zäune nicht auf dem Schirm hat und lässt uns ziehen.

Es sind so viele RadfahrerInnen unterwegs. Es ist schön sich auszutauschen und nett zu plauschen. Unser Französisch wird dabei ganz schön gefordert und die Geduld unserer GesprächspartnerInnen auch. Es kommt zu vielen kleinen und großen Begegnungen, die uns Energie für die Strecke geben. Mehr als jede Zimtschnecken, meint Kathrin.

Frankreich 2

Immer wieder kommen wir an Stellen, an denen uns ganze Duftwolken berauschen. Flieder, Oleander, Thymian, Glyzinien …. Wir wissen gar nicht genau, was uns da alles in die Nase kommt. Das Meiste ist angenehm und zwischendurch fragen wir uns, ob extra für die Radfahrenden ein Duftweg angelegt wurde. Dem ist nicht so, das sind nur die ganz gewöhnlichen Gerüche und Düfte der Provence.

Natürlich kommen wir auch an unzähligen Weinbergen vorbei. Die liegen pittoresk in der Sonne und geben ein sehr schönes und idyllisches Bild ab. Zumindest solange, bis wir dann mit dem Arbeitsalltag am Weinberg konfrontiert werden. Da wird irgendetwas auf die Reben gespritzt und ganz harmlos scheint das nicht zu sein, denn der Fahrer des Gefährts trägt Schutzanzug und schaltet sofort die Sprühvorrichtung aus, als wir uns nähern. Nun ja, Weinbau ist eben auch ein Geschäft. Die Fahrzeuge, die im Weinbau eingesetzt werden ähneln den Kampffahrzeugen aus Star Wars. zumindest erscheint es uns so, als hätte George Lucas einige Ideen im Weinbau bekommen.

Das Wetter ist prima und nicht nur der Radweg ist gut ausgebaut, auch die Campingplätze sind es. So zelten wir wieder und freuen uns über unser tägliches Obstfrühstück und das Kochen auf dem kleinen Campingkocher.

Wenn man die Rhône Richtung Norden fährt, dann kommt man an Arles vorbei. Das ist einigen bekannt, weil Vincent Van Gogh und Paul Gaugin hier einige Zeit gelebt und gemalt haben. Die Brücke, die auf diversen Bildern von Van Gogh zu sehen ist, steht heute noch. Wir fahren daran vorbei und es fühlt sich an wie eine kleine Zeitreise. Ob vor vielen Jahren, als hier gemalt wurde auch die Dorfjugend ins Wasser sprang? Uns gefällt das jedenfalls besser als die alte Brücke, und die finden wir schon ziemlich gut.

Etwas weiter kommen wir zur nächsten berühmten Brücke: der Brücke von Avignon. Das Verrückte daran ist, dass es streng genommen keine Brücke mehr ist, sondern nur noch ein Stumpf. Man kommt nicht ans andere Ufer, sondern kann in die Mitte der Rhône fallen. Jedenfalls dann, wenn man den Eintritt berappt, um auf eine halbe Brücke zu gehen. Das machen wir nicht, wir investieren unser Geld lieber in Eis und Kaffee (das wundert wahrscheinlich Keinen mehr). Als ehemalige Papststadt hat Avignon auch einiges an Kunstschätzen, Palästen und Sakralkunst zu bieten. Wir sind noch zu gesättigt von Stadt- und Kunstschätzen, deshalb bleibt es beim Kaffee und Avignon beeindruckt uns nur mit seiner schönen Kulisse.

Lyon ist der nächste große Stadtstopp für uns. Hier bleiben wir einen ganzen Tag, um einen kleinen Einblick in die Stadt zu bekommen. Wir kennen Lyon nur von früheren Autobahndurchfahrten, da die Autobahn direkt am Fluss entlang direkt durch die Stadt führt, was für die Menschen, die hier wohnen, ziemlich blöd sein muss. Aber es muss doch noch mehr geben… . Wir erleben eine Stadt, in der es sehr viele Räder und Radwege gibt. Das beeindruckt uns am allermeisten. Breite Radstraßen, die gut ausgeschildert sind und Autofahrer, die entspannt auf Räder reagieren. Was bei uns die Schuhgeschäfte, scheinen hier die Radläden zu sein. Es gibt eine Menge und wir haben keine Schwierigkeiten eine Werkstatt zu finden, die mal eben die Schaltung von Bens Rad wieder richtig einstellt. Bei einer Free-walking-Tour erfahren wir mehr über die Stadt, bekommen Tipps für Bars und Restaurants und lernen Andi und Carina kennen, die ebenfalls mit dem Rad unterwegs sind. Wir genießen gemeinsam Gaumenfreuden des Markts auf der Flussmauer.

Aus Lyon kommt der Übervater der französischen Küche: Paul Bocuse. Die Markthallen tragen seinen Namen und vom innen sieht es auch nicht so aus, wie wir das von einer normalen Markthalle erwartet haben. Es gibt edle Stände, alles ist wunderschön ausgestellt und angerichtet. Es sieht eher so aus, als sollten wir ein paar Juwelen kaufen und nicht gerade Käse.

Frankreich 1

Wir nehmen den Zug von Italien entlang der Küste nach Marseille. Es ist voll! Sitzplätze gibt es auch nicht mehr. Gut, dass Ben immer gewappnet ist und seinen eigenen Sitzplatz stets mit sich führt. Im Zug stehen die Menschen dicht an dicht, außerhalb des Zuges machen es die Häuser genauso. Ab und zu können wir einen Blick auf die Küste, das Meer oder einen Berg erhaschen. Ansonsten sehen wir nur Häuser und die Menschen um uns herum. Das ist also die viel berühmte Côte d‘Azur?

In Marseille angekommen, ist der erste Eindruck genauso: alles ist voll, ein Häusermeer. Der Bahnhof in Marseille liegt erhöht, weshalb man, wenn man ankommt, einen tollen Blick über die Stadt hat, direkt auf den Dom. Aber lange hält uns die Aussicht nicht, wir schmeißen uns auf die Räder und in den Verkehrswahnsinn. Ruppig ist es, laut und rücksichtslos. Jeder versucht noch schnell die beste Lücke für sich zu erwischen, das Gedränge ist groß und gefährlich. Wir sehen zu, dass wir schnell hier wegkommen.

Wir sind in Frankreich! Alles ist wieder mal neu und anders: das Brot und der Kaffee schmecken anders, wie man in den Bars und Cafés bestellt und bezahlt ist anders und natürlich ist die Sprache anders. Mit unserem Italienisch ist jetzt Schluß! Ganz schnell kramen wir unsere Französischbrocken hervor und bekommen einen babylonischen Knoten im Hirn. Es gibt noch immer keine Zimtschnecken, aber dafür andere Köstlichkeiten durch die wir uns in der nächsten Zeit durchprobieren werden.

Von Marseille aus machen wir aus auf den Weg zur Mündung der Rhône ins Mittelmeer. Das ist bei Port-Saint-Louis-de-Rhône der Fall. Zugleich ist das aber auch schon die Carmargue und dort gibt es bekanntlich Wildpferde. Selbst auf dem Campingplatz laufen die Pferde wild herum. Allerdings sind es in diesem Fall ausgebüxte Pferde und sie werden schnell wieder eingefangen…

Und dann geht es los: wir fahren die Rhône entlang, von der Mündung am Mittelmeer hinauf, Richtung Norden. Wir sind im Radtourismus angekommen: die Radwege sind ausgeschildert (und zwar sichtbar an den richtigen Stellen), es sind sehr wenig Autos auf den Abschnitten unterwegs, die Wege sind gut gepflegt. Die Sonne scheint und wir haben Rückenwind (ja, ja, dafür kann der Radweg nichts, das ist klar….) Nach den vielen Irrungen und Wirrungen, die wir mit der Navigation bereits hatten: Wegen, die im Nichts enden, Schlaglöchern, Rumpelwegen, biestigen Anstiegen aus dem Nichts heraus, etc. genießen wir dieses Rundumsorglospaket gerade ganz besonders. Naja, ein paar lustige Hindernisse gibt es immer noch, aber die können wir locker meistern.

Meist sind die Strecken autofrei, oder zumindest nur sehr wenig befahren. Wir werden an schönen Orten vorbeigeleitet und über spannende Brücken geführt. Vorbei an Weinfeldern, Auen, riesigen Bäumen, immer wieder spannend.

Da der Radweg so gut ausgebaut, beschildert ist und zudem auch noch flach ist, verwundert es wenig, dass er von vielen Radreisenden befahren wird. An jedem Café, an dem wir halten, sind meist schon andere RadfahrerInnen und man kann sich über das woher und wohin austauschen. Kathrin nennt es das „Treffen der Ortliebtaschen“, die Taschenmarke, mit der auch wir unterwegs sind und die auch von vielen anderen Radlern geschätzt wird.